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Das Stadionprojekt auf dem Hardturm ist wegen Rekursen blockiert – nun will die Stadt Zürich vorübergehend Flüchtlinge auf dem Areal unterbringen
In Zürich werden Unterkünfte für Flüchtlinge knapp. Die Stadt will mit einer Containersiedlung vorsorgen, die ins Geld geht.
Isabel Heusser21.11.2022, 16.45 Uhr
Das Stadion auf dem Hardturm-Areal kann bis auf weiteres nicht gebaut werden. Deshalb will die Stadt nun eine Containersiedlung für Flüchtlinge erstellen.Christoph Ruckstuhl / NZZ
Das brachliegende Hardturm-Areal wird seit Jahren für alles Mögliche genutzt, nur nicht fürs Fussballspielen. Im Frühling fand hier ein Street-Food-Festival statt, im Sommer das Alba-Festival, jüngst hatte der Cirque du Soleil seine Zelte aufgestellt. Bis die Stadt Zürich ihren neuen Fussballtempel bekommt, wird es wohl noch viele Jahre dauern: Gegen den Gestaltungsplan für das Projekt «Ensemble» mit Stadion, zwei Hochhäusern und einer Genossenschaftssiedlung sind erneut Rekurse eingegangen.
Was also tun mit dem rund 47 000 Quadratmeter grossen Grundstück, das bis auf weiteres nicht sein darf, was es sein soll?
Die Stadt hat sich dazu entschieden, es temporär anderweitig zu nutzen: Sie will darauf eine Flüchtlingsunterkunft bauen. Am Montag hat sie bekanntgegeben, dass sie ein Baugesuch eingereicht habe für eine Siedlung, in der bis zu 320 Personen unterkommen sollten. Nach Vorliegen der Baubewilligung soll die Unterkunft innerhalb von sechs Monaten gebaut werden können. Den Betrieb der Siedlung und die Betreuung der Flüchtlinge übernimmt die Asyl-Organisation Zürich (AOZ).
Die meisten sind privat untergekommen
Als Grund für das Bauprojekt gibt die Stadt steigende Flüchtlingszahlen in der Schweiz und in Europa an. Nicht nur der Krieg in der Ukraine habe zu einer grossen innereuropäischen Fluchtbewegung geführt, auch in anderen Weltregionen würden mehr Menschen ihr Land verlassen.
Seit Kriegsbeginn hat die Stadt zahlreiche Unterkünfte insbesondere für Ukrainerinnen und Ukrainer geschaffen. Die meisten der 1900 Geflüchteten, nämlich 70 Prozent, wohnen in privaten Unterbringungen. 30 Prozent leben in Wohnungen der AOZ oder Unterkünften wie dem ehemaligen Personalhaus des Triemli-Spitals. Im Personalhaus will die Stadt nun befristet bis Ende 2023 Platz für weitere 200 Personen schaffen. Gut 300 Flüchtlinge aus der Ukraine sind der Stadt zugewiesen, benötigen zurzeit aber keine Unterstützung.
Zwar verfügt die Stadt Zürich gegenwärtig noch über eine Reserve von 1500 Plätzen für die mittel- und langfristige Unterbringung – ob das langfristig reicht, ist aber ungewiss, teilt die Stadt mit.
Eine neue Unterkunft zu bauen, statt eine bestehende zu nutzen: Das ist ein aufwendiges Unterfangen, sagt der Sozialvorsteher Raphael Golta (SP). «Wenn es eine einfachere Lösung gäbe, würden wir uns für diese entscheiden.» Doch die Stadt habe schon zahlreiche Liegenschaften umgenutzt – und trotz den vorhandenen Reserven zeichne sich ein Engpass ab. «Wir wollen vorbereitet sein, falls die Zahl der Geflüchteten tatsächlich steigen sollte. Das ist unsere Pflicht.»
Wie Golta sagt, hat die Zahl der Personen, die privat untergebracht sind, zwar abgenommen; seit Mai haben rund 500 Geflüchtete ihre private Unterkunft verloren, haben aber eine andere Anschlusslösung gefunden. Mittlerweile habe sich das Angebot bei Privaten stabilisiert. «Dennoch müssen wir damit rechnen, dass die Zahl weiter abnehmen kann.» Die Zürcherinnen und Zürcher hätten gegenüber den Geflüchteten aber noch immer eine sehr positive Grundhaltung. Das gelte nicht nur für Menschen aus der Ukraine, sondern auch für solche aus anderen Ländern.
Zur Siedlung gehört auch eine Schule
Wie genau die Unterkunft auf dem Hardturm aussehen soll, ist noch offen. Golta bezeichnet sie als «Entwicklung einer Containersiedlung», die sowohl Familien als auch Einzelpersonen Platz bietet. Oberstes Ziel sei, den Flüchtlingen eine menschenwürdige Unterbringung zu bieten. Die Siedlung müsse alle internationalen Standards erfüllen. «Es werden genügend Rückzugsmöglichkeiten und Aufenthaltsräume zur Verfügung gestellt.» Für die Kinder ist eine eigene Schule auf dem Areal vorgesehen. Der Bau der Unterkunft soll laut Golta rund 17 Millionen Franken kosten.
Bisher wurde das Hardturm-Areal für verschiedene Zwischennutzungen vermietet – wenn die Unterkunft gebaut werden kann, ist es damit vorbei. Klar ist aber: Den Bau des Stadions soll sie nicht tangieren oder gar verzögern. Die beiden Projekte seien in der Planung aufeinander abgestimmt.