Grosse Schritte des Ästheten
ZSC-Stürmer Luca Cunti debütiert heute gegen Weissrussland im Nationalteam.
Von Silvan Schweizer, Arosa
Es ist eine Heimkehr für Luca Cunti – «in die zweite Heimat», wie er sagt. Auch wenn der 23-Jährige an der Goldküste aufgewachsen ist und sich durch und durch als Zürcher fühlt, Arosa bleibt mit starken Gefühlen verbunden. Hier entdeckten einst sein Vater und dessen beide Brüder die Liebe zum Eishockey, Onkel Pietro gehörte zum legendären Meisterteam von 1982. Hier wurden Familienfeste gefeiert und die verschneiten Hänge des Skiorts erkundet.
Speziell sei es deshalb, wieder in Arosa zu sein, sagt Cunti. Aber natürlich hat dies vor allem auch mit dem Anlass zu tun, der ihn hierhergebracht hat: Heute gegen Weissrussland darf der ZSCStürmer erstmals für die Schweiz auflaufen. Und das erst noch in diesem prominent besetzten Nationalteam, das wegen des Lockout erstmals auf sechs NHL-Feldspieler zählen kann.
Cunti hätte schon im letzten Frühling ins WM-Vorbereitungscamp einrücken dürfen, und auch für die Testreihe in München diesen November stand er auf dem Zettel von Nationalcoach Sean Simpson. Beide Male verhinderten aber Blessuren sein Debüt. Nun ist es doch noch so weit. Und Cunti schmunzelt, wenn er daran denkt, was er in den letzten eineinhalb Jahren alles erlebt hat: «Es ging alles so schnell.»
Wutreden und Lob vom Trainer
Im Sommer 2011 hatte ihn der damalige ZSC-Coach Bob Hartley im Testmatch zwischen ZSC und GCK entdeckt. Eigentlich wäre Cunti, der als ewiges Talent ohne Biss verschrien war, ja bloss dem Farmteam zugeteilt gewesen. Doch Hartley sah in diesem jungen Spielmacher das Potenzial für mehr, nahm ihn in die erste Mannschaft auf und begann ihn zu fördern. Es wurde eine intensive Beziehung, die sich auszahlte.
Hartley zeigte sich schon früh begeistert von der Ästhetik des Läufers, der ohne ersichtlichen Kraftaufwand auf dem Eis glitt; von seiner Übersicht und Puckführung. Aber er sah auch, wie der Center oft leichtsinnige Fehler produzierte. «Da konnte er dich brutal zusammenstauchen», sagt Cunti. Er spürte allerdings, dass es sich lohnen würde, auf diesen Mann zu hören: «Nach einiger Zeit wusste ich genau, was für ein Typ Hartley ist und was er erwartete. Es gab keine versteckten Sachen bei ihm. Das mochte ich.» Cunti lernte, seine Passivität abzulegen, die ganze Zeit in Bewegung zu sein, den Puck zu fordern. «Und wenn ich kämpfte wie ein Wilder, zeigte der Coach auch seine Zufriedenheit.»
Im Playoff hatte Hartley seinen Schüler so weit getrimmt, dass Cunti zu einer der prägendsten Figuren auf dem Weg zum Meistertitel wurde – er beendete seine erste volle NLA-Saison mit 32 Punkten aus 50 Spielen. «Ich finde es schade, dass Hartley ging», sagt Cunti, der seinen Vertrag beim ZSC bis 2015 verlängerte. Denn unter Nachfolger Marc Crawford begann die Findungsphase danach von neuem. Lange erhielt Cunti bloss wenig Eiszeit, auch weil er von Knie- und Schulterproblemen gebremst wurde: «Wir haben ein so starkes Team, da muss man sich jedes Mal wieder hineinkämpfen, wenn man ausfällt», sagt er. «Ich musste wieder beissen, werde herausgefordert vom Coach. Aber wer weiss, vielleicht macht er das auch absichtlich.» Seit ein paar Wochen darf Cunti in der Toplinie neben Shannon und Brown stürmen.
Ein Telefonat mit Hartley
Mit Hartley, der das NHL-Team von Calgary übernahm, sprach Cunti seit dem Titelgewinn übrigens noch einmal. Über den Inhalt jenes Telefonats im Sommer will er nichts verraten. Doch es ist ihm anzusehen, dass er geschmeichelt war, was Hartley mitzuteilen hatte – wohl auch über eine allfällige Zukunft in der NHL. Cunti sagt: «Ich stecke mir nur noch kurzfristige Ziele. Ich will einfach nur ein gutes Spiel gegen Weissrussland abliefern. Und gewinnen.»
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Gut möglich dass Hartley Leuten wie Cunti oder Ambühl bei Calgary eine Chance geben wird!