tagi:
So gut war der FCZ nie mehr seit Breitenreiters Abgang
(sehe ich auch so! einiges heute hat an den breitenreiter fussball erinnert, bis auf die kaltblütigkeit vor dem tor!)
Erstmals seit 176 Tagen gewinnt der FC Zürich wieder ein Spiel in der Super League. Und das, obwohl Marchesano beim 1:0 in Sitten einen Penalty verschiesst.

Aktualisiert am 30. Oktober 2022 um 19:10 Uhr

Der befreite Jubel nach der frühen Führung. Cheikh Conde und Ole Selnaes feiern den Torschützen Jonathan Okita (v. r.).
Foto: Pascal Müller (Freshfocus)
Als er auf dem Boden liegt und hört, wie der Ball hinter ihm ins Netz zischt, ist da sofort dieses Gefühl zurück. «Wie soll ich das erklären?», sagt Goalie Yanick Brecher später über diese 78. Minute im Spiel beim FC Sion: «Du fühlst dich gleich wieder in dieser Spirale, die dich schon die ganze Saison nach unten zieht.»
Monatelang ist schiefgelaufen, was für den FC Zürich schieflaufen konnte. Und jetzt? Trifft der FC Sion zum 1:1. Nur drei Minuten, nachdem Antonio Marchesano einen Elfmeter verschossen hat. Es scheint, als ob sich das Unglück einfach immer weiter auftürmt über den Zürchern. Stand nicht Marchesanos vergebener Penalty beim Saisonauftakt in Bern am Anfang des beispiellosen Absturzes?
Genesio Colatrella steht in diesem Moment an der Seitenlinie, weil er Cheftrainer Bo Henriksen vertritt, der nach seiner Roten Karte in Basel gesperrt fehlt. Colatrella hat ein Handspiel auf Höhe Mittellinie gesehen. Aber dann ärgert er sich erst über den Ballverlust von Jonathan Okita. Und als Kevin Bua trifft, hat er das Hands schon wieder vergessen. Da denkt er: «Wir sind halt doch nicht so weit, wie wir sein wollten.»
«Das Glück hat uns einen Kuss gegeben»
Aber dann ist an diesem sonnigen Nachmittag doch alles anders. Die Sittener planen an der Seitenlinie bereits, wie sie vielleicht noch einen Sieg stehlen könnten, da kommt der Videoassistent den Zürchern zu Hilfe. Tatsächlich, die Hand von Dimitri Cavaré war am Ball. Das Tor wird aberkannt.
Und weil es bereits das zweite vermeintliche 1:1 ist, das Sion vom Videobeweis wieder genommen wird, sagt Pablo Iglesias danach: «Ich will nichts sagen, was ich bereuen würde.» Iglesias ist der zweite Stellvertreter im Tourbillon, weil Sittens Paolo Tramezzani nach vier Verwarnungen auch nicht coachen darf. Ein Spiel mit zwei gesperrten Cheftrainern auf der Tribüne – auch das gibt es.
Das Telegramm
Infos einblenden
Der Walliser Zorn über das aberkannte Tor in der 17. Minute ist verständlich. Nicht, weil da «rein gar nichts war», wie es Musa Araz danach erzählt. Er hat in dem Moment den Arm schon sehr weit draussen. Aber Marchesano nutzt auch die Gunst der Stunde, wirft sich erst mit dem Gesicht in den Ellbogen des Gegners – und dann in künstlerisch wertvoller Pose zu Boden. Alain Bieri als Videoassistent ist offenbar beeindruckt.
Colatrella sagt nach dem Schlusspfiff: «Das Glück hat uns heute einen Kuss gegeben.» Aber er hat auch gesehen, dass sich seine Spieler dieses Glück verdient haben. Zur Pause müsste der FCZ mit zwei Toren Vorsprung führen. Mindestens. Weil er den Sittenern mit seinem Pressing den Ball immer wieder dort klaut, wo es richtig wehtut: nahe am Walliser Strafraum.
Plötzlich ist da wieder der richtige Boranijasevic
Einer ist besonders gut darin, das technisch schwache Spiel des FC Sion zu bestrafen: Nikola Boranijasevic, bei dem man ja schon das Gefühl hatte, er lasse sich in dieser Saison durch seinen weniger talentierten Zwillingsbruder vertreten. In Sitten ist er wieder der Flügelspieler der Meistersaison. Sein Tor unter der Woche gegen Bodö muss für ihn eine Erlösung gewesen sein.
Überhaupt scheint dieser 2:1-Sieg ganz viele Blockaden gelöst zu haben beim FCZ. So dominant, so selbstbewusst ist er seit dem Abgang von André Breitenreiter nicht mehr aufgetreten. Und so feiert er in Sitten seinen ersten Sieg in der Liga nach 16 Spielen – oder 176 Tagen.
Natürlich ist noch nicht alles gut. Die Chancenverwertung gerade von Okita spottet jeder Beschreibung. Aber immerhin darf Colatrella sagen: «Es ist schön, dass ich das Team dem Cheftrainer mit einem Sieg zurückgeben kann.» Dann steigt er in den Bus Richtung Zürich. Es ist die erste fröhliche FCZ-Busfahrt seit Monaten