Da stand er vor mir! Mein Idol! Und begann, auf mich einzuprügeln»
Eine Massenkeilerei mit 40 Eishockeyanern, ungleiche Duelle, 276 Strafminuten: Vor bald 30 Jahren kam es zwischen Rapperswil-Jona und Lausanne zu unvergesslichen Szenen.

Kristian Kapp
Publiziert: 24.02.2024, 06:00

Alle aufs Eis: Am 28. November 1995 artete das Spiel Rapperswil-Jona - Lausanne komplett aus.
Foto: Screenshot SRF
Und plötzlich sind beide Spielerbänke leer. Alle aufs Eis, jeder greift sich einen Gegner! Rapperswiler und Lausanner gehen aufeinander los, Chaos pur, 20 in Weiss, 20 in Rot, kreuz und quer über das Spielfeld verteilt. Aber nur drei Referees. 276 Strafminuten werden sie aussprechen, das ist bis heute Schweizer Rekord.
Beteiligte von damals blicken zurück.
André Rufener: «Ich sah ihn vor mir und nutzte die Chance»
Was passierte am 28. November 1995? Die Frage geht an André Rufener, der damals für Rapperswil spielte. Er überlegt und stellt dann eine ungewollt treffende Gegenfrage: «Hatte es etwas mit Eishockey zu tun?» Über eines ist sich der heutige Spieleragent sicher: «Claudio Bayer zettelte alles an!» Bayer, das war der 19 Jahre junge Goalie der St. Galler, «ein Lausbub». Doch was hatte er getan, dass die Lausanner wie von Sinnen aufs Eis stürmten?
Der Beginn: nichts Historisches. Rapperswils Daniel Bünzli und Lausannes Maxime Lapointe geben sich Saures, eins gegen eins, aber es fliegen wortwörtlich die Fetzen: Das Leibchen des Lausanners liegt am Boden, Bayer nimmt es und stülpt es über seinen Stock. Hier gehen die Erzählungen auseinander: Hat er damit wie mit einer Fahne gewinkt? Oder wie mit einem Wischmopp das Eis geputzt? So oder so: Es ist eine Provokation Richtung Lausanne. «Natürlich kamen sie alle aufs Eis!», sagt Rufener.

Sie haben uns berührt, mitgerissen, erschüttert. Wir blicken zurück auf unvergessene Sportereignisse. Hier gehts zur Übersicht.
Er steht bereits auf dem Eis, als es losgeht, vor ihm nicht irgendein Lausanner, sondern ein früherer Mitspieler aus Bieler Zeiten. Ausgerechnet! «Er war dort allen auf die Nerven gegangen. Also nutzte ich die Chance und knöpfte ihn mir vor.»
Ein paar Tage später erleben Rufener und Bünzli eine Überraschung. Ein gemeinsamer Kollege, der in Tokio lebt, meldet sich mit einer verrückten Geschichte, wie Rufener erzählt: «Im TV seien Bilder von CNN mit einer wilden Eishockey-Rauferei angekündigt worden, unser Kollege dachte, es kämen Szenen aus der NHL. Und dann sah er Bünzli auf dem Bildschirm.»
Ivo Stoffel: «Danach tranken wir gemeinsam Bier»

Beim EHC Chur eine Legende: Beim Abend in Rapperswil spielte Ivo Stoffel aber für Lausanne.
Foto: Arno Balzarini (Keystone)
An die Bilder im US-Nachrichtensender erinnert sich auch Ivo Stoffel: «Ich hatte es also doch noch nach Übersee geschafft!» Der Churer im Dienste Lausannes stand nie auf Listen von NHL-Scouts. Als hart spielender Verteidiger, der in seiner Karriere in den beiden höchsten Ligen 989 Strafminuten sammelte, sei er an diesem Abend aber prädestiniert gewesen für eine Hauptrolle, so erzählen es Weggefährten.
Er habe noch heute das Gesicht seines Trainers Jean Lussier vor Augen, erzählt Stoffel: «Er brüllte: ‹Clear the bench!› Alle aufs Eis! Das musste er nicht zweimal sagen.» Stoffel griff sich den erstbesten Rapperswiler, es war Mike Richard: «Zum Glück war er ein eher besonnener Spieler. Es kam zu keinem Kampf, wir haben bloss am Jersey des anderen gezerrt und darauf geachtet, dass niemand um uns herum auf jemanden losging, der bereits am Boden lag.»
Zwei weitere Dinge sind Stoffel noch präsent. Zum einen der Ärger seines Trainers über den eigenen Torhüter: «Statt Rapperswils Goalie zu verprügeln, wie sich das Lussier gewünscht hätte, begann Beat Kindler irgendwann, mitten im Tumult mit Bayer den Puck hin- und herzuspielen.» Zum anderen der Epilog: «In der Halle gab es eine Bar im Erdgeschoss. Wir gingen nach dem Spiel dorthin, die Rapperswiler waren auch da.» Was nach Kneipenschlägerei tönt, entpuppte sich als friedliches Ende des wilden Abends: «Wir tranken gemeinsam ein Bier, damit war die Sache geklärt.»
Marco Werder: «Er kam angebraust wie Obelix, ein Lausanner flog davon»
Marco Werder ist heute CEO des HC Lugano, der damalige Stürmer Rapperswils war bereits als Kind Lugano-Fan. «Mein Vorbild aber war Jean Gagnon», erzählt Werder. «Ein Stock von ihm hing an der Wand in meinem Zimmer.»
Und welcher Lausanner packt ihn an diesem 28. November 1995 am Leibchen? Natürlich Gagnon. Klar, wird Werder in diesem Moment nachdenklich: «Da steht er vor mir! Mein Idol! Er ist nur 1,70 gross und mittlerweile fast 40 Jahre alt. Ich kann doch nicht diesen kleinen alten Mann …»

Schiedsrichter Roland Stalder kommt zu spät: Lausannes Jean Gagnon (links) hat Marco Werder schon längst das Jersey ausgezogen.
Foto: Screenshot SRF
Gagnon hat da weniger Bedenken. Bevor Werder seine Gedanken sortieren kann, hat ihm der Kanadier bereits das Leibchen über den Kopf gezogen und begonnen, auf ihn einzuprügeln. Werder kann heute darüber lachen: «‹Der alte Mann, der dir auf die Fresse haute› – das bekam ich in der Garderobe noch ein paarmal zu hören.»
Eine bessere Figur macht Teamkollege Blair Muller – es ist Werders Lieblingsszene des Abends: «Blair hatte Oberarme wie ich Unterschenkel. Wie Obelix raste er von der Bank kommend ins Getümmel, Stock und Hände voran. Ein Lausanner flog im hohen Bogen davon.»
Blair Muller kommt von links angebraust, Lausannes Spieler «fliegt» davon.
Video: SRF
Gerd Zenhäusern: «Gabriel Taccoz kam eher als Knochenbrecher infrage»
Etwas stellt Gerd Zenhäusern, der damalige Lausanne-Stürmer, sogleich lachend klar: «Ich stand zwar auf dem Eis, als es losging. Aber ich war nicht der Initiator!» Der heutige Co-Sportchef bei Fribourg verkörperte als Spieler die technischen Finessen des Sports und war ein Gentleman auf dem Eis. «In meiner ganzen Karriere geriet ich nur in drei Kämpfe, in zwei davon zufällig – nur einen habe ich provoziert», sagt der Walliser.
Er habe entsprechend bloss gerungen mit einem Rapperswiler, nicht zugeschlagen, beteuert Zenhäusern. «Für die groben Dinge waren unsere stärkeren Jungs zuständig. Zum Beispiel Gabriel Taccoz.» Der 100-Kilo-Mann aus dem Wallis sei eine Urgewalt gewesen: «Er kam eher als Knochenbrecher infrage.»

Über 28 Jahre ist es her: Gerd Zenhäusern im Lausanne-Dress, hier im Zweikampf mit GC-Spieler Hannu Virta, aufgenommen im NLB-Final am 4. April 1995 – dank eines 8:0-Siegs stieg der LHC auf, erst so wurde der «Abend in Rapperswil» möglich.
Foto: Patrick Aviolat (Keystone)
Es ranken sich gerade in Nordamerika Legenden um Massenkeilereien und darum, wie sie für besseren Teamgeist und künftige Erfolge gesorgt haben sollen. War dies bei Lausanne, dem Aufsteiger und Tabellenletzten, auch der Fall? Mit seiner Antwort raubt Zenhäusern dieser Frage jegliche Romantik: «Nein.»
Definitiv kein Glück brachte das Ganze Trainer Lussier: Drei Wochen später wurde er entlassen.
Cyrill Pasche: «Ich wünschte, ich hätte Bilder von damals»

Kaum Bilder aus jener Zeit: Cyrill Pasche, hier im Jersey des EHC Biel, lässt Ajoies James Desmarais stehen – aufgenommen am 9. März 2008 in Pruntrut.
Foto: Stéphane Gerber (Keystone)
Gabriel Taccoz hat auch bei seinem damaligen Teamkollegen Cyrill Pasche Eindruck hinterlassen: «Er wollte gar nicht fighten, doch ein Rapperswiler forderte ihn heraus. Das war keine gute Idee.» Pasche, der heute als Sportjournalist arbeitet, beobachtete jenen einseitigen Kampf unter besonderen Umständen. Auch er hatte sich den nächstbesten Gegner gegriffen – es war Marc Weber, der wie Pasche Bieler und ein guter Kollege war. «Wir wollten nicht gegeneinander kämpfen, also schauten wir den anderen zu.»
276 Strafminuten, davon allein 262 im Mitteldrittel – Pasches Anteil an diesen Rekordzahlen war mit je einer 2-Minuten-Strafe im ersten und im dritten Drittel, aber keiner Sanktion während der Schlägerei bescheiden. «Wenn ich das so anschaue», sagt er lachend, «dann bin ich enttäuscht von mir.»
Was er auch bedauert, ist der Mangel an Fotomaterial von jenem Spiel und generell aus jener Zeit. Die wenigen auf Youtube verewigten Bilder sind zudem von schlechter Qualität. «Die Athleten von heute haben eine Unmenge von Fotos und Videos von ihren Spielen, meine Generation hingegen hat fast nichts», sagt Pasche. Wobei dies vielleicht auch Vorteile hat. Denn im Beitrag des Westschweizer Fernsehens über den Abend von Rapperswil sind auch Spielszenen zu sehen. Und da konstatiert Pasche gleichermassen entsetzt wie amüsiert dies: «Das Niveau war im Vergleich zu heute unglaublich schlecht.»
Roland Stalder: «Irgendwann kannst du nichts mehr tun»

Der Schiedsrichter: Roland Stalder, hier auf einem Bild vom 18. Februar 2005 beim Spiel ZSC - Rapperswil-Jona im Hallenstadion.
Foto: Patrick B. Kraemer (Keystone)
Einer durfte das Ganze ausbaden. Für einige war natürlich er der Schuldige – schliesslich ist immer der Schiedsrichter schuld. Es war Roland Stalder, der mit seinen beiden Linienrichtern versuchte zu retten, was nicht zu retten war. «Du schreitest zunächst dort ein, wo es am meisten brennt», erzählt Stalder, «aber irgendwann kannst du nichts mehr tun.»
Gemäss Regeln hätte er die ersten fünf, die von der Bank aufs Spielfeld stürmten, mit Matchstrafen belegen müssen. Wie aber diese erkennen, wenn gleichzeitig knapp 30 angerannt kommen? «Da bist du chancenlos», gesteht Stalder. Strafen verteilte er dennoch en masse, dass er damit Teil eines ungewollten Rekords wurde, erfuhr er schon bald. «Gottlob war es wenigstens nicht auch noch Weltrekord …»
Er habe sich lange überlegt, was er anders hätte machen können an jenem Abend. Und es habe Momente gegeben, in denen er sich gefragt habe, warum er das alles überhaupt mache. Doch schon bald seien wieder gute Erlebnisse dazugekommen, sagt Stalder. «Und rückblickend habe ich an jenem Abend ja auch einiges gelernt.»
Rapperswil - Lausanne 3:1 (2:0, 0:0, 1:1)
Lido. – 3050 Zuschauer (Saison-Minusrekord). – SR: Stalder, Jau/Pfrunder.
Tore: 12. (11:37) Weber (Thöny, Rufener/Ausschluss Lapointe) 1:0. 13. (12:15) Meier 2:0. 41. (40:24) Marquis (Taccoz, Desjardins/Ausschluss Meier) 2:1. 60. (59:57) Thibaudeau (Richard, Rogenmoser/ins leere Tor) 3:1.
Strafen: 14-mal 2 Minuten plus 5 Minuten (Bünzli) plus 4-mal Spieldauer-Disziplinarstrafe (Camenzind, Ritsch, Weber, Muller) plus Matchstrafe (Bünzli) gegen Rapperswil. 19-mal 2 Minuten plus 5 Minuten (Lapointe) plus 4-mal Spieldauer-Disziplinarstrafe (Robert, Simonet, Pasquini, Maurer) plus Matchstrafe (Lapointe) gegen Lausanne.
Rapperswil: Bayer; Sigg, Bünzli; Capaul, Muller; Rutschi, Ritsch; Kradolfer; Rogenmoser, Richard, Thibaudeau; Bachofner, Weber, Rufener; Meier, Werder, Hofstetter; Camenzind, Thöny.
Lausanne: Kindler; Marquis, Gagnon; Wick, Stoffel; Simonet, Guignard; Wyssen; Robert, Desjardins, Maurer; Zenhäusern, Pasche, Monnier; Lapointe, Pasquini, Taccoz; Schläpfer, Gauch.
Bemerkungen: Rapperswil ohne Soguel; Lausanne ohne Verret (beide verletzt), dafür erstmals mit Gauch (Ex-ZSC). – 27. Kindler hält Penalty von Richard.

Eine (fast) unendliche Geschichte: Alle im Spiel ausgesprochenen Strafen im elektronischen Speicher des damaligen Liga-Statistikers.