Einstand des neuen ZSC-Trainers
Sie lechzten nach einem harten Hund
Marc Crawford sagt, er sei milder geworden, seine Handschrift bleibt aber die gleiche. Die Spieler erklären, wieso sie unter seinem Vorgänger Rikard Grönborg verzweifelten.

Simon Graf (TA)
Publiziert heute um 13:30 Uhr

In seinem Element: Marc Crawford ist zurück an der ZSC-Bande, seine Mannschaft schlug Biel 2:1.
Foto: Claudio Thoma (Freshfocus)
Sein weisses Hemd spannt am Bauchansatz etwas mehr als früher, ansonsten hat sich Marc Crawford in diesen knapp sieben Jahren aber kaum verändert. Die Frisur ist die gleiche geblieben, ebenso der wache Blick und der Schalk in seinem Nacken. «Ach, wie habe ich euch vermisst», sagt er schmunzelnd zu den Journalisten, als diese ihn am späten Sonntag umringen und ausfragen. Es klingt, obschon mit einer Prise Ironie versehen, irgendwie charmant.
Er habe in diesen ersten drei Tagen unter dem neuen, alten Coach immer wieder Flashbacks gehabt, sagt Chris Baltisberger. Damals erst gerade in die erste Mannschaft gekommen, hatte er Crawford schon von 2012 bis 2016 erlebt. «Immer wieder fielen mir nun Dinge auf, auf die er schon damals Wert gelegt hatte.» Patrick Geering sagt: «Wir haben sicher noch nicht alles gesehen von ihm nach ein paar Tagen. Aber rein vom Eishockey, das er von uns verlangt, hat er immer noch die gleiche Handschrift. Er möchte schnell spielen und möchte alle miteinbeziehen. Und er sagt klipp und klar, was er möchte.»
Zitat
«Wir wollen, dass es uns gesagt wird, wenn wir einen Mist zusammenspielen. Und dass es Konsequenzen hat.»
Captain Patrick Geering
Das ist wohl der grösste Unterschied zu seinem Vorgänger Rikard Grönborg. «Wir sehnten uns alle nach Struktur», sagt Chris Baltisberger. «Das bringt Crawford extrem gut hinein.» Eine erstaunliche Aussage, gelten doch Schweden im Eishockey als Systemtheoretiker schlechthin. Doch den Spielern fehlte von Grönborg zuletzt die Führung, wie Geering unumwunden zugibt. «Wir wollen für unsere Leistungen verantwortlich gemacht werden. Wir wollen, dass es uns gesagt wird, wenn wir einen Mist zusammenspielen. Und dass es Konsequenzen hat. Das macht einen besser.»
Grönborg sei am Schluss nicht mehr zur Mannschaft durchgedrungen, so der Captain. «Ich bin alte Schule, ich habe keine Ahnung von all diesen Advanced Stats. Offenbar sprachen diese Zahlen auch nach schlechten Spielen für uns. Aber ich empfand das anders. Und andere auch. Wir wussten, wir können mehr, wir lechzten nach mehr. Es war frustrierend.» Ihn störe es jedenfalls nicht, wenn ein Trainer einmal laut werde an der Bande oder in der Garderobe. «Emotionen gehören zum Spiel.»
Zitat
«Als Assistent habe ich gelernt: Du hast einen Mund und zwei Ohren, und du solltest sie entsprechend proportional verwenden.»
Marc Crawford
Die ZSC Lions haben also eine komplette Trendwende vollzogen: vom beherrschten Nordländer, der auf Selbstverantwortung setzt, zum Kanadier alter Schule, der auch einmal ausflippen kann. Wobei Crawford betont, dass er in der Zwischenzeit milder geworden sei: «Ich war seitdem meistens Assistent. Und als Assistent hörst du oft zu. Denn die Spieler kommen oft zu dir und wollen etwas wissen. Als Assistent habe ich gelernt: Du hast einen Mund und zwei Ohren, und du solltest sie entsprechend proportional verwenden.»
Crawford weiss, dass er seine Wort zu diesem Thema mit Bedacht wählen muss. Er war im Dezember 2019, als im nordamerikanischen Eishockey die Debatte über den Machtmissbrauch von Coaches aufflammte, ebenfalls in die Kritik geraten. Dies, weil er in Los Angeles (2006 bis 08) einige Spieler zu hart angepackt habe. Der Kanadier Brent Sopel sagte, Crawford habe ihn auf der Bank in den Rücken gekickt. Später stellte er klar, er habe ihn damit nicht anschuldigen wollen, Crawford habe es verstanden, ihn zu motivieren und besser zu machen. Im Dezember 2019 wurde Crawford bei Chicago kurz suspendiert, nach einer Entschuldigung dann aber wieder rehabilitiert.
Die ZSC Lions jedenfalls wollen keinen Crawford light, sondern einen, der sagt, was Sache ist. Und der die Spieler an der Hand nimmt und führt. Er weiss, dass ihn diese genau beobachten würden, sagt der Kanadier: «Wenn ein neuer Trainer kommt, kriegt der immer die Aufmerksamkeit der Spieler. Die Jungs, die mich kennen, wissen, was sie zu erwarten haben. Die anderen haben wahrscheinlich Geschichten über mich gehört. Vor allem die, die damals schon in der Liga waren wie Hollenstein, Bodenmann oder Marti. Sie fragen sich: Wie ist er wirklich?»

Zurück im Mittelpunkt: Marc Crawford am späten Sonntagabend, umringt von Journalisten.
Foto: Claudio Thoma (Freshfocus)
Crawford hat sich in den ersten drei Tagen mit allen Spielern kurz unterhalten. Was er dabei erfuhr: Der verpasste Titel vom Frühjahr nagt immer noch an vielen. Inzwischen sind die Zürcher seit 2018 nicht mehr Meister geworden, der Hunger in der Mannschaft ist gross.
Der Einstieg ist gelungen am Sonntag beim 2:1 über Biel, auch wenn vieles noch Stückwerk blieb. «Es weht ein frischer Wind», sagt Chris Baltisberger. Crawford mischte alle Linien durcheinander und gab sich bemüht, jeden so gut wie möglich zu involvieren. «Er verlangt, wir das Spiel nicht mehr verlangsamen, dass wir nicht gross hinten herumspielen», sagt Geering. «Das haben wir versucht. Für drei Trainings war es gut.»
Fasziniert vom Stadion
Die Augen des Coaches funkelten, als er über seinen ersten Auftritt an der Bande der Swiss-Life-Arena sprach: «Dieses Stadion ist so eindrücklich. Daraus können wir viel Energie schöpfen. Wir wollen für Spiele sorgen, an denen die Fans teilhaben können. Wenn wir ihnen Gründe geben, sich zu begeistern, wird das unsere Gegner einschüchtern. Das konnte man im Hallenstadion nie behaupten. Dafür waren die Leute da einfach zu weit weg.»
Crawford ist froh, zurück zu sein in Zürich. Er verabschiedet sich mit den Worten: «In meinem Alter muss man das tun, was man tun will. Nicht das, was man tun muss. Und dies will ich definitiv tun.» Er schmunzelt zufrieden über seine gelungene Formulierung.