aus der nzz am sonntag.
gruess roli c.
«Ich habe mir nichts vorzuwerfen»
Ancillo Canepa kämpft an verschiedenen Fronten. Sein Team ist sportlich in der Krise, der Verein ist nach Ausschreitungen von Fans in Misskredit geraten. Zuweilen zweifelt der FCZ-Präsident an seinem Amt
NZZ am Sonntag: Nach dem Petarden-Unfall am Europa-League-Spiel Anfang November in Rom wurden Sie gefragt, ob Sie sich mit dem Thema Rücktritt beschäftigen. Sie äusserten sich nicht. Wie sieht es heute aus?
Ancillo Canepa: Nicht anders. Ich habe gar keine Zeit, um darüber nachzudenken. Ich habe gelernt, dass man öffentlich keine Aussage machen soll, hinter der man nicht zu 100 Prozent steht. Ich kann jetzt nicht sagen, es sei überhaupt kein Thema, und dann habe ich an Weihnachten am Meer Zeit, um zu überlegen, ob ich mir das wirklich noch antun will. Meine Mutter, sie ist 84-jährig, hat vor ein paar Wochen zu mir gesagt: «Ancillo, in den paar Jahren, die du noch vor dir hast, willst du dir das wirklich antun? Willst du nicht das Leben geniessen?»
Was macht Ihnen noch Freude als Präsident des FC Zürich?
Was mir Freude bereitet, ist eigentlich nicht relevant. Aber im Moment würde ich lügen, wenn ich behauptete, ich stünde jeden Morgen jubelnd auf und freute mich, dass ich FCZ-Präsident sein darf. Aber neben allen negativen Feedbacks, die ich von selbsternannten Sicherheits- und Fan-Experten bekomme, bereiten mir die zahlreichen aufmunternden Reaktionen Freude, die ich von vielen Leuten erhalten habe. Ich spüre, dass der FCZ ein riesiges Fan-Potenzial hat.
Die Saison verlief enttäuschend. Es gibt FCZ-Spieler, die sagen, der Klub befinde sich im Abstiegskampf. Teilen Sie diese Einschätzung?
Der Abstiegskampf findet Ende der Saison statt. Deshalb spreche ich jetzt sicher nicht davon. Abzusteigen ist für mich sowieso kein Thema.
Welches sind die neuen Ziele des FCZ? Der Meistertitel kann es nicht mehr sein.
Ein Europacup-Platz ist immer noch unser Ziel. Es sind noch 60 Punkte zu vergeben.
Lassen Sie uns eine These zum Trainer Urs Fischer formulieren: Sobald die Europacup-Plätze ausser Sichtweite zu verschwinden drohen, entlassen Sie ihn.
Nein. Wir beurteilen die Arbeit des Trainers qualitativ, nicht nur quantitativ. Es gibt Trainer, die kurzfristig Erfolg haben, aber keine guten Trainer sind. Urs Fischer hat eine Konstellation, wie sie sonst keiner hat.
Das heisst?
Er ist ein guter Trainer, er ist ein guter Typ, und er ist durch und durch FCZler. Bringen Sie mir einen anderen, der diese drei Bedingungen erfüllt.
Muss Urs Fischer nicht erst noch beweisen, dass er ein guter Trainer ist?
Das hat er längst bewiesen. Mit seiner Arbeit im Nachwuchs und mit dem 2. Rang in der letzten Saison. Dass auch er Entwicklungspotenzial hat, dass er in zehn Jahren ein anderer Trainer ist als heute, ist unbestritten.
Hat Fischer das Potenzial, ein so guter Trainer zu werden, dass er dereinst etwa in die Bundesliga wechseln kann?
Keine Frage. Natürlich.
Um ganz klar zu sein: Auch wenn der FCZ keinen Europa-Cup erreicht, bleibt Urs Fischer Trainer.
Urs Fischer bleibt auf jeden Fall unser Trainer.
Was werfen Sie sich persönlich vor, dass der FCZ in diese schwierige Situation geraten ist?
Ich habe zu wenige Tore geschossen. Und zu viele Tore zugelassen.
Jetzt sind Sie ironisch. Sie sind doch der Chef mit einer Verantwortung.
Also, im Ernst: Ich habe mir nichts vorzuwerfen, auch wenn man von mir Büsser-Sätze erwartet, die in der Öffentlichkeit gut ankommen. Man muss sich zurückerinnern: Wir sind Ende letzter Saison wegen eines Punkts nicht Meister geworden. Dann haben wir auf Kontinuität gesetzt. Zu behaupten, wir hätten alles falsch gemacht, ist völliger Unsinn.
Sie sagen, der FCZ habe keine schweren Fehler begangen. Also ist im Fussball alles nur vom Zufall abhängig.
Fussball ist nicht mathematisch planbar, es gibt Zufälligkeiten, Momente von Glück und Pech. Das führt zu Kettenreaktionen. Wir hatten zu viele Spieler, die nicht in Topform waren. Einige kamen aus Verletzungen zurück, andere hatten Formkrisen. Ich kann der Mannschaft nicht vorwerfen, dass sie nicht an die Leistungsgrenze geht, aber manchmal muss man darüber hinausgehen, bis an die Schmerzgrenze. Da sind Leadertypen gefragt.
Leadertypen, die dem FCZ fehlen. Hier sprechen wir nicht von Glück und Pech, sondern von strukturellen Problemen.
Wir haben routinierte Spieler. Und wir erwarten von ihnen, dass sie den Karren aus dem Dreck ziehen. Aber wenn diese Führungsspieler mit sich selber Probleme haben, wird es schwierig. Wir müssen uns die Frage sicherlich gefallen lassen: Warum habt ihr nie einen Führungsspieler-Typ à la Gennaro Gattuso geholt?
Und was antworten Sie?
Wir diskutieren schon lange darüber. Aber wir haben ein grosses Kader. Wir können nicht einfach wahllos Spieler einkaufen, wenn wir keine abgeben. Jetzt planen wir Rückrunde und die nächste Saison: Es wird im Kader sicher Mutationen geben.
Schon in der Winterpause?
Das ist möglich.
Streben Sie einen radikalen Umbau an?
Wir wollen keine Revolution, aber eine Blutauffrischung. Die Verträge von sieben Spielern laufen aus. Das gibt uns Spielraum.
Wie müssen die neuen Spieler sein?
Sie müssen integer sein und Leaderfunktionen übernehmen. Es müssen Spieler sein, die sich wehren können, die lauter sind als einige Spieler heute. Und natürlich sollen sie sehr gut Fussball spielen können. Wir werden uns gut vorbereiten, wir haben vereinzelt Fehler bei Transfers begangen, die wir nicht wiederholen wollen.
Sie sprechen Ludovic Magnin an. Er ist der teuerste Ersatzspieler der Schweiz. Das kann kein Zustand sein - weder für Magnin noch für den FC Zürich.
Nein, ich spreche nicht von Magnin. Ich meine das grundsätzlich. Zu Magnin: Er ist ein Leadertyp. Man sieht von aussen nicht, wie er seine Rolle in der Kabine und im Training wahrnimmt. Er hat einfach Pech, dass er mit Ricardo Rodriguez einen überdurchschnittlichen Spieler als Konkurrenten hat. Als wir Magnin verpflichteten, war das nicht absehbar. Aber es gab andere Fehler: Wir haben in den letzten Jahren vielleicht den einen oder anderen Spieler geholt, der sich im Nachhinein nicht als Glücks-, sondern als Problemfall erwiesen hat.
Magnins Ersatzrolle ist trotzdem für alle Parteien unbefriedigend.
Wäre ich selber ein langjähriger Nationalspieler, würde mich dieser Zustand auch stören. Deshalb verstehe ich, wenn er unzufrieden ist.
Jetzt legen Sie Magnin indirekt nahe, sich Gedanken zu machen.
Ich lege ihm überhaupt nichts nahe. Magnin ist topfit, er verhält sich vorbildlich und hat einen Vertrag bei uns. Alles andere ist kein Thema.
Auffallend ist, dass es in jeder Transferzeit wieder heisst, dieser oder jener Spieler werde den FCZ verlassen - aber am Ende gehen sie doch nicht.
Wer spricht davon? Ich? Oder der Sportchef Fredy Bickel? Gehen wir die Bahnhofstrasse auf und ab und erzählen jedem, dass wir Fritz Huber kaufen und Peter Müller verkaufen? Wir streuen doch keine Gerüchte. Es sind primär mediale Spekulationen.
Es gibt Beobachtungen, die darauf hindeuten, dass etwas im Sozialgefüge dieses Teams nicht stimmt: Wenn ältere Spieler wie Magnin oder Aegerter Kisten aus dem Bus tragen und die Jungen nicht merken, dass es etwas zu tun gibt.
Ich habe das in der «NZZ» auch gelesen. Aber das ist eine einseitige Beobachtung. Man hat wahrscheinlich nur die fünf Sekunden genommen, in denen so etwas vielleicht passiert ist. Die Journalisten sind ja auch nicht in der Kabine dabei - zum Glück!
Sie haben selber nie Ähnliches gesehen?
Ich bin viel unterwegs mit der Mannschaft. Ich schaue genau auf solche Dinge, und sie sind mir noch nie aufgefallen. Ich würde sonst sofort reagieren. Oder der Trainer würde es tun. Und wenn es in diesem einen Fall doch einmal vorgekommen ist, dann zeigt das nur: Es gibt in diesem Team keinen inneren Dünkel oder sonst eine künstliche Psychopathen-Hierarchie. Die Zeiten sind vorbei, als die Jungen für die Älteren Tee holen mussten. Bei uns hilft eben jeder mit.
Und wenn Yassine Chikhaoui und Ludovic Magnin im Training handgreiflich werden, ist das auch kein Problem?
Wer selber Fussball gespielt hat, weiss, dass es völlig normal ist, wenn man im Training einmal aneinandergerät und heftig reagiert. Im Gegenteil: Man wirft dem FCZ ja manchmal vor, die Spieler seien zu lieb und zu wenig laut. Nein, ich finde es gut, wenn sich ein Spieler einmal aufregt und ein anderer darauf reagiert. Es zeigt, dass die Mannschaft lebt.
Es ist in den letzten Monaten viel über den FCZ und Sie persönlich hereingebrochen. Sind Sie enttäuscht von Ihren Erfahrungen als Präsident?
Es ist zweifellos enorm schwierig, in Zürich Profifussball betreiben zu wollen, vor allem wenn ich dies mit den Rahmenbedingungen in Basel oder Bern vergleiche. Mittel- und langfristig können wir in Zürich fast nichts nachhaltig planen. Jetzt heisst es vielleicht wieder, ich würde jammern. Aber es ist einfach so.
Haben Sie denn etwas anderes erwartet, als Sie Präsident geworden sind?
Als ich begonnen habe, hat man uns in Aussicht gestellt, dass 2008 ein neues Fussballstadion stehen werde. Dann hiess es 2010. Mit diesem Planungshorizont im Kopf bin ich eingestiegen. Jetzt soll es 2017 so weit sein. Wie sollen wir diese Zeit bis dahin vernünftig überbrücken? Die ganze Stadiongeschichte in der Weltstadt Zürich frustriert mich schon gewaltig.
Die Probleme mit den Fans haben enormes Gewicht bekommen. Haben Sie sich das am Anfang Ihrer Zeit als Präsident vorstellen können?
Als wir ins Hardturmstadion zogen, kam dieses Thema verstärkt auf. Das war auch die Zeit, in der ich mich nicht mehr auf Einflüsterer verlassen habe, sondern versucht habe, mir selber ein Bild zu machen. Damals habe ich Kontakt aufgenommen mit den Fangruppierungen und habe gesehen, wie sie funktionieren. Natürlich habe ich nicht erwartet, dass es so übermächtig wird. Es ist nicht lustig, wenn mittlerweile fast 50 Prozent meiner Zeit für dieses Thema draufgehen.
Was mussten Sie lernen im Umgang mit den Fans?
Ich habe die Leute kennengelernt, die Verantwortlichen der Südkurve. Ich habe festgestellt, dass es intelligente, seriöse, integre Leute sind, die dem Klub per se nicht schaden wollen. Darum habe wir auch den Vereinsvorstand mit Leuten aus Fan-Gruppierungen erweitert. Aber ich habe natürlich auch realisiert, dass es einzelne Leute gibt, die sich nicht an die Regeln halten, die man mit Vernunft nicht erreicht. Da muss man rigoros durchgreifen. Gerade gestern haben der Masseur Hermann Burgermeister und ich gesagt, dass wir beim nächsten Mal, wenn etwas passiert, selber gehen und die Übeltäter aus dem Stadion werfen.
Das meinen Sie nicht ernst.
Aber genau das erwartet die Politik doch von uns . . . Im Ernst: Wer ist in der Schweiz zuständig für Ruhe und Ordnung? Primär Polizei und Justiz. Und wenn noch einmal jemand behauptet, der FCZ mache zu wenig, soll er mir das ins Gesicht sagen. Dann erkläre ich ihm gerne einmal persönlich, wie sich die Situation in der Schweiz und in Zürich präsentiert.
Geht es um die Fans, gebärden Sie sich wie ein Vater. Sie geben ihnen Kredit, werden enttäuscht, holen sie zurück ins Boot. Ein sehr emotionales Verhältnis.
Ich bin sicher kein Apparatschik. Vor allem bin ich keiner, der den Leuten nach dem Mund redet und Unsinn verbreitet, nur weil es in der Öffentlichkeit gut ankommt. Der grösste Teil der Fans verhält sich korrekt und verdient es, korrekt behandelt zu werden.
Das Bild vom Vater gefällt Ihnen?
Es ist ein interessanter Vergleich. Er schmeichelt mir eher, als dass er mich stören würde.
Ist der Fussball ein Tummelfeld für zu viele Interessen?
Fussball ist für viele ein wichtiger Treffpunkt. Im positiven wie im negativen Sinn. Viele wollen sich darin positionieren und darüber profilieren. Er wird als Bühne für illegale Aktionen missbraucht. Doch der positive Aspekt überwiegt. Fussball ist der grösste gemeinsame Nenner, den die Menschheit hat. Nicht die Religion, nicht die Politik. Es ist der Fussball. Er hat eine riesige Sogwirkung.
Fühlen Sie sich manchmal unverstanden?
Ich stelle fest, dass es fast unmöglich ist, in der Öffentlichkeit differenziert zu argumentieren. In der heutigen Medienlandschaft ist es schwierig, etwas nuanciert zu transportieren. Die Botschaft kommt selten so an, wie man sie sendet.
Interview: Flurin Clalüna,
Christine Steffen