Die ZSC Lions haben eine moderne Arena, verharren aber in alten Denkmustern – auch darum sind sie in den Play-offs bereits wieder schmählich gescheitert
Mit einer 3:5-Niederlage und ohne Sieg verabschiedet sich der ZSC aus dem Play-off-Halbfinal gegen den EHC Biel. Die Zürcher führten im vierten Spiel 2:0 und 3:1, brachten den Vorsprung aber nicht über die Distanz. Für einmal eignet sich der Trainer nicht als Sündenbock – und die Organisation sollte sich fragen, wofür sie eigentlich stehen will.
Nicola Berger05.04.2023, 22.30 Uhr

Der Löwe brüllt zu selten: Die ZSC Lions treten weiter an Ort.
Annick Ramp
Im Oktober haben die ZSC Lions die Swiss-Life-Arena eröffnet. Einen 207 Millionen Franken teuren Prestigebau von grosser Anziehungskraft – die 12 000 Plätze waren fast immer ausverkauft. Kein Team in Europa verfügt über eine modernere Stadioninfrastruktur als der ZSC.
Das Problem ist, dass der Klub in seinem Wirken oft jegliche Innovationskraft vermissen lässt. Zum zweifachen Meister EV Zug, der wie eine Denkfabrik funktioniert und sich in jeder Hinsicht allerhöchsten Standards verpflichtet – gerade auch, was die Ernährung und die Trainingslehre angeht –, ist der Abstand grösser geworden. Es ist auch nicht ganz klar, wofür der ZSC eigentlich stehen will. Es existiert zwar ein Leitbild, aber das ist interessanterweise nicht öffentlich einsehbar.
So erweckt der ZSC selten den Eindruck, er handle kohärent. Das fängt beim Coach an: Im Januar 2019 wurde der 62 Jahre alte Arno Del Curto eingestellt. Das Engagement war der Nostalgie geschuldet und der ewigen ZSC-Sehnsucht nach grossen Namen; die Verpflichtung wurde am Sportchef Sven Leuenberger vorbei orchestriert und scheiterte mit dem Verpassen der Play-offs spektakulär. Fast genau vier Jahre später hat der ZSC den nächsten 62-Jährigen rezykliert: den Kanadier Marc Crawford, der im Dezember mehr Gepäck nach Zürich mitbrachte als nur seine Koffer – eine unschöne Ansammlung von garstigen Verfehlungen im Umgang mit Spielern.
Auch das Engagement Crawfords hat etwas Rückwärtsgewandtes, und funktioniert hat es bisher ebenfalls nicht. Der Kanadier führte den ZSC schon zwischen 2013 und 2017, am Ende seiner ersten Ära hatte er nicht mehr viele Fürsprecher im und rund um den Klub. Ein Spieler sagte 2017 nach dem 0:4 im Play-off-Viertelfinal zum «Blick»: «Alle hassen ihn.»
Der ohne Not vollzogene Trainerwechsel blieb ohne jede Wirkung
Doch der Mensch neigt zu selektiver Wahrnehmung. Und im Gedächtnis der Würdenträger im ZSC sind offenkundig vor allem die Erfolge unter Crawford hängen geblieben, der Titel von 2014. Die Konsequenz war ein wenig zwingender Trainerwechsel – der ZSC war Tabellendritter –, dessen Wirkung gegen null tendierte, wenn er nicht sogar negativer Art war: Unter Crawford hat der ZSC 16 von 31 Spielen verloren, es ist eine miserable Bilanz. Die Darbietungen waren selten überzeugend, aus den etwas mehr als drei Monaten seit seiner Einstellung bleibt vor allem haften, dass er einen Schiedsrichter als «Schwanzlutscher» beschimpfte.
Der Kanadier steht für zwei weitere Jahre unter Vertrag, was vom ZSC-Management bemerkenswert schlecht verhandelt worden ist, weil es nicht so war, dass Crawford in Angeboten schwamm. Man wird den Eindruck nicht los, dass ihn auf dem Markt niemand so positiv wahrnahm wie der ZSC. Dabei ist dieser Klub mit der attraktivste Arbeitgeber in Europa, die Trainer stehen Schlange. Es müsste den Verantwortlichen nur einmal gelingen, den richtigen Mann zu holen.
Allzu oft lassen sie sich von Momentaufnahmen blenden: Das Duo Wallson/Johansson galt 2016 ebenso als der letzte Schrei wie 2019 Rikard Grönborg. Doch den einzigen Titel in den letzten Jahren errang der ZSC 2018 mit Hans Kossmann, einem Nothelfer, der nichts Prätentiöses hat. Vielleicht lässt sich daraus eine Erkenntnis gewinnen. Weil der ZSC sich seit Jahren wie ein Konsument verhält, der immer ins oberste Regal greift und dann staunt, wenn der «Kassensturz» enthüllt, dass das teuerste Produkt nicht immer das beste sein muss.
Die Rochade von Grönborg zu Crawford jedenfalls könnte sich nun als Bumerang erweisen. Denn als Sündenbock für das klare Scheitern gegen Biel kann der in Zürich nie übermässig populäre Schwede nun nicht mehr herhalten. Die Kritik entlädt sich stattdessen über den Sportchef Sven Leuenberger, einen Manager, der in dieser Funktion schon sechs Mal Meister geworden ist. Sie ist nicht unberechtigt, auch wenn nicht klar ist, ob Leuenberger in der Crawford-Frage erneut übergangen wurde und ob ihm diese oder jene Vertragsverlängerung nicht von höherer Stelle nahegelegt wird. Im Herbst 2021 hatte er Heinz Ehlers einstellen wollen, einen Mann vom Schlage Kossmanns.
Der ZSC ist heute die einzige Organisation in der National League, die sich ein eigenes Farmteam gönnt. Die Pyramide mit dem Unterbau einer gewaltigen Nachwuchsorganisation leistet exzellente Arbeit, und es ehrt den ZSC, dass er an seinem Konzept, möglichst auf eigene Kräfte zu setzen, festhält. Im derzeitigen Kader gibt es 16 Spieler mit ZSC-Wurzeln. Es spricht für die Attraktivität des Klubs, dass Zürcher Rückkehrer aus Nordamerika wie in letzter Zeit Dean Kukan, Sven Andrighetto oder temporär Denis Malgin sich dem ZSC anschliessen. Aber es ist schon auffallend, wie wenige Leader es in diesem Kader gibt, die Emotionen ins Spiel bringen können, das Feuer. Christian Marti und Chris Baltisberger sind zwei, an guten Tagen auch Andrighetto. Das ist wenig, gerade bei so viel Lokalkolorit in der Garderobe.
Von den zwölf Schweizern, die in dieser Saison in der NHL zum Einsatz kamen, durchliefen deren fünf die Juniorenteams des ZSC. In gewisser Weise ist der Klub diesbezüglich Opfer seines eigenen Erfolgs geworden – mit Spielern wie Pius Suter, Malgin und Jonas Siegenthaler wäre es um die Erfolgsaussichten des ZSC anders bestellt. Akteure von ihrem Kaliber sind auf dem Schweizer Markt nicht zu ersetzen. Aber es stellt sich die Frage, ob der Klub bei den eigenen Spielern immer auf die richtigen Pferde setzt. Spieler wie Roger Karrer, Marco Miranda (beide Genf/Servette) oder Mike Künzle (Biel) verliessen den ZSC, weil sie zu lange zu wenig Auslauf und Verantwortung erhielten. Heute stehen sie alle an der Schwelle zum Nationalteam.
In den letzten Jahren baute der ZSC auf den Verteidiger Noah Meier, der unter Grönborg praktisch nie berücksichtigt wurde und deshalb in dieser Saison mit einem Salär von 300 000 Franken der teuerste Swiss-League-Verteidiger der Geschichte war. Auf Jérôme Bachofner, der aus Zug zurückgeholt wurde und bei dem weiterhin nicht klar ist, was eigentlich seine Stärken sein sollen. Auf Justin Sigrist, der seit längerer Zeit stagniert. Auf den Spätzünder Willy Riedi, der nach einem formidablen Saisonstart in der Versenkung verschwand.
Wann findet wieder ein Spieler vom Kaliber eines Dominik Kubalik oder Jan Kovar den Weg nach Zürich?
Es ist nicht an Meier, Sigrist und Riedi, diese Mannschaft zu tragen. Doch bei der Evaluation der eigenen Talente scheint die Organisation Steigerungspotenzial zu haben. Für die Selektion der Ausländer gilt das auch. Es muss sich schon anstrengen, wer einen ZSC-Feldspieler nennen will, der seit dem Abgang von Auston Matthews in die NHL 2017 für Spektakel sorgen konnte. Garrett Roe und Fredrik Pettersson in ihrer Blütezeit vielleicht. Aber sonst? Roman Cervenka, in Rapperswil gerade zwei Mal in Folge Liga-Topskorer geworden, wurde in Zürich nicht glücklich und verabschiedete sich nach einer Saison.
Die namhaftesten Sommerzuzüge, Alexandre Texier und Mikko Lehtonen, haben die hohen Erwartungen trotz immensem Talent nicht erfüllt. Und es spricht Bände, dass Crawford am Montag dem Schweden Lucas Wallmark mit Jarno Kärki einen Spieler aus dem Farmteam vorzog. Man muss vorsichtig sein mit Vergleichen, es ist schwieriger, in einem Team mit grosser Kadertiefe wie Zürich nach Lust und Laune zu skoren, als bei, sagen wir, Ambri-Piotta. Trotzdem wäre es nicht verboten, dass Leuenberger einmal einen Ausländer vom Kaliber eines Dominik Kubalik oder Jan Kovar aus dem Hut zaubert. Zumal der ZSC ja alles bieten kann: die Perspektiven, das Geld, die Infrastruktur, die Lebensqualität.
Es könnte für Leuenberger ungemütlich werden in den kommenden Tagen und Wochen, der Boulevard schoss sich schon nach dem Final-Kollaps von 2022 auf ihn ein. Ein einziger Titel in neun Jahren ist fraglos eine viel zu dürftige Ausbeute, gemessen an den Möglichkeiten, Aufwendungen und Ansprüchen des ZSC. Doch womöglich profitiert Leuenberger davon, dass der Posten des Sportchefs jene Planstelle ist, für die es keine funkelnden Namen, keine teuren, erfolgreichen Stars zu kaufen gibt. Wenn es ein Indikator sein soll, wie die ZSC-Chefetage in letzter Zeit funktioniert hat, dürfte das den Reiz, einen Wechsel vorzunehmen, deutlich schmälern.