Beiträge von Larry

    Schicksalsspiel der ZSC Lions

    Jetzt geht es um den Job von Trainer Grönborg

    Sollten die Zürcher gegen Biel scheitern, wäre ein Trainerwechsel unvermeidlich. Doch die Spieler sollte das nicht interessieren. Für sie gilt es nun, Stolz zu zeigen.

    Simon Graf
    Simon Graf

    Nachdenkliche Miene: Steht Rikard Grönborg am Samstag zum letzten Mal an der ZSC-Bande?


    Nachdenkliche Miene: Steht Rikard Grönborg am Samstag zum letzten Mal an der ZSC-Bande? Foto: Ennio Leanza (Keystone)

    Man kann Rikard Grönborg nicht vorwerfen, er hätte am Donnerstag in Spiel 5 nicht einiges versucht. Auf der Suche nach etwas Schwung coachte er im Stile eines Nordamerikaners. Munter mischte er die Linien durcheinander, Rückkehrer Denis Malgin bekam immer wieder neue Sturmpartner, doch alles nützte nichts. Die ZSC Lions verloren 1:3, und der 31. März 2022 könnte als das Datum in die Geschichte eingehen, an dem nach über 71 Jahren das letzte Hockeyspiel im Hallenstadion absolviert wurde.


    In der NHL, dem erklärten Ziel Grönborgs, ist aktives Coaching gefragt. Ob er jemals so weit kommt, wird sich weisen. Jedenfalls sieht es zurzeit so aus, als seien die ZSC Lions nicht das Sprungbrett für seine Karriere, das er sich erhofft hatte. Sollten die Zürcher im Viertelfinal gegen Biel ausscheiden – heute Samstag auswärts oder am Montag in einem Spiel 7 –, kann man davon ausgehen, dass es dies für den Schweden bei den ZSC Lions gewesen ist. Trotz eines Vertrags für eine weitere Saison. Und obschon das für die Zürcher teuer würde.


    Es braucht Aufbruchstimmung


    Die ZSC Lions ziehen im Herbst in ihr eigenes Heim in Altstetten ein, die Vorfreude wurde allerdings getrübt durch einen Materialfehler: Wegen defekter Schrauben werden sie erst Mitte November erstmals in der Swiss-Life-Arena spielen können, mit zweimonatiger Verzögerung. Ein guter Start in ihr neues Zuhause ist für diese Organisation, die viel in dieses Projekt investiert hat, von grosser Bedeutung. Es gilt, am neuen Standort eine Aufbruchstimmung zu kreieren. Mit Grönborg an der Bande wäre das schwierig. Es sei denn, es gelingt in diesem Playoff noch der spektakuläre Befreiungsschlag.


    Auch intern hat sich die Begeisterung über den wortgewandten Schweden in den letzten Monaten stark abgeschwächt. Das Versprechen, auch junge Spieler einzubauen und weiterzubringen, löste er nicht ein. Und er schaffte es nicht, den ZSC Lions ein Gesicht zu verpassen. In den vier Jahren unter Marc Crawford (2012 bis 2016) wusste man genau, wofür sie stehen: für temporeiches, angriffiges Eishockey. Unter Grönborg zeigen sie immer wieder andere Gesichter.

    War im ersten Jahr unter dem Schweden noch eine klare Linie zu erkennen, stand die hochtalentierte Mannschaft in dieser Saison primär für ihre zuweilen brillanten Einzelaktionen, ihre Undiszipliniertheiten und ihre Unstetheit. Eine Aktion konnte das ganze Team schon wieder in Panik stürzen. Und die Identität der Zürcher hat sich im Playoff nochmals verändert: War die Offensive lange ihre Stärke, lässt Grönborg ab Spiel 2 des Viertelfinals mit drei Ausländern in der Defensive spielen. In den letzten drei Spielen brachten sie so nur je ein Tor zustande. So kann man, trotz des überragenden Jakub Kovar im Tor, keine Playoff-Serie gewinnen.


    Die gute Nachricht


    Die gute Nachricht ist: Obschon die Zürcher gegen Biel ausser auf der Goalieposition in allen Belangen unterlegen waren, haben sie immer noch die Chance, die Serie zu drehen. Gern erinnert man sich an ihre heroischen Comebacks in den Finals 2001 gegen Lugano und 2012 gegen Bern nach 1:3-Rückständen. Damals mussten sie drei Spiele in Folge gewinnen, jetzt nur zwei. Dies gegen ein Team, das, Pardon!, nicht unantastbar scheint.

    Die ZSC Lions spielen am Samstag in Biel und allenfalls am Montag in Zürich um den Job ihres Trainers. Dessen dürften sich alle bewusst sein. Die Spieler sollte das aber nicht gross interessieren. An ihnen ist es, in dieser schwierigen Situation Stolz zu zeigen und sich Einsatz für Einsatz aus dem Loch herauszuarbeiten, in das sie sich gebracht haben. Mutig zu spielen, aber nicht kopflos wie am Donnerstag, als Garrett Roe sein Team mit einem desaströsen Querpass in der eigenen Zone ins Unglück stürzte.


    Erinnerungen an Samuelsson


    Vielleicht zaubert Grönborg im Spiel der letzten Chance ja einen neuen Spieler aus dem Hut. John Quenneville, lange der beste Torschütze der Zürcher, muss seit Spiel 1 zuschauen und könnte allenfalls für neuen Schwung sorgen. Wie Morgan Samuelsson, der 2001 im Final gegen Lugano bei 1:3 auf Drängen von Sportchef Simon Schenk ins Team zurückkehrte und die Wende orchestrierte.

    Die Situation ist für Waeber sicher nicht einfach aber halt Business as usual. Goalie ist eh ein scheiss Posten, entweder du bist die Nummer 1 oder hast geschissen. Auch als Nummer 1 ist es nicht immer glatt, siehe im Moment Davos oder Kloten......

    bemerkenswert: Die ZSC Lions boten ihm nach seinen starken Leistungen einen Vertrag für nächste Saison an, aber er lehnte ab.

    Das heisst im Umkehrschluss für mich, dass sie nicht wirklich auf Waeber als künftige Nummer 1 setzen ...

    War ja klar (und richtig) das sie Kovar nach dessen Leistungen einen Vertrag angeboten haben. Da er abgelehnt hat kommt ev. eben doch Waeber wieder zum Handkuss der Nummer 1. Oder sie holen einen anderen aus der abserbelnden KHL.

    ZSC-Retter Jakub Kovar

    Er sagte: Wenn das Knie nicht mitmacht, will ich kein Geld

    Eigentlich wollte der tschechische Goalie aufhören, in Zürich hat er Hoffnung geschöpft, doch noch einen Titel zu holen. Aber länger bleiben will er nicht – wegen seines Sohnes.

    Simon Graf
    Simon Graf
    Publiziert heute um 16:29 Uhr

    Dank der Kollegen: Jakub Kovar wird nach seinem zweiten Shutout von Willy Riedi geherzt.


    Dank der Kollegen: Jakub Kovar wird nach seinem zweiten Shutout von Willy Riedi geherzt. Foto: Alessandro Della Valle (Keystone)

    Vor dem Playoff-Start schwärmte Coach Rikard Grönborg über Goalie Jakub Kovar, der kurz vor Weihnachten zu den ZSC Lions gestossen war: «Mit seinem ausgeprägten Selbstbewusstsein bringt er eine Selbstsicherheit in die Gruppe. Er hat uns einen Boost gegeben.» Wahrscheinlich verliessen sich die Zürcher dann aber etwas zu stark auf den Tschechen. In den ersten zwei Viertelfinalspielen gegen Biel (4:5, 3:4 in Overtime) liess Kovar so viele Tore zu wie nie zuvor, immer wieder im Stich gelassen von seinen Kollegen.


    Ein, zwei Treffer wären haltbar gewesen, aber Kovar verhinderte mit zahlreichen spektakulären Paraden auch viele weitere. Und wie die ZSC-Anhänger aus den Zeiten mit Ari Sulander wissen: Auch ein Topgoalie kann einmal einen weniger guten Abend haben, entscheidend ist, wie er darauf reagiert. Die Reaktion Kovars war eindrücklich: Seit 148 Minuten und 27 Sekunden hat er kein Tor mehr zugelassen, die letzten 68 Schüsse hat er abgewehrt. Dank zwei 1:0-Siegen glichen die ZSC Lions die Serie auf 2:2 aus, weiter gehts am Donnerstag im Hallenstadion.

    Zitat
    «Dieses Playoff ist ein Goodbye für mich. Das ist meine letzte Chance, einen Pokal nach Hause zu bringen.»
    Jakub Kovar

    Der 33-Jährige ist dieser Tage ein Mann auf einer Mission. Nach neun Jahren in der Fremde kehrt er nach dieser Saison in seine Heimat zurück. «Dieses Playoff ist ein Goodbye für mich. Das ist meine letzte Chance, einen Pokal nach Hause zu bringen», sagt er. «Das ist für mich eine Extramotivation.»

    Die ZSC Lions boten ihm nach seinen starken Leistungen einen Vertrag für nächste Saison an, aber er lehnte ab: «Mein fünfjähriger Sohn wird nächstes Jahr eingeschult, und da will ich dabei sein.» Seine Frau blieb mit dem Sohn während seines Zürcher Gastspiels denn auch zu Hause im tschechischen Pisek, einer malerischen Stadt in Südböhmen mit rund 30’000 Einwohnern.

    Dass er in diesem April überhaupt noch Eishockey spielen würde, hatte Kovar lang nur hoffen können. Eine Knieoperation im Frühling 2021 hatte nicht den gewünschten Effekt. «Der Eingriff löste ein Problem, zog aber noch ein grösseres nach sich», sagt er. «Ich hatte den ganzen Sommer Probleme.» Er rückte handicapiert ein für seine siebte Saison beim KHL-Club Awtomobilist Jekaterinburg, bestritt nur eine Partie und wünschte Ende September die Auflösung seines Vertrags. So ergab es für ihn keinen Sinn. Ein Mann auf einer Mission: Jakub Kovar.


    Ein Mann auf einer Mission: Jakub Kovar. Foto: Sven Thomannn (Freshfocus)

    Er kehrte nach Tschechien zurück und überlegte, ob er aufhören soll. Nachdem er seinem Körper eine Pause gegönnt hatte, stieg in ihm der Wunsch auf, es nochmals zu probieren. Er begann, die Muskeln rund ums Knie aufzubauen, um dieses zu stabilisieren, im Dezember sondierte sein Agent den Markt. ZSC-Sportchef Sven Leuenberger wurde sofort hellhörig. Er hatte Kovar schon länger beobachtet, zu seiner Berner Zeit hatte der SCB auch zweimal gegen den Tschechen gespielt. Leuenberger sagt: «Dass Kovar ein Topgoalie ist, wusste ich. Die Frage war nur: Hält sein Knie?»

    Kovar einigte sich mit den Zürchern auf einen Vertrag, sagte aber auch: Wenn es gesundheitlich nicht gehe, wolle er auch kein Geld. «So etwas gibt es nur selten im Business», sagt Leuenberger. «Du hast gemerkt: Er wollte einfach spielen.» Das tat Kovar dann auch: Am 2. Januar gab er gegen Fribourg sein Debüt mit einem 4:2, es war sein erstes Spiel seit vier Monaten. «Ich war schon nervös», blickt er zurück. «Zum Glück war es kein so schwieriges Spiel. Und mit jeder Partie fühlte ich mich besser.»

    Kovar verdrängte Stammgoalie Ludovic Waeber, den die ZSC Lions noch im September mit einem Vertrag bis 2025 ausgestattet hatten, im Nu als Nummer 1. Bis zum Ende der Regular Season startete er in 14 von 19 Spielen, fürs Playoff war er gesetzt. Und auch nach dem Fehlstart in die Biel-Serie hielt Grönborg an ihm fest – und wurde dafür belohnt. Wobei Kovar davon profitierte, dass seine Vorderleute nach dem Ausfall von Denis Malgin zu Beginn von Spiel 3 viel solider spielten.

    Zitat
    «Im Playoff geht es nicht darum, so viele Tore wie möglich zu schiessen. Sondern primär darum, Tore zu verhindern.»
    Jakub Kovar

    «Als ich nach Zürich kam, merkte ich gleich, dass diese Mannschaft ein enormes offensives Potenzial hat», sagt Kovar. «Aber im Playoff geht es nicht darum, so viele Tore wie möglich zu schiessen. Sondern primär darum, Tore zu verhindern. Die beste Defensive gewinnt in der Regel. Daran arbeiten wir.»

    Der Kontrast zwischen dem Spiel in der National League und der russischen KHL sei recht gross, hat er festgestellt. «Es ist für einen Goalie nicht einfach, hier gute Statistiken zu haben. Denn viele Teams spielen sehr offensiv, es gibt viele Puckverluste, viele gute Chancen, viele Powerplays. Die Schiedsrichter pfeifen sehr viel. Dass alles so unberechenbar ist, macht es aber auch interessant. Wenn du in Russland zwei Tore zurück warst, war das Spiel praktisch vorbei. Hier kannst du auch noch gewinnen, wenn du vier Tore in Rückstand liegst.»

    So weit soll es für die ZSC Lions im Playoff indes nicht mehr kommen. Denn Kovar hat ja ein grosses Ziel: endlich einen Titel zu gewinnen. Sein 20 Monate jüngerer Bruder Jan, den er in den letzten Monaten oft in Zug besuchte, hat ihm da etwas voraus: Der Stürmer gewann mit Magnitogorsk zweimal die KHL-Meisterschaft (2014, 16) und wurde im vergangenen Frühling Schweizer Meister.

    Der EVZ sei auch diesmal das Team, das es zu schlagen gelte, sagt Jakub Kovar. Auf die Zuger könnten die ZSC Lions erst im Final treffen. Aber bis da braucht es noch ganz viele Paraden des reflexstarken Tschechen.

    Der oberste Chef des SC Bern zieht sich nach 24 Jahre überraschend zurück – Marc Lüthi schrieb eine der erfolgreichsten Geschichten im Schweizer Teamsport

    Ein Vierteljahrhundert lang hat Marc Lüthi den SCB geprägt und ihn zu einem der erfolgreichsten Sportunternehmen der Schweiz, wenn nicht Europas gemacht. Nun überlässt er die operative Führung Raeto Raffainer.

    Daniel Germann (NZZ)


    Unter Marc Lüthis Führung stieg der SC Bern zum erfolgreichsten Sportunternehmen der Schweiz, vielleicht sogar Europas, auf.

    Unter Marc Lüthis Führung stieg der SC Bern zum erfolgreichsten Sportunternehmen der Schweiz, vielleicht sogar Europas, auf.

    Anthony Anex / Keystone

    Am 11. Januar 1999 trat im Hotel Bern eine Gruppe älterer Herren vor die Medien, deren Botschaft die Stadt in einen Taumel versetzte: Der SCB muss nicht sterben. Die Konsumgüterholding Valora und ihr CEO Georg Krneta übernahmen für eine Million Franken die Aktienmehrheit am Klub. Valora hat die Bücher der AG zuvor prüfen und die Substanz der Aktien bewerten lassen.

    Die unabhängige Analyse ergab für die Aktie mit einem Nominalwert von 20 Franken einen Wert von 8.75 Franken. Ihr Angebot lag damit rund 30 Prozent über dem Marktwert. Zusammen mit einem Darlehen in der Höhe von 1,1 Millionen Franken öffnete das dem schwer überschuldeten SCB einen Weg in die Zukunft.

    Der Architekt hinter dem Deal hiess Marc Lüthi: Der damals 38-jährige Betriebsökonom stand in seinem zweiten Jahr als Geschäftsführer des Klubs. Übernommen hatte er das Mandat im Jahr zuvor weniger aus Überzeugung denn zur Schadensbegrenzung. 1995 hatte er zusammen mit seinem Compagnon Erwin Gross mit ihrer Firma IMS ein Mandat zur Produktion von Matchprogrammen und weiteren Printprodukten übernommen.

    Der Fast-Konkurs als Beginn einer Erfolgsgeschichte

    Der SCB lebte damals im Rausch. Jeder verfügbare Franken wurde umgehend in einen Spieler investiert. Schnell zeichnete sich ab, dass der SCB seinen finanziellen Verpflichtungen gegenüber der IMS nicht ansatzweise würde nachkommen können.

    Der damalige SCB-Präsident Jürg Krachpelz suchte das Gespräch mit Lüthi, fragte ihn: «Was sind Sie von Beruf? Können Sie ein Unternehmen führen? Ich brauche dringend einen Geschäftsführer.» So ist es nachzulesen im Buch «Das Phänomen SCB» des Berner Journalisten Christian Dick.

    Es war der Beginn einer der grössten Erfolgsgeschichten im Schweizer Mannschaftssport. Unter Lüthis Führung stieg der SCB zum wirtschaftlich erfolgreichsten Sportunternehmen der Schweiz, vielleicht sogar Europas auf. Ohne Zuschüsse eines Mäzens gelang es ihm, während zwanzig Jahren und bis zum Ausbruch der Corona-Pandemie regelmässig Gewinne in der Höhe von einigen 100 000 bis zu mehreren Millionen Franken zu schreiben.

    Die Basis dafür waren die grosse Publikumsmasse mit regelmässig 16 000 Zuschauern pro Match sowie ein Netzwerk von Restaurants in der ganzen Stadt, mit denen der Klub zusätzliche Einnahmen abseits vom volatilen Eishockey-Geschäft generierte.

    Am 30. März 2022 findet diese Erfolgsgeschichte ein Ende. Nach 24 Jahren an der Spitze des SCB zieht sich Marc Lüthi aus dem Geschäft zurück. Er überlässt die operative Führung seinem Sportdirektor Raeto Raffainer und wird neu Präsident des Verwaltungsrats mit rein strategischen Aufgaben.

    Basis für den wirtschaftlichen Erfolg des SCB ist die grosse Publikumsmasse - regelmässig kommen über 16 000 in die Postfinance-Arena.

    Eine Hirnblutung als Weckruf

    Schon seit mehreren Wochen hatten Gerüchte über den bevorstehenden Rückzug Lüthis in der Szene kursiert. Die mittlerweile dreijährige sportliche Erfolglosigkeit hatte Spuren hinterlassen, aber mehr noch eine schwere Erkrankung, und so reifte im mittlerweile 61-jährigen Lüthi die Einsicht, dass es Zeit ist, kürzerzutreten. Ausgangspunkt waren die gesundheitlichen Probleme in den vergangenen Monaten.

    Sie begannen mit Herzgeräuschen, gegen die er Blutverdünner nahm, diese trugen später zu einer Hirnblutung bei. Im Dezember stiess er sich im Büro den Kopf an, hatte danach latente Schmerzen und musste sich schliesslich zwei Eingriffen unterziehen. Bei seinem ersten öffentlichen Auftritt danach sagte er Ende Februar: «Ich bekam Angstzustände, hatte Mühe mit dem Einschlafen, da ich nicht wusste, ob ich wieder aufwachen würde.»

    Es waren ungewohnte, aber auch bemerkenswert offene Worte. Der Manager zeigte auf einmal Schwächen. Es ist schwer nachzuvollziehen, was die gesundheitlichen Probleme im Kontrollmenschen Lüthi ausgelöst haben. Die Machtlosigkeit muss ihm die eigene Verletzlichkeit vor Augen geführt haben.

    Lüthi hat sich nie leicht damit getan, Verantwortung abzutreten. Er sprach überall mit und übertrat dabei auch immer wieder Grenzen. Es begann mit den unsinnigen Quartalszielen, die er Pekka Rautakallio, einem seiner ersten Trainer, vorsetzte und die letztlich auch zur Trennung vom Finnen führt. Lüthi hatte sie aus seinem Betriebswirtschaftslehrgang übernommen und dabei zu wenig beachtet, dass der Sport nicht im gleichen Masse planbar ist wie ein normaler Geschäftsbereich.

    Lüthi verpflichtete in seiner Amtszeit achtzehn Trainer und entliess die meisten von ihnen früher oder später auch wieder. Vor zwei Jahren verrannte er sich in der Idee, als erster Schweizer Profisportklub eine Sportchefin zu verpflichten. Er scheiterte krachend. Nach nicht einmal einer Saison musste er sich von Florence Schelling trennen. Der umsichtige und erfolgreiche Sportchef Sven Leuenberger zog sich zurück, weil Lüthi über seinen Kopf hinweg Patrick Fischer als neuen Trainer einsetzen wollte. Leuenberger arbeitet heute für die ZSC Lions.

    Lüthi holte den als Spieler ausgesprochen populären Alan Haworth an die Bande und entliess ihn nach wenigen Spielen unmittelbar nach einem Match wieder. Er feuerte Larry Huras mangels Unterhaltung und ohne in Erwägung zu ziehen, dass kaum ein anderer Trainer vor ihm jemals mit so vielen träfen Sprüchen geglänzt hatte und dazu auch noch Meister geworden war. Er trennte sich von Antti Törmänen, der die Mannschaft in eineinhalb Jahren einmal in den Play-off-Final und danach zum Titel trug, weil ihm dessen Umgang mit den Spielern zu nett war. Alan Haworth wurde von Lüthi als Trainer geholt – und war nach wenigen Spielen wieder weg.

    Alan Haworth wurde von Lüthi als Trainer geholt – und war nach wenigen Spielen wieder weg.

    Yoshiko Kusano/Keystone

    «Der König von Bern» – ein Titel, der Lüthi nicht passt

    Es war für sein Umfeld nicht immer einfach, es mit ML, wie er auf der Geschäftsstelle und in seiner Mail-Adresse kurz genannt wird, auszuhalten. Die «Weltwoche» bezeichnete ihn in einem Porträt einmal als «König von Bern», was ihm auch wieder nicht passte, weil es wohl der Wahrheit zu nahe kam.

    Lüthi hat in Bern einen kleinen Staat im Staate aufgebaut, der diesem von der Landwirtschaft, der Armee und diversen Bundesämtern angestaubten eidgenössischen Stand den einen oder anderen Glücksmoment beschert hat. In der Postfinance-Arena erlaubte sich Bern zu sein, wie es normalerweise nicht ist: laut, fordernd, zuweilen auch ein wenig überheblich.

    Lüthi hat immer gewusst, wer er ist und was er will. Der Weg, den er gemacht hat, hat ihn geprägt. Aufgewachsen im Berner Umland und im Kanton Luzern, begann seine berufliche Karriere unspektakulär. Er machte eine Lehre als kaufmännischer Angestellter und absolvierte danach ein Nachdiplomstudium in Betriebswirtschaft. In seiner Freizeit spielte er nicht Eishockey, sondern ruderte auf dem Wohlensee. In den ersten Jahren als SCB-Geschäftsführer las er nebenbei die Abendnachrichten auf dem TV-Sender «Tele Bärn».

    2004 wird der SC Bern erstmals in der Ära von Marc Lüthi Schweizer Meister.

    Youtube

    Er scheute sich nie, zum Erreichen seiner Ziele auch ungewöhnliche Wege zu beschreiten. Als das hochkarätig besetzte Team im Winter 2012/13 in Rapperswil-Jona gleich 0:3 unterging, zitierte er die Spieler nach ihrer Rückkehr in Bern um 1 Uhr morgens in der Früh noch einmal zurück aufs Eis und liess sie eine halbe Stunde lang Runden drehen. Es war eine Lockout-Saison.

    Die NHL-Stars John Tavares, Mark Streit und Roman Josi gastierten in Bern und trauten ihren Augen nicht. Als der SCB im Frühjahr 2009 zum dritten Mal innerhalb von vier Jahren als Qualifikationssieger in den Viertelfinals scheiterte und in Zug wütende Anhänger die Abfahrt des Mannschaftsbusses blockierten, stellte sich Lüthi dem Gespräch, spendierte Bier und entschärfte die aufgeladene Stimmung.

    Ein Machtzentrum zusammen mit dem ZSC

    Marc Lüthi hat seine Rolle im Schweizer Eishockey nie als die eines reinen Klubmanagers betrachtet. Er brachte sich ein und gewann an Einfluss. Zusammen mit dem ZSC-CEO Peter Zahner ist er bis heute der einflussreichste Klubfunktionär geblieben. Lüthi und Zahner nehmen Einfluss bei der Besetzung von Schlüsselstellen und helfen sich gegenseitig, um ihre Interessen durchzusetzen. Der heutige Ligadirektor Denis Vaucher hat seine Funktionärskarriere im SCB begonnen. Der Verbandspräsident Michael Rindlisbacher war SCB-Verwaltungsrat. Und der ehemalige Sportdirektor des Verbandes, Raeto Raffainer, hat sich in der Organisation der ZSC Lions auf seine Karriere nach der Karriere vorbereitet.

    Es ist nicht frei von Ironie, dass nun ausgerechnet der ehemalige ZSC-Protégé Raffainer in Bern auf Lüthi als CEO folgen und in dessen grosse Fussabdrücke treten wird. Der Engadiner spielte zwischen 2005 und 2008 drei Winter für den SCB und ist mit der ehemaligen SCB-Kommunikationschefin Luisa Weber verheiratet. Als Lüthi ihn vor gut einem Jahr vom HC Davos zum SCB holte, sagte er: «Raffainer hat einen 360-Grad-Winkel. Er sieht das Geschäft als Ganzes. Und genau das brauchen wir.»

    Viele Wechsel in der sportlichen Führung, Kontinuität im Back-Office

    Wer weiss, wie weitsichtig Lüthi plant, wie genau er seine wichtigsten personellen Entscheide neben dem Eis trifft, der muss zum Schluss kommen, dass er in Raffainer schon damals seinen potenziellen Nachfolger sah – wenn auch kaum so schnell. Denn so volatil das sportliche Umfeld des SC Bern unter Marc Lüthi war, so stabil war jenes der Menschen, die ihm im Back-Office den Rücken freihielten.

    Der Chief Operating Officer Rolf Bachmann war schon im Klub, bevor Lüthi die Geschäftsleitung übernahm, er kehrte nach drei Jahren in Davos und beim BSC Young Boys zurück. Der Finanzchef Richard Schwander arbeitet seit 1998 für den SCB, der Medienchef Christian Dick war in den letzten dreizehn Jahren für den Klub tätig. Er wird in diesem Frühjahr pensioniert.

    Diese Konstanz steht in grosser Diskrepanz zu den vielen Wechseln in der sportlichen Führung und zeigt, dass Marc Lüthi trotz seiner fordernden, manchmal auch überfordernden Art weit mehr richtig als falsch gemacht hat. Der Respekt, den er dafür erhält, geht weit über den eigenen Klub und dessen Anhänger hinaus.

    Der ZSC-Präsident Walter Frey sagte vor kurzem in einem Gespräch mit der NZZ, er wolle seinen Klub wieder zu einem Art Treffpunkt des lokalen Gewerbes machen: «Marc Lüthi hat das in Bern geschafft. Er hat sehr viel Gutes gemacht. Er hat seinen Weg eingeschlagen und ist diesen konsequent weitergegangen.»

    Marc Lüthi hat den SCB während fast eines Vierteljahrhunderts geprägt. Er war das Gesicht dieses Grossklubs, mit dem man sich freute und an dem man sich auch rieb. Nun zieht er sich zurück und wird Präsident. Der «Blick» schrieb vor drei Wochen, nachdem der SCB die Pre-Play-off-Qualifikation verpasst hatte: «Das System SC Lüthi ist am Ende.» Wenn sich das Boulevardblatt da nur nicht täuscht. Georg Krneta, Walter Born, Beat Brechbühl: die Präsidenten unter Lüthi, man erinnert sich zum Teil kaum mehr an ihre Namen. Sie waren stille Arbeiter, die sich im Hintergrund hielten und die Bühne ihrem charismatischen CEO überliessen.

    Doch wer sagt, dass das auch so bleiben wird?

    ich froiä mich auch riesig über die leistungen von melvin bei rappi

    Wenn wir schon bei Rappi sind:

    Canova checkt als 13er Stürmer den Topscorer von Rappi gegen den Kopf. Ein Schelm der dem Coach böse Absichten unterstellt..

    Das Interview mit Volvo nach dem 2. Spiel war auch unterste Schublade! Und wie schon letzte Saison gibt er offen seinem Goalie die Schuld! Was für ein Kotzbrocken! Hoffe die Bergaffen werden mit 4:0 rausgekegelt.

    Der HCD Haussender SRF war auch übel beim Spiel 2, jammer, jammer der arme HCD.....das sie nicht noch eine Nummer zum Spenden eingeblendet haben war ein Wunder....

    Der ZSC schöpft in den Play-offs neue Hoffnung – doch die düsteren Erinnerungen an 2021 hallen nach

    Im dritten Anlauf gelang den ZSC Lions in den Play-off-Viertelfinals gegen Biel der erste Sieg. Doch die Zürcher bangen um ihren Topskorer Denis Malgin – und erinnern sich mit Schrecken an ihr Lazarett vor Jahresfrist.

    Nicola Berger28.03.2022, 23.00 Uhr


    Nach dem Check des Bielers Noah Schneeberger (rechts) kann der ZSC-Topskorer Denis Malgin nicht mehr weiterspielen.

    Nach dem Check des Bielers Noah Schneeberger (rechts) kann der ZSC-Topskorer Denis Malgin nicht mehr weiterspielen.

    Walter Bieri / Keystone

    89 Minuten mussten sich die ZSC Lions am Sonntagabend gedulden, ehe sie zu zwei Premieren kamen: dem ersten Tor des Abends durch Chris Baltisberger, der in der zweiten Verlängerung traf. Und zum ersten Sieg in dieser Play-off-Viertelfinalserie gegen den EHC Biel.

    Die Frage ist, wie viel der Erfolg wert ist. Wie viel er wert sein kann. Denn die Zürcher verloren zwei Schlüsselspieler: den Topskorer Denis Malgin und den Verteidiger Yannick Weber. Der filigrane Spielmacher Malgin verletzte sich bei einem korrekten Check des Bieler Verteidigers Noah Schneeberger womöglich an der Schulter. Der Abwehrchef Weber schied in der 56. Minute gemäss dem Trainer Rikard Grönborg mit einer «Verletzung im unteren Körperbereich» aus. Der Coach konnte keine Angaben darüber machen, wann Malgin und Weber wieder zur Verfügung stehen werden, er sagte nur: «Ich hoffe, bald.»

    Die Abhängigkeit vom Denker und Lenker Denis Malgin ist gross

    Grönborg dürfte sich mit Schrecken an die Geschehnisse aus dem Vorjahr erinnert haben, als sich nach einer gehässigen Viertelfinalserie gegen Lausanne das ZSC-Lazarett füllte und das Team danach mit etlichen verletzten und angeschlagenen Spielern im Halbfinal gegen Genf/Servette mit 0:3-Siegen chancenlos blieb.

    So weit ist es 2022 nicht, doch ein längerer Ausfall Malgins würde die Perspektiven arg verdüstern. Die Abhängigkeit vom Denker und Lenker im Zürcher Spiel ist gross, nachdem er am Sonntag in die Garderobe verschwunden war, wurde das wieder einmal augenfällig. Obwohl er erst im Sommer 2021 nach Zürich zurückgekehrt ist, hat er etwas Unabdingbares für diese Mannschaft, nicht unähnlich dem Künstler Robert Nilsson beim ZSC von gestern. Ohne Malgin fehlte es an Ideen, an Spielwitz, an Kreativität. «Seine Absenz hat uns geschmerzt, keine Frage. Aber so sind die Play-offs: Du musst einfach einen Weg finden, egal was passiert», sagte Grönborg.

    Zusammenfassung Spiel 3 des Play-off-Viertelfinals ZSC Lions - EHC Biel

    youtube.com

    Am Sonntag war es Chris Baltisberger, der den ZSC rettete. In einem langen, zähen Spiel hatte er in der zweiten Verlängerung die frischesten Beine. Und das nicht ohne Grund: Baltisberger, dieser Urzürcher, wird von Grönborg schon das ganze Jahr über nur sporadisch eingesetzt. Im ersten Vergleich vom Mittwoch hatte Baltisberger keine einzige Sekunde gespielt. Und auch am Sonntag in der Overtime verzichtete der Schwede lange ganz auf den Flügelstürmer. Als dieser den goldenen Treffer erzielte, stand er erst zum zweiten Mal auf dem Eis.

    Baltisberger, 30, hat seine gesamte Karriere im ZSC verbracht und gehörte noch 2018 zum Schweizer WM-Kader. Doch nach einigen Verletzungen hat er an Tempofestigkeit eingebüsst und ein Stück weit auch seine Unwiderstehlichkeit. Grönborg sagte: «Er hatte keine einfache Saison. Aber jetzt war er da, als wir ihn gebraucht haben. Er ist so ein wichtiger Spieler für uns, auch in der Garderobe.» Baltisberger gilt als einer der Wortführer im ZSC, als Einpeitscher auch. Sein Tor wird geholfen haben, sich bei Grönborg verstärkt in Erinnerung zu rufen. Nur gut acht Minuten Eiszeit, aber das entscheidende Tor für die ZSC Lions erzielt: Chris Baltisberger.

    Nur gut acht Minuten Eiszeit, aber das entscheidende Tor für die ZSC Lions erzielt: Chris Baltisberger.

    Walter Bieri / Keystone

    Der Trainerliebling Justin Azevedo ist fast ohne Einfluss

    Unabhängig von der Dauer der Absenz Malgins wird der ZSC auch andere Helden brauchen. Im Luxuskader der Zürcher finden sich genügend potenzielle Protagonisten, bisher haben nicht viele Akteure ihr Rendement erreicht. Gerade bei den Ausländern darf mehr erwartet werden. Der Trainerliebling Justin Azevedo (drei Spiele, null Skorerpunkte, Minus-3-Bilanz) ist bisher fast ohne Einfluss geblieben, der Verteidiger Maxim Noreau leistet sich immer wieder erstaunliche Unkonzentriertheiten.

    Ein Lichtblick war am Sonntag die Darbietung des Amerikaners Garrett Roe, der zuvor zwei Mal überzählig auf der Tribüne gesessen hatte. Sollte Malgin fehlen, wäre er der logische Ersatz als Erstliniencenter. Und er hat bereits bewiesen, dass er im Play-off dominieren kann: Schon 2018/2019 war er Play-off-Topskorer der National League.

    Eine Meisterschaft zerstört sich selbst

    Wie Putins Krieg die Sportlandschaft durchpflügt

    Der russischen KHL droht der Zerfall, profitieren könnte nebst Schweden vor allem die Schweizer Eishockeyliga.

    Simon GrafKristian Kapp
    Kristian Kapp, Simon Graf

    Eishockey, während das Land im Krieg ist: Fans von SKA St. Petersburg begrüssen das Heimteam vor dem Playoff-Spiel gegen Spartak Moskau am 18. März 2022.


    Eishockey, während das Land im Krieg ist: Fans von SKA St. Petersburg begrüssen das Heimteam vor dem Playoff-Spiel gegen Spartak Moskau am 18. März 2022. Foto: Maksim Konstantinov (SOPA Images/LightRocket via Getty Images)

    Gibt es die KHL nächste Saison überhaupt noch? Und wenn ja, in welcher Form? Das sind die Fragen, die derzeit auch viele nicht-russische Spieler und ihre Agenten umtreibt. Ausserhalb der sportlichen Blase sorgt die vorwiegend aus russischen Teams zusammengesetzte Kontinental Hockey League für andere Schlagzeilen. Wenn während aktueller Playoffspiele das für die Unterstützung des Krieges stehende «Z» prominent auf Anzeigetafeln auftaucht, wirkt die Liga in ihrer Inszenierung wie ein Propagandavehikel des Putin-Regimes. Volume 90%


    Pausenunterhaltung: In der 1. Drittelspause bei Bars Kasan – Avangard Omsk am 10. März 2022 wird für die Zuschauer das Z-Symbol eingeblendet.

    Zwei der fünf nicht russischen Teams, Jokerit Helsinki und Dinamo Riga, haben sich nach Kriegsbeginn von der KHL losgelöst. Die anderen sind Clubs aus China (Red Star Kunlun), Kasachstan (Barys Nur-Sultan) und Weissrussland (Dinamo Minsk), alle sind bereits aus der Meisterschaftsentscheidung sportlich ausgeschieden.

    Platz für mindestens 30 neue Import-Spieler


    Die KHL ist nach der nordamerikanischen NHL die sportlich zweitbeste Eishockeyliga der Welt. Diesen Status könnte sie nun verlieren. Denn nicht nur die vielen russischen Spieler, die ein Engagement in der Heimat vorziehen, machen die KHL aus. Sondern auch zahlreiche nordamerikanische, finnische und schwedische Topspieler. Damit könnte es vorbei sein.

    Er könne sich kaum vorstellen, dass diese nicht russischen Spieler nächste Saison in die KHL zurückkehren, sagt Peter Wallén. Der 57-jährige Schwede ist der wohl prominenteste schwedische NHL-Spieleragent, er betreut Topstars wie Victor Hedman, Gabriel Landeskog oder Jonas Brodin, hat aber auch in Europa Kundschaft.

    Zitat
    «Die Ligen in der Schweiz und Schweden könnten nächste Saison richtige Powerhouses im europäischen Eishockey werden.»
    Peter Wallén, schwedischer Agent

    Die schwedische Liga SHL werde bereits jetzt von Anfragen von Spielern mit KHL-Verträgen überschwemmt, sagt Wallén. Er erwartet dasselbe für die Schweizer National League. Seine Prognose: «Diese beiden Ligen könnten nächste Saison richtige Powerhouses im europäischen Eishockey werden.»

    Die Ausgangslage in der Schweiz ist in der Tat speziell. «Der Markt ist wegen der Situation in der KHL von Spielern überflutet, es herrscht grosse Unsicherheit bei den Spielern», bestätigt Jan Alston, Sportchef des HC Davos, der noch auf der Suche nach zwei Ausländern für nächste Saison ist. Nächsten Winter dürfen die National-League-Clubs mit fünf statt wie bislang vier Ausländern spielen. Gibt es einen Aufsteiger, was wahrscheinlich ist, sind es sogar sechs. Da niemand absteigt, wären es neu 14 NL-Teams, das sind also gut 30 neue Plätze für Importspieler.

    Das Angebot übersteigt dennoch die Nachfrage. Dafür sorgt schon alleine Jokerit Helsinki. Ob die Finnen bereits nächste Saison wieder in ihre heimische Meisterschaft einsteigen können, ist fraglich. All ihre Spieler dürften bereits auf Clubsuche sein, da ihnen droht, nächste Saison in keiner Meisterschaft teilnehmen zu können. Sie dürften auch Richtung Schweiz schielen. Genauso wie die nicht russischen KHL-Goalies – allein sechs schwedische Torhüter spielten diese Saison in der KHL. Der Clown hat in der KHL ausgelacht: Henri Ikonen trägt das Kult-Jersey Jokerit Helsinkis beim Auswärtsspiel gegen SKA St. Petersburg am 19. Oktober 2021 – seit März spielt der Stürmer in seiner Heimatliga in Finnland für Lukko Rauma.


    Der Clown hat in der KHL ausgelacht: Henri Ikonen trägt das Kult-Jersey Jokerit Helsinkis beim Auswärtsspiel gegen SKA St. Petersburg am 19. Oktober 2021 – seit März spielt der Stürmer in seiner Heimatliga in Finnland für Lukko Rauma. Foto: Maksim Konstantinov (SOPA Images/LightRocket via Getty Images)

    Die National League ist zwar jene Liga mit den weltweit im Schnitt dritthöchsten Löhnen. Die teilweise Millionen-Jahressaläre der KHL-Topspieler können die Schweizer Clubs aber nicht zahlen – das ist auch den KHL-Spielern auf Clubsuche bewusst. Die Löhne dieser Spieler werden also drastisch sinken, sie werden sich den Marktpreisen anpassen müssen.

    Schweizer Sportchefs, die noch viele offene Importplätze für nächste Saison haben und Geduld beweisen, könnte der Exodus aus der KHL einem Lottosechser gleichkommen. «Viele dieser erhältlichen KHL-Spieler sind frühere NHL- oder Top-AHL-Spieler», sagt Wallén. «Wenn man sie haben kann, gibt es keinen Grund mehr, durchschnittliche AHL-Spieler zu holen.»

    Zitat
    «Wenn die Schweizer Sportchefs meinen, der sechste Ausländer werde nun extrem billig, dürfen sie eines nicht vergessen: Für gute Spieler können auch deutsche und schwedische Teams gewisse Summen zahlen.»
    Daniel Giger, Schweizer Spieleragent

    Ambri-Piotta zum Beispiel hat erst einen Ausländer unter Vertrag, Sportchef Paolo Duca wird also noch bis zu fünf neue Imports engagieren. Er könne nicht bei allen lange zuwarten, da ihm auch wichtig sei, für die Teamstruktur Spieler für bestimmte Positionen und Rollen zu verpflichten, sagt Duca. Bei den Nummern 4 bis 6 könne er sich hingegen vorstellen, zu «pokern» und auf ein «Schnäppchen» zu hoffen. Aber, so Duca: «Top-Ausländer werden weiter gut verdienen.»

    Dieser Meinung ist auch Daniel Giger. Der 47-jährige frühere Spieler arbeitet für «4sports», die in Zug ansässige grösste Spieleragentur in der Schweiz, die weltweit Spieler berät. Giger rechnet auch mit einem grossen Markt von guten KHL-Spielern und sinkenden Löhnen. Aber er sagt: «Wenn die Schweizer Sportchefs meinen, der sechste Ausländer werde nun dank der neuen KHL-Situation extrem billig, dürfen sie eines nicht vergessen: Für gute Spieler können auch deutsche und schwedische Teams gewisse Summen zahlen.»

    Vor allem schwedische Teams, wie auch Sven Leuenberger betont. Der Sportchef der ZSC Lions sieht die Skandinavier mittlerweile auf Augenhöhe mit der Schweiz: «Dies dank ihres lukrativen TV-Deals mit rund vier Millionen Franken pro SHL-Team. Und ab 2024 wird ja noch mehr ausgeschüttet.» Auch Leuenberger erlebt in diesen turbulenten Zeiten Premieren: «Kürzlich kontaktierten mich erstmals russische Agenten und fragten mich, ob ich an russischen Spielern interessiert sei.» Das seien Spieler eines Kalibers gewesen, die sonst für Schweizer Clubs nie infrage kommen würden. Er war der beste Goalie an den Olympischen Spielen in Peking: Der Finne Harri Säteri posiert am 20. Februar 2022 mit der Goldmedaille. Der 32-Jährige hat sein KHL-Team Sibir Nowosibirsk mittlerweile verlassen und wird die Saison in der NHL bei Arizona beenden. Für 2022/23 ist er noch ohne Club.


    Er war der beste Goalie an den Olympischen Spielen in Peking: Der Finne Harri Säteri posiert am 20. Februar 2022 mit der Goldmedaille. Der 32-Jährige hat sein KHL-Team Sibir Nowosibirsk mittlerweile verlassen und wird die Saison in der NHL bei Arizona beenden. Für 2022/23 ist er noch ohne Club. Foto: Harry How (Getty Images)

    Einer der Verlierer unter Gewinnern könnte Finnland werden. Hört man sich bei Hockey-Leuten der höchsten Spielklasse «Liiga» um, rechnet diese zwar auch mit einheimischen Rückkehrern aus der KHL. Hingegen sehen sie sich in der monetären Hackordnung hinter der Schweiz, Schweden und auch Deutschland. Das könnte ebenfalls einen Einfluss auf den Schweizer Goaliemarkt haben. Nicht nur sechs schwedische Goalies spielten diese Saison in der KHL, sondern auch dieselbe Anzahl Finnen. Einer davon war Janne Juvonen, der Anfang März zu Ambri-Piotta wechselte und bei den Tessinern zum Helden wurde. Wie gut diese Goalies sind, zeigt auch dies: Juvonen war bei Jokerit nur Ersatzgoalie …


    Der Unmut in Schweden über die in Russland bleibenden KHL-Spieler


    Noch läuft die KHL-Meisterschaft unbeirrt weiter, das Playoff ist in vollem Gang. Es sind bei den Teams, die noch im Rennen um den Titel sind, nach wie vor einige nicht russische Spieler dabei. Das sorgt gerade in Schweden für Kontroversen, man sieht ihre Landsleute als Teil der russischen Kriegspropaganda. Auch «4sports» betreut mit dem früheren Zuger Stürmer Oscar Lindberg einen Schweden, der bis zum letzten Mittwoch und dem Out seines Clubs Dinamo Moskau in Russland spielte.

    Die Spieler selbst äussern sich kaum dazu, selbst ihre in Schweden ansässigen Agenten schweigen teilweise. Ein von dieser Zeitung kontaktierter schwedischer Spielerberater verweist auf den Beschluss seiner Agentur, sich in keiner Weise zu KHL-Themen zu äussern, bevor nicht alle Spieler wieder sicher in der Heimat sind.

    Ganz so einfach ist eine vorzeitige Rückkehr allerdings auch nicht. Die KHL-Clubs üben einerseits viel Druck auf ihre Spieler aus, andererseits ist die Ausreise wegen des fast komplett ausgesetzten Flugverkehrs aus und nach Russland kompliziert und mit Schikanen verbunden. Den in der KHL verdienten Lohn in die Heimat mitzunehmen, ist ebenso eine Herausforderung. Er harrte bei Dinamo Moskau lange aus und war im Playoff mit 9 Punkten in 11 Spielen einer der besten KHL-Skorer: Oscar Lindberg, hier im Jersey des EV Zug, aufgenommen am 17. Dezember 2019 bei einem Spiel in Lausanne.


    Er harrte bei Dinamo Moskau lange aus und war im Playoff mit 9 Punkten in 11 Spielen einer der besten KHL-Skorer: Oscar Lindberg, hier im Jersey des EV Zug, aufgenommen am 17. Dezember 2019 bei einem Spiel in Lausanne. Foto: Monika Majer (RvS.Media/Getty Images)

    Die KHL zahlt die Löhne auf russische Konten in Rubel. Nicht nur hat die Währung seit Kriegsbeginn massiv an Wert verloren. Da die Sanktionen des Westens auch das russische Banksystem betreffen, ist es derzeit kaum möglich, Rubel auf ausländische Konten zu übertragen. Die Agenten empfehlen ihren Spielern, das Geld auf den russischen Konten zu belassen und das Ende des Krieges abzuwarten – mit dem Risiko, dass es dann «verschwunden» respektive «nationalisiert» sein könnte.


    Hin und wieder braucht es gutes Timing, damit der Abgang aus der KHL problemlos erfolgt – wie für Pär Lindholm. Der von Wallén betreute Stürmer von Bars Kasan nutzte die Olympiapause im Februar, um nach Schweden zu seiner Ehefrau zu reisen, um bei der Geburt seines Kindes dabei zu sein. Dann brach der Krieg aus, und Lindholm kehrte nicht mehr zurück.

    Aber Schneebergli hatte vor dem Check ein paar Sekunden Zeit sich zu überlegen wie er Denis erwischen wollte und hat dann voll draufgehalten. Er hat damit zumindest eine Verletzung in Kauf genommen.

    Leider hatte Denis für einmal den Kopf nicht oben. Schneeberger zieht dann noch den Ellenbogen nach oben. Falls Denis für den Rest der PO's ausfällt fehlt uns der Motor der unser Spiel antreibt. Ob man unter diesen Umständen noch lange dabei ist? Fraglich.

    ZSC-Stürmer Chris Baltisberger

    Wie der Verschmähte zum Playoff-Helden wurde

    Die letzten Wochen durfte Chris Baltisberger kaum mehr spielen, nun brachte er die ZSC Lions mit seinem 1:0-Overtime-Tor zurück in die Serie gegen Biel. Eine Zürcher Feel-Good-Story.

    Simon Graf
    Simon Graf
    Publiziert heute um 09:06 Uhr

    So strahlt ein Matchwinner: Chris Baltisberger nach seinem Overtime-Siegtor gegen Biel.


    So strahlt ein Matchwinner: Chris Baltisberger nach seinem Overtime-Siegtor gegen Biel. Foto: Walter Bieri (Keystone)

    Chris Baltisberger juckte es in den Beinen, aber er konnte nichts tun. «Ich sah, wie meine Teamkollegen in der Overtime müde vom Eis krochen, und war selber voller Energie. Diese Energie versuchte ich irgendwie auf sie zu übertragen.» Er munterte seine Kollegen verbal auf, klopfte ihnen auf die Schultern. Und insgeheim hoffte er, dass sich Coach Rikard Grönborg irgendwann wieder seiner erinnern würde. Frisch war er, er hatte an diesem Abend keine acht Minuten gespielt.


    Die erste Verlängerung verbrachte Baltisberger komplett als Zuschauer, in der zweiten tippte ihn Grönborg dann tatsächlich auf die Schulter. Er eilte aufs Eis, hatte einige gute Aktionen und überzeugte seinen Coach, der ihn kurz danach gleich wieder rausschickte. Baltisberger übernahm in der Vorwärtsbewegung einen Pass des Finnen Tommi Kivistö, stürmte in die Offensivzone, drückte ab und traf exakt ins Lattenkreuz. Der 78. Torschuss war endlich ein Treffer, das 1:0 in der 89. Minute entschied das aufwühlende Spiel.

    Ausgerechnet Baltisberger! Es sind Geschichten, die nur das Playoff schreibt. Der 30-Jährige war zuletzt in Ungnade gefallen bei Grönborg, spielte in den vergangenen Wochen kaum mehr. Für Spiel 1 der Viertelfinalserie gegen Biel durfte er sich zwar umziehen, aber er spielte im Hallenstadion keine Sekunde. Seine Eiszeit in den letzten sieben Spielen nach Minuten: 8:16, 5:49, 0:00, 0:00, 6:01, 0:56, 1:02. Das muss frustrierend sein.

    Zitat
    «Im Playoff gilt umso mehr: Es kommt nicht auf die Grösse deiner Rolle an, sondern auf deine Grösse in der Rolle.»
    Chris Baltisberger

    Der Stürmer sagt dazu: «Im Playoff gilt umso mehr: Es kommt nicht auf die Grösse deiner Rolle an, sondern auf deine Grösse in der Rolle.» Ein kluger Satz, den man sich zuerst durch den Kopf gehen lassen muss. Baltisberger fährt fort: «Jeder hat seine Aufgabe. Der Ersatzgoalie, der eine unglaubliche Stimmung macht. Der Staff, der uns mit Milchreis versorgte in der Overtime. Oder Gery (Büsser, der Teamarzt) mit seinem Zaubertrank.»

    Baltisberger blickt auf eine schwierige Saison zurück. Sein Comeback nach 252 Tagen und einem komplizierten Schienbeinbruch gab er im vierten Saisonspiel Mitte September und schoss dabei gleich ein Tor. Doch monatelang kämpfte er danach um seine Form. Lange schenkte ihm Grönborg das Vertrauen, zuletzt nicht mehr. «Ich nehme die Rolle, die ich bekomme», sagt Baltisberger. «Ich hatte ein gutes Gespräch mit dem Coach. Mehr möchte ich dazu aber nicht sagen.»

    Und was sagt Grönborg? «Ich bin sehr happy für Chris, dass er das Siegtor erzielt hat. Er ist ein emotionaler Leader in der Garderobe und auf der Bank. Umso schöner ist es fürs Team, dass er das Spiel entschieden hat.» Und vielleicht auch ein Zeichen, dass man die Kämpfertypen wie Baltisberger nie unterschätzen sollte, sie gerade im Playoff an Wert für die Mannschaft gewinnen. In der Garderobe, aber eben auch auf dem Eis.


    Es ist für Baltisberger nicht das erste Overtime-Siegtor im Playoff. 2018 entschied er das vierte Finalspiel gegen Lugano mit dem 3:2 in der 75. Minute. Damit verschaffte er den Zürchern drei Meisterpucks. Den dritten verwerteten sie.

    Der erste Sieg gegen Biel war nun einmal ein Schritt zurück in diese Serie, die zuvor so gar nicht für die Zürcher gelaufen war. «Dieses dritte Spiel war ein Hinweis, wie wir spielen müssen, sagt Baltisberger. «Wir haben ein paar Dinge angepasst, das hat man auch gesehen. Die Defensive ist unser Fundament, darauf konzentrieren wir uns. Offensiv haben wir so viele Qualitäten, das kommt automatisch.»


    Endlich wieder Hühnerhaut


    Mit seinem Tor sorgte Baltisberger dafür, dass es am Donnerstag zumindest nochmals ein Spiel im Hallenstadion gibt. Er schwärmt von der elektrisierenden Atmosphäre, als das Team für die zweite Overtime aus der Garderobe kam. «Es war unglaublich, so laut! Ein Hühnerhaut-Moment. So etwas haben wir schon lange nicht mehr erlebt.»

    Die Choreo der Fans vor dem Spiel habe ihm nochmals vor Augen geführt, dass der Abschied aus dem Hallenstadion anstehe. «Aber darauf haben wir definitiv noch keine Lust. Wir wollen hier spielen bis zum Schluss.»