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Von der Schwierigkeit, nicht schwarz-weiss zu malen
Ansichten zur Gewaltproblematik an Fussballspielen
Peter B. Birrer · Letztes Wochenende meldeten die Schweizer Klubs fast 68 000 Ticketverkäufe. 13 500 Besucher pro Spiel sind beachtlich. Fussball zieht. Aber selbst im halbleeren Lausanner Stadion mussten GC-Anhänger gerügt werden, die pyrotechnisches Material abbrannten. In Basel wurden im Sektor der FCZ-Fans viele Fackeln gezündet, zudem explodierten zwei Knallkörper in einer Lautstärke, die an Militärübungen erinnert. Auch im Sittener Tourbillon-Stadion brannte und rauchte es. Eine Fackel flog knapp am Kopf des St.-Gallen-Torhüters Lopar vorbei. Wäre er getroffen worden, wäre das Schlimmste zu befürchten gewesen - und die Liga hätten Diskussionen um Sicherheit durchgeschüttelt. Gut möglich, dass in dem Fall die Bilder zigfach die ganze Woche über im Fernsehen gezeigt worden wären, als würden in jedem Spiel Fackeln durch die Luft fliegen.
Es ist nicht einfach, die Gewaltthematik differenziert zu betrachten und von Pauschalurteilen wegzukommen. Der Druck aus der Politik ist gestiegen. Unlängst trafen sich Vertreter der Liga, der Klubs, der Polizei und der Fanarbeit in Bern zum Gedankenaustausch.
Die Sicht der Liga und der Klubs. Der YB-Chef Ilja Kaenzig sagt, dass das Stade de Suisse während YB-Heimspielen «das grösste Jugendhaus des Kantons» sei. Liga-Vertreter betonen «den Dienst des Fussballs an der Gesellschaft» und die Tatsache, dass «fast 100 Prozent der 10 000 Spiele problemlos verlaufen», wie der Liga-CEO Claudius Schäfer sagt. Es gebe ein «paar wenige üble Spielverderber». Man müsse mit «dem unsäglichen Schwarzpeterspiel aufhören» und dürfe nicht populistisch werden, «weil die Medien nur darauf warten». Selbstkritisch fügt Schäfer an, dass man die Aussensicht vielleicht zu lange zu wenig wahrgenommen habe.
Laut Statistik hat sich die Anzahl der Vorkommnisse rund um Fussballspiele nicht erhöht, aber auch nicht verringert. Zu den Problemzonen zählen Fanmärsche, Pyro-Material, Sachbeschädigungen. Zum Liga-Ziel «friedliche Spiele» gehört weiterhin das Pyro-Verbot, wie Christian Schöttli, der Sicherheitschef der Liga, bekräftigt. Die Liga setzt in den Bereichen Fanarbeit, Kommunikation, Stadioninfrastruktur, Kooperation mit öffentlichem Verkehr, Identifikation sowie Separierung der Übeltäter und Stadionverbote an.
Die Sicht der Polizei. Der Kanton Bern hat sieben Sportklubs in oberen Ligen. Das erschwert die Polizeiarbeit in einem Kanton, «der notorisch an Geldmangel leidet», wie Stefan Blättler, der Kommandant der Kantonspolizei Bern, ausführt. Blätter rühmt die Fortschritte auf den Ebenen Stadioninfrastruktur und Fanbetreuung, kritisierte aber, dass die Polizei bei der Festlegung der Anspielzeiten nicht einbezogen werde. Die von der Politik geforderte Bewilligungspflicht für Sportveranstaltungen sei keine Schikane, es gehe dabei nicht um Verbote, sondern um Auflagen, «weil wir alle aneinander vorbeikommen müssen».
Die Sicht der Fangruppierungen. In Voten der Fanvertreter dringt oft durch, wie unverstanden sie sich fühlen. Deshalb verweigern sie sich teilweise den Medien. Oder sie äussern sich nur anonym wie die FCZ-Südkurve. Der Tenor: Medien und Politiker setzten auf Emotionen statt Fakten, oft fehle Sachlichkeit, das Abbrennen von Feuerwerk werde schnell mit Gewalt gleichgesetzt. Die Fankurve sei kein Unort, sondern ein Sozialraum, eine Jugendsubkultur, ein Freiraum mit Selbstbestimmung. Zudem herrsche ein Ungleichgewicht, lässt die Fanarbeit Bern verlauten: Für die Säule Repression würden in Bern für ein Hochrisikospiel 250 000 Franken aufgewendet (Polizeieinsatz). Für die Säule Prävention lediglich 140 000 pro Jahr (Budget Fanarbeit).
Um der Berichterstattung in den Massenmedien etwas entgegenzuhalten, produzierten Berner Fankreise einen verklärenden Film über das Wesen der Fankurve. Die Reise zum Auswärtsspiel als harmloser Familienausflug, nur positive Stimmung, nette Sprechgesänge in der Kurve, keine Gewalt, keine Gefahr. Das ist die Botschaft. Als wäre alles harmlos, als würde keine Fackel fast den St. Galler Goalie treffen. Der Fanfilm als Reaktion auf die Stigmatisierung. Und schon ist das nächste Bild schwarz-weiss gemalt. Statt in Grautönen.