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Fussballer total
Johan Cruyff war ein bewunderter Spieler, ein visionärer Trainer und einer der letzten Unangepassten im Fussball. Am Donnerstag ist der Niederländer gestorben. Seine Ideen überleben ihn. Von Peter Hartmann
Er war Weltklasse als Spieler, dreimal Europas Fussballer des Jahres, und er war Weltklasse später als Trainer. Ein brillanter Artist auf dem Feld, ein Visionär und kühner Stratege auf der Bank, der das moderne Spiel entwickelte. Das macht Johan Cruyff, der am Donnerstag in Barcelona mit noch nicht 69 Jahren an Lungenkrebs gestorben ist, einzigartig unter all den grossen Namen des Fussballs. Und der Unvergleichliche war wahrscheinlich auch der letzte Unangepasste, ein Nonkonformist, der täglich drei, vier Pakete Camel rauchte, bis ihn, er war damals erst 41, ein Herzinfarkt zur Räson brachte.
Das Unangepasste, genialisch Eigensinnige dieses nikotinberauschten fliegenden Holländers, der sich schwerelos durch Abwehrreihen und Fussfallen wand, verklärte ihn auch zu einem Romantiker im Batman-Format. Manche Fussballgötter hatten ja ihre allzumenschlichen Obsessionen. Maradona kokste sich zu bis zur Unzurechnungsfähigkeit, George Best war Alkoholiker und ruinierte noch seine Spenderleber. Für Platini war später Macht die Droge, für Beckenbauer das Geld, Pelé verglühte vor Ruhmsucht. Der Magier Ronaldinho verschrumpelte zum flügellahmen Nachtfalter. Immerhin hat Lionel Messi, abgesehen von seinen Steuertricksereien, in Barcelona einen geregelten Kokon gefunden.
Kein Guardiola ohne Cruyff
Und Messi ist nicht denkbar ohne Cruyff, der in Barcelona nach dem Vorbild von Ajax Amsterdam das Nachwuchsinternat La Masia vorschlug. Messi kam als zwergwüchsiger Bub nach Europa und wurde von Kinderärzten mit Wachstumshormonen aufgepäppelt. Die leuchtende heutige Mannschaft des FC Barcelona, die der Vollkommenheit so nah scheint wie nie eine andere - unvorstellbar ohne Cruyff, der Trainer des heutigen Coachs Luis Enrique war. Der Superman-Trainer Pep Guardiola: Cruyffs Schüler aus dem «Dream Team» in den neunziger Jahren. Guardiolas Vorgänger Frank Rijkaard: ein Landsmann und Schüler Cruyffs.
Mit 49 stieg Cruyff aus. Das dritte Leben nach dem Fussball war weiterhin Fussball. Er arbeitete als Berater, als «Einflusshändler», wie das in Spanien heisst, und Kommentator. Er war Cruyff von Beruf, mischte sich ein, kritisierte, polemisierte lustvoll und immer am Rande einer neurotischen Entladung. Denn Fussball und alles, was damit zusammenhing, machte ihm unendlich Spass. Das war sein Antriebsmotiv. Als Spieler war er ein Hybrid: ein Stürmer und Akrobat, aber auch Antreiber und taktischer Dirigent. Auf die legendäre Nummer 14, die er nie ablegte, verfiel er aus Zufall. Die 9, die er wollte, war bei Ajax schon vergeben, als er mit 17 Jahren in der Mannschaft debütierte, auf Fürsprache seiner Mutter hin.
Hendryk Johannes Cruyff, der Sohn einer Putzfrau und Garderobiere im Ajax-Stadion von Amsterdam, hinterlässt ein Geflecht von Überlieferungslinien, eine Art Stammbaum. Cruyffs Fussspuren ziehen sich schon über ein halbes Jahrhundert hin. Bald wird es ähnliche Diskussionen geben wie in der klassischen Klaviermusik. Wie hat Beethoven gespielt? Es gibt die direkte Linie vom Beethoven-Schüler Carl Czerny zu Franz Liszt und Anton Rubinstein bis zu Jozef Hofmann, dem ersten Pianisten dieser Linie, der auf Schallplatten zu hören ist. Die Cruyff-Epigonen sind überall. Die spektakulärste Zelle der niederländischen Schule bildete sich ausgerechnet im Lande des Betonfussballs schlechthin, in Italien. Der Milan-Präsident Silvio Berlusconi berief 1987 den Schuhfabrikanten Arrigo Sacchi zum Trainer und kaufte die niederländischen Stars van Basten, Gullit und Rijkaard. Diese Mailänder Holland-Dépendance lieferte Cruyffs «Dream Team» des FC Barcelona mit Romario, Stoitschkow, Koeman, Guardiola in den neunziger Jahren epische Rasenschlachten. Auch der deutsche Fussball hat durch Guardiolas Wirken beim FC Bayern einen Touch von Cruyff und sogar auch Joachim Löws Weltmeistermannschaft von 2014 mit den Bayern-Elementen. Deutschland aber ist Johan Cruyffs Trauma.
Weltmeister ist der Niederländer nie geworden. 1974 im Endspiel der Weltmeisterschaft in München hatten die Deutschen noch keinen Ball berührt, als Uli Hoeness in der 2. Minute Johan Cruyff aus Übereifer im Sechzehner umsäbelte. Johan Neeskens, auf dem Platz der Zuträger und Leibwächter Cruyffs, versenkte den Penalty ungerührt. Die Niederländer glaubten, jetzt leichtes Spiel zu haben. Sie führten die Deutschen mit endlosen Kombinationen vor, aber die Überheblichkeit rächte sich bitter. Ein aufrechter Verteidiger namens Berti Vogts nahm Cruyff hart an die Kandare, und am Ende stand es 2:1 für Deutschland.
Vier Jahre später in Argentinien war Cruyff, obwohl erst 31 Jahre alt, nicht mehr dabei. Die Begründung lautete: aus Protest gegen die Verbrechen der Militärjunta. Erst viel später hat Cruyff den wahren Sachverhalt verraten. Er fühlte sich nicht mehr sicher, nachdem er und seine Familie in Spanien eine Nacht lang von Kriminellen gekidnappt worden waren. Der Ruhelose beendete sein fünfjähriges erfolgreiches Gastspiel beim FC Barcelona - mit drei Siegen im Meistercup, der heutigen Champions League - und zog nach Los Angeles in eine neue Welt. Später kam er zurück, pro forma trainierte er als erklärter Separatist die Nationalvertretung Kataloniens.
Geniales Schach
Wahrscheinlich hätte es den Spieler und den Trainer Johan Cruyff nicht gegeben ohne Rinus Michels, einen Sportlehrer und Physiotherapeuten, der Ajax Amsterdam als Trainer mit eiserner Zuchtrute zu reihenweisen Titelgewinnen führte. Manche Spieler hielten ihn für einen Sadisten, «der General» war noch die schmeichelhafteste Bezeichnung für den Schleifer Michels, der den «Voetbal totaal» mit ständiger Rotation der Rollen auf dem Platz erst erfand.
Nach dem «Jogo bonito», dem wunderbaren Spiel der brasilianischen Pelé-Generation, eine nie gesehene coole Synthese von Technik, Phantasie und Energie. Und der Feuerkopf und Feldherr Cruyff stürmte der Mannschaft voran wie der schottische Freiheitskämpfer Braveheart. Cruyff war 1,80 Meter gross, schmal, mit dem absoluten Ballgefühl begabt, und er war ungeheuer schnell und torgefährlich. Er dachte seinen Gegnern immer zwei, drei Züge voraus. Das erinnerte manchmal an geniales Schach. Rinus Michels holte Cruyff 1973 auch nach Barcelona, für die damalige Weltrekord-Transfersumme von 2 Millionen Dollar.
1985, zu Beginn seiner Trainerlaufbahn, kehrte Cruyff zurück zu Ajax, drei Jahre später wechselte er wieder nach Barcelona - bis zum Eklat im Jahre 1996, als ihn der Präsident Josep Lluís Núñez wegen Erfolglosigkeit entliess. Noch als Spieler hatte Cruyff Núñez 1979 überzeugt, die Akademie La Masia nach dem Modell von Ajax aufzubauen. Die Juniorenteams spielen dort in der gleichen Formation wie die erste Mannschaft, und auf jeder Position wurden Nachwuchsspieler nach Plan ausgebildet. Dieses Schulungsprinzip wird heute überall nachgeahmt.
Im März 2010 ernannte der FC Barcelona Johan Cruyff versöhnlich zum Ehrenpräsidenten, vier Monate später jedoch aberkannte ihm der neue Präsident Sandro Rosell die Auszeichnung. Dafür berief ihn sein Herzensklub Ajax 2011 in den Verwaltungsrat. Als jedoch hinter seinem Rücken sein Todfeind Louis van Gaal als CEO installiert wurde, zerrte Cruyff den Klub vor Gericht und beendete die Querelen schliesslich mit seinem Austritt. Er leitete die Johan Cruyff Foundation, die in 22 Ländern Ausbildungsprojekte für Kinder im Fussball durchführt. Die nach ihm benannte Johan Cruyff University bietet jungen Sportlern Studienprogramme in Sportmarketing und Sportökonomie an.
Und wie ein von ihm virtuos ins Universum geschossener Ball kreist am Himmel der Asteroid namens 14282 Cruijff, unsterblich.