Der deutsche Bundesgesundheitsminister lässt sich öffentlich gegen Corona impfen – sollen wir es auch tun? Und mit welchem Impfstoff? Antworten auf die wichtigsten Fragen für den Herbst
In vielen Ländern steigt die Zahl der Corona-Infektionen. Grossbritannien hat eine neue Impfkampagne gestartet und Israel wieder eine Maskenpflicht in Spitälern eingeführt. Eine Einordnung.
Stephanie Lahrtz18.09.2023, 05.30 Uhr

Corona-Impfung im Herbst: Die Schweiz und Deutschland empfehlen sie nur Risikopersonen. Die USA empfehlen sie Erwachsenen und Kindern über 6 Jahren.
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Wer sollte sich impfen lassen?
In der Schweiz ebenso wie in Deutschland wird eine erneute Corona-Impfung nur Personen empfohlen, die ein höheres Risiko haben, schwer an Covid-19 zu erkranken. Zu dieser sogenannten Risikogruppe gehören ältere Menschen. Die Schweiz gibt 65 Jahre, Deutschland 60 Jahre als Altersgrenze an.
Des Weiteren zählen zur Risikogruppe auch Personen mit Vorerkrankungen wie Herz-Kreislauf-Problemen, Übergewicht, Diabetes oder einem geschwächten Immunsystem. In der Schweiz sollten sich solche Patienten impfen lassen, die älter als 16 Jahre sind, in Deutschland schon jene ab 6 Monaten. Die deutsche Impfkommission rät zusätzlich auch Bewohnerinnen und Bewohnern von Pflegeeinrichtungen sowie medizinischem Fachpersonal mit direktem Kontakt zu Menschen aus der Risikogruppe zu einer weiteren Auffrischungsimpfung.
Ich gehöre nicht zur Risikogruppe. Kann mir eine erneute Impfung nützen oder gar schaden?
Gesunden Personen, die bereits dreimal mit dem Coronavirus in Kontakt kamen – sei es durch Impfungen oder Infektionen –, wird kein weiterer Booster empfohlen. Denn durch die mehrfachen Kämpfe, die deren Immunsystem mit dem Coronavirus ausgefochten hat, haben sie einen Schutz vor einer schweren Covid-19-Erkrankung aufgebaut. Das betrifft nahezu alle Geimpften und Genesenen.
Auch gesunde Personen können von einer erneuten Impfung profitieren. Die Spritze könnte auch sie vor einer weiteren Infektion bewahren. Nur, wie hoch dieser Schutz tatsächlich ist, das können Experten derzeit nicht vorhersagen. Denn das hängt vor allem davon ab, ob diesen Herbst diejenige Corona-Variante dominiert, gegen die zuvor geimpft wurde. Auch wie gross die Wahrscheinlichkeit sein wird, sich anzustecken, ist unklar. Es hängt davon ab, wie viele Viren beispielsweise in Tram und Büro herumschwirren und wie viele Infektionen es im Freundeskreis gibt.
Im Gegensatz zur Schweiz und zu Deutschland empfiehlt die Gesundheitsbehörde CDC der USA präventiv allen Personen älter als 6 Jahre, sich in den kommenden Wochen eine weitere Corona-Impfung mit einem angepassten Impfstoff geben zu lassen. Für jüngere Kinder gelten spezifische Regeln.
Gesundheitliche Schäden durch wiederholte Corona-Impfungen seien bisher in keiner Studie festgestellt worden, betonen Experten beidseits des Atlantiks.
Wann sollte man sich impfen lassen?
Hier stimmen die Empfehlungen aller Länder überein: Der Booster sollte am besten ab Mitte Oktober verabreicht werden. Denn dann beginnt die Hochsaison für Atemwegserkrankungen. Da die nach der Impfung vom Immunsystem gebildeten Antikörper gegen das Coronavirus nur für einige Monate in grosser Zahl im Körper zirkulieren, ist dann genau in der Virenhochsaison der grösste Schutz vorhanden. Allerdings sollte der Booster frühestens sechs Monate nach der letzten Impfung oder Infektion erfolgen.
Kann eine Corona-Impfung mit einer anderen Impfung kombiniert werden?
Ja. Studien haben gezeigt, dass die gleichzeitige Impfung mit verschiedenen Impfstoffen sowohl gut vertragen wird als auch das Immunsystem effektiv stimuliert. Es wird empfohlen, dass die Personen der Risikogruppe sich gleichzeitig gegen Corona und gegen Influenza impfen lassen.
Diesen Sommer wurde in der EU erstmals eine Impfung gegen das RS-Virus zugelassen. Es handelt sich um eine konventionelle Vakzine. Diese sollten Schwangere sowie Personen ab 60 Jahren erhalten, da das RS-Virus vor allem für Neugeborene und Ältere gefährlich werden kann.
Gibt es neue, dem Virus angepasste Corona-Impfstoffe?
Ja. In der EU, den USA und Grossbritannien wurde in den letzten Wochen eine neue mRNA-Vakzine von Biontech/Pfizer zugelassen. Diese ist nun in Deutschland verfügbar (Stand 18. 9. 2023). In der Schweiz hat die Swissmedic das Gesuch erhalten, aber noch nicht darüber entschieden (Stand 15. 9. 2023). Zwei weitere angepasste Impfstoffe, ein mRNA-Produkt von Moderna sowie ein Peptidimpfstoff von Novavax, haben ebenfalls Zulassungsgesuche in diversen Ländern gestellt.
Die oben genannten Vakzinen wurden an die seit Anfang Jahr in vielen Ländern und auch hierzulande dominierende Corona-Variante namens Krake, wissenschaftlich XBB.1.5 bezeichnet, angepasst. Gemäss den Studien wirken die angepassten Impfstoffe besser als frühere gegen die Krake und deren Abkömmlinge. Ob sie auch gegen die vor einigen Wochen erstmals aufgetauchte Variante namens Pirola (BA.2.86) effektiv sind, wird derzeit noch erforscht.
Gibt es neue besorgniserregende Corona-Varianten?
Derzeit nicht. Das Coronavirus entwickelt sich zwar ständig weiter, und somit entstehen ständig Varianten, die genetisch leicht anders aufgebaut sind. Derzeit sind alle entdeckten Corona-Varianten Abkömmlinge von Omikron. «Solange alle von Omikron abstammen, bin ich entspannt», sagt die Virologin Sandra Ciesek von der Universität Frankfurt.
Die Buchstabensuppe der Corona-Varianten
Quelle: CDC, Nextstrain, FT
NZZ / efl.
Zwar schaffen es manche der neuen Varianten, uns zu infizieren, weil nicht genügend passende Antikörper im Körper patrouillieren. Je mehr Veränderungen eine neue Variante besitzt, desto leichter kann sie diesen Wachhunden unseres Immunsystems entkommen.
Das bedeutet, dass stark veränderte Varianten auch grössere Infektionswellen auslösen können. Der Pirola-Variante könnte das gelingen, weil sie mehr als 30 Unterschiede in ihrem Stachelprotein aufweist. Doch gemäss bisherigen Erkenntnissen löst Pirola bei Geimpften und Genesenen keine schwere Covid-Erkrankung aus.
Steigt bei einer erneuten Corona-Infektion das Risiko für Long Covid?
Das kann man noch nicht genau sagen. Prinzipiell kann sich nach jeder Covid-19-Erkrankung auch Long Covid entwickeln. Doch es gibt Hinweise, dass das Risiko steigt, je mehr Viren im Körper zirkulieren. Doch ein durch Impfungen und durchgemachte Infektionen vorbereitetes Immunsystem sorgt dafür, dass bei einer erneuten Ansteckung weniger Viren im Körper vorhanden sind. Demnach könnte das Risiko für Long Covid nach einer erneuten Corona-Infektion sehr viel kleiner sein als beim ersten Mal.
Funktionieren die alten Selbsttests noch?
Ja, solange ihr Haltbarkeitsdatum noch nicht abgelaufen ist, funktionieren die gängigen Selbsttests. Allerdings entdecken sie jede Corona-Infektion nur dann zuverlässig, wenn die infizierte Person Symptome aufweist.