Fussball am Anschlag
Nach zwei Tagen Sommerpause geht es schon wieder los
Kaum ist der Final der Champions League vorbei, beginnt die Nations League. Die Spieler sind ständig überlastet und die Fans immer gleichgültiger. Sie alle maulen zu Recht.

MEINUNGDavid Wiederkehr (TA)
Publiziert heute um 05:03 Uhr

Karikatur: Felix Schaad
Es waren aussergewöhnliche 48 Stunden. Ungewöhnlich ruhige Momente seit der Barrage zwischen Luzern und Schaffhausen am Sonntagabend. Danach, am Montag und Dienstag, ruhte der europäische Fussball, und zwar fast vollständig. Abgesehen von einem Erstligaspiel in Estland, ein paar unterklassigen Begegnungen in Finnland, Schweden oder Norwegen und dem Cupfinal in Albanien: Sommerpause. Endlich. Zwei ganze Tage lang.tzt einkaufen!
Am Mittwoch ist die Pause schon wieder vorbei, wenn in Glasgow das wegen des Krieges verschobene WM-Playoff zwischen Schottland und der Ukraine ansteht. Zudem treffen in London Italien und Argentinien für ein Freundschaftsspiel aufeinander, auf das die Welt gewartet hat. Und am Donnerstag beginnt für das Schweizer Nationalteam die Nations League, einst eigens dafür geschaffen, um eigentlich belanglosen Testspielen einen Anstrich der Relevanz zu verpassen. Die Schweiz spielt gegen Tschechien, Portugal und Spanien um – ja um was eigentlich? Und dafür sind vier Partien in elf Tagen bis Pfingstsonntag angesetzt.
«Ich frage mich schon, ob das sinnvoll ist. Irgendwann sind der Körper, aber auch der Kopf müde. Ich glaube, diese Spiele hätte niemand unbedingt gebraucht.» So sagt das Fabian Schär im Interview mit «20 Minuten». Champions-League-Finalist Liverpool hat in der abgelaufenen Saison 63 Partien bestritten, und nun kommen für viele seiner Nationalspieler noch Einsätze in der Nations League hinzu. Bei Sieger Real Madrid waren es 54.

Erschöpft und glücklich nach einem intensiven Spiel – und einer langen Saison: Die Spieler von Real Madrid nach ihrem Sieg im Final der Champions League vom Samstag in Paris.
Foto: Matthias Hangst (Getty Images)
Der Fussball nimmt für sich heraus, omnipräsent zu sein, und verlangt seinen Spielern und Trainern alles ab. Kaum haben die Spieler einmal Sommerferien, beginnt bald wieder die Saisonvorbereitung, die grössten Clubs fliegen dafür sogar um die Welt. In der Schweiz nehmen die meisten Teams ihr Training in den Tagen nach Pfingsten wieder auf – kurz nach der Nations League also. Die neue Saison im Europacup beginnt in drei Wochen mit der ersten Qualifikationsrunde.
Kein Anfang mehr und auch kein Ende
Der dichte Terminkalender wird immer noch dichter und überfordert längst nicht nur die Spieler, sondern auch die Fans. Der Markt ist gesättigt, ständig ist irgendwo Fussball zu sehen – ein Fussballjahr hat keinen Anfang mehr und auch kein Ende. Klar, es gibt die Maniacs, die Nerds, die alles aufsaugen und selbst in Begegnungen wie La Fiorita - Vikingur Reykjavik oder Schachtar gegen Gent einen Sinn sehen. Wer sucht, der findet im Internet fast von jedem Match einen Livestream. TV-Stationen übertragen inzwischen selbst Club-Freundschaftsspiele.
Aber der Grossteil des Publikums erlebt einen Overkill und reagiert zunehmend gleichgültig auf immer noch mehr Spiele. Den Final der Champions League lässt sich kaum jemand entgehen, aber wer erlebt in seinem Freundeskreis auch während der Gruppenphase noch echtes Interesse?
Entfremdend wirken auch die Geldexzesse gewisser Clubs, die absurd hohe Verschuldung des FC Barcelona etwa. Oder die Winter-WM Ende Jahr im Kleinstaat Katar. Oder die Idee einer Luxusliga namens European Super League, von der Real, Barcelona und Juventus Turin die Finger partout nicht lassen können (ja, das Thema ist ernsthaft noch nicht vom Tisch). Oder eben auch die Nations League, deren zentrale Vermarktung die Uefa übernommen hat. Resultat: Zwischen dem 2. und 14. Juni setzt sie jeden einzelnen Abend Spiele an.
Auf ihrer Jagd nach immer noch mehr Geld haben auch die nationalen Ligen ihre Spieltage mehr und mehr zerstückelt. Früher wurde die Bundesliga samstags um 15.30 Uhr angepfiffen, heute gibt es in Deutschland fünf verschiedene Anspielzeiten. In England sind es fünf oder sechs, in Italien sogar acht, und in Spanien hat an manchen Wochenenden jedes der zehn Spiele der höchsten Liga einen eigenen Slot. In der Schweiz werden ab 2023 Playoff und Entscheidungsspiele eingeführt, um am Ende einer Saison die Spannung zu steigern – und damit, im Idealfall, die Einnahmen.
Der durch und durch kommerzialisierte US-Sport diente den Fussball-Funktionären in mancher Hinsicht als Vorbild. Andererseits: Die Football-Liga NFL erlebt im Unterschied zum Fussball Phasen des totalen Stillstands. Zwischen der Superbowl und dem Start zur neuen Saison vergehen fast sieben Monate. Events wie die Öffnung des Transferfensters im März, der Draft im April oder die Veröffentlichung des Spielplans im Mai sorgen für Hypes zwischendurch, aber bevor Anfang September wieder erste Spiele anstehen, sind das Verlangen der Fans nach Football und die Vorfreude so gross, dass dieser Saisonstart alles überragt und selbst die politische Nachrichtenlage dominiert.
Die Zeiten, in denen das auch im Fussball passiert, sind vorbei. Diese Entwicklung haben die Verantwortlichen selbst gewählt.