«Hören wir auf, gesunde Menschen mit leichten Symptomen zu testen, hören wir auf, ihre Kontakte zu verfolgen, geben wir die Isolation und Quarantäne auf», forderten die 19’000 Ärztinnen und Ärzte des Verbands SemFYC.
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Abo Länder beenden Pandemie
Europa sagt Hallo zum Leben vor Corona
Erste Länder in Europa lockern die Massnahmen oder behandeln Covid nur noch wie eine Grippe. Andernorts überfährt Omikron Gesellschaften komplett. Ein Überblick.
Andreas Frei
Publiziert heute um 16:09 Uhr
Fussgängerinnen und Fussgänger auf der London Bridge: Die Maskenpflicht wird in England weitgehend aufgehoben, und es wird auf die Eigenverantwortung gesetzt.
Foto: Andy Rain (Keystone/EPA)
Omikron sorgt in der Schweiz und anderen Ländern derzeit für Rekordfallzahlen. Trotzdem wird vielerorts in Europa nicht mehr verschärft, sondern gelockert. US-Medien berichten fast schon neidisch über den Umgang mit der neuen Corona-Variante. Und selbst in früher sehr strikten Nationen wie Australien oder Neuseeland bereiten sich die Menschen auf ein normalisiertes Leben mit hoher Virusaktivität vor. Ein Überblick.
England und Dänemark
«Hallo zum Leben, das wir vor Corona kannten»: Die dänische Premierministerin Mette Frederiksen hat Covid verabschiedet.
Foto: Mads Claus Rasmussen (Keystone/EPA)
Die jüngsten Beispiele der neuen Omikron-Lockerheit sind England und Dänemark. Die Maskenpflicht wird aufgehoben, Corona-Massnahmen soll es praktisch keine mehr geben. Trotz Zehntausenden Neuinfektionen pro Tag seien die meisten Menschen mittlerweile vor schweren Verläufen geschützt, argumentieren die dänische Premierministerin Mette Frederiksen und ihr britischer Kollege Boris Johnson.
Aufhebung von Corona-Massnahmen
In Dänemark fallen die Masken
Kommentar zu Dänemark
Kopenhagen wagt neue Corona-Wette
Frederiksen sagte «Auf Wiedersehen» zu Einschränkungen und «Hallo zum Leben, das wir vor Corona kannten» und bezeichnete den Entscheid als Meilenstein in der Pandemie. Wie in England ist der Impfpass nur noch für Einreisende relevant, im Land selber kommt er nicht mehr zur Anwendung.
Deutschland und Österreich
Österreichs Lockdown für Ungeimpfte endet nach elf Wochen am nächsten Montag. Dies trotz einem neuen Rekord an Neuinfektionen, 34’000 waren es am Mittwoch. Die Lage in den Spitälern lasse aber Lockerungen zu, sagt Kanzler Karl Nehammer. Es sei aber weiterhin Achtung geboten.
Ab dem 4. Februar gilt eine Impfpflicht für alle Erwachsenen. Ungeimpfte dürfen nun zwar wieder raus, doch 2-G wird aufrechterhalten, Restaurants, Hotels, Kinos, Sportanlässe und Skigebiete bleiben für sie also weiterhin verboten.
In Deutschland überschritt die Zahl der täglichen Neuinfektionen diese Woche erstmals die Marke von 200’000, weshalb die Regierung Lockerungen derzeit noch ablehnt.
Niederlande und Frankreich
Seit Mittwoch dürfen Restaurants in Holland wieder Gäste empfangen. Es gilt 3-G, auch für Touristinnen und Touristen.
Foto: Rob Engelaar (Keystone/EPA)
Frankreich lockert – und verschärft. Letzteres ist aus Schweizer Sicht allerdings kein wirkliches Anziehen der Schraube, denn das Nachbarland führt nun 2-G ein. Für Ungeimpfte gibt es keinen Zugang mehr zu Restaurants, Kultur- oder Sportveranstaltungen. Und auch in die Fernverkehrszüge dürfen sie nicht mehr. Im Gegenzug gibt es für Geimpfte und Genesene Erleichterungen, so ist in den Zügen das Essen wieder erlaubt, die Homeoffice-Pflicht wird aufgehoben, und Nachtclubs öffnen wieder.
AboStarker Anstieg in Dänemark
BA.2 – ein neuer Omikron-Subtyp gibt Rätsel auf
In Holland gilt nach dem Weihnachts-Lockdown nun 3-G, seit Mittwoch darf die Gastronomie wieder bis 22 Uhr offen sein, auch Kinos, Theater und Sportanlässe können wieder besucht werden, von Geimpften, Genesenen oder Getesteten. Regierungschef Mark Rutte sagte, dass man mit den Lockerungen «bewusst die Grenzen des Möglichen» auslote, denn eigentlich erscheine das in Anbetracht der Fallzahlen «widersprüchlich». Der Gesundheitsminister mahnte derweil auch weiterhin zur Vorsicht: «Omikron ist keine kleine Grippe.»
Spanien
In Spanien sieht man das etwas anders, dort soll Covid nur noch wie eine normale Grippe betrachtet werden. Die Regierung spricht von Endemie, die Menschen könnten nun mit den saisonalen Corona-Ausbrüchen leben, das Gesundheitssystem werde nicht überlastet. Die Gesundheitsministerin nannte diese neue Denkweise «an der Zeit und notwendig».
AboWeniger Covid-Patienten im Spital
Es läuft noch besser als im Best-Case-Szenario
Während Fachleute und die WHO den Schritt für verfrüht halten, unterstützen in Spanien Expertinnen und Ärzte die Regierung. «Hören wir auf, gesunde Menschen mit leichten Symptomen zu testen, hören wir auf, ihre Kontakte zu verfolgen, geben wir die Isolation und Quarantäne auf», forderten die 19’000 Ärztinnen und Ärzte des Verbands SemFYC. Diese Massnahmen seien «mit der erworbenen Immunität – sowohl durch Infektion als auch Impfung – und der Ankunft von Omikron sinnlos geworden».
Massnahmen gibt es allerdings immer noch, beispielsweise ist für Einreisende aus gewissen Ländern ein Impfnachweis erforderlich.
Auch in Spanien wird noch gegen Corona-Massnahmen protestiert, die Menschen stören sich am «Covid-Pass», der das Leben für Ungeimpfte einschränkt.
Foto: Enric Fontcuberta (Keystone/EPA)
Israel
Der Impfweltmeister hat sich selber von diesem Thron bugsiert, denn als vollständig geimpft gelten nur noch Personen, denen vor weniger als sechs Monaten eine Dosis verabreicht wurde. Somit kommt der ehemalige Vorreiter nun noch auf eine Quote von 63 Prozent. Bei 8 Prozent ist die Impfung mittlerweile abgelaufen und nicht erneuert worden. Viele Israelis sind weiterhin gar nicht geimpft, dafür haben schon über 600’000 Personen eine vierte Dosis erhalten.
Das alles hat in einer massiven Omikron-Welle geendet, die das Gesundheitssystem allerdings nicht stark belastet hat. Trotz Rekordzahlen von bis zu 83’000 Neuinfektionen pro Tag. Für Probleme sorgt höchstens die Quarantäne, denn derzeit gelten über 500’000 Personen als angesteckt. In den Spitälern gibt es somit nicht wegen zu vieler Erkrankter Engpässe, sondern wegen fehlenden Personals, dies aber nur punktuell. Die Regierung hat deshalb nicht wie früher Massnahmen verschärft, sondern gelockert, insbesondere die Quarantäneregeln verkürzt.
USA
Die USA wünschen sich sehnlichst eine Rückkehr zum Vor-Corona-Leben, wie CNN beschreibt, doch die Lage sei dort noch teilweise ausser Kontrolle. Die Impfquote entspricht zwar mit 63 Prozent nun derjenigen von Israel, wenn auch die Zählweise nicht unbedingt dieselbe ist. Und CNN schreibt, dass in einigen Südstaaten wie Alabama und Mississippi oder auch im ländlichen Nordwesten von Wyoming noch nicht mal die Hälfte der Bevölkerung geimpft sei.
Mut dürfte den USA eine neue Studie der Gesundheitsbehörde CDC machen, welche frühere Untersuchungen aus Kalifornien oder Schottland bestätigt: Omikron verursacht weniger schwere Verläufe, weniger Spitalaufenthalte und weniger Todesfälle. Aufgrund der schieren Menge an neuen Fällen und der vielen Ungeimpften sind die Gesundheitssysteme im Westen und im Süden des Landes aber weiterhin überlastet, wie CNN schreibt.
Australien und Neuseeland
In Australien ist Omikron wieder auf dem Rückzug, es gibt keine Staus mehr vor dem Drive-in-Testzentrum. In Neuseeland bereitet man sich derweil auf die grosse Omikron-Welle vor.
Foto: Keystone/EPA
In Down Under galt lange Zeit die «Zero Covid»-Strategie, die Grenzen waren dicht, und die Neuinfektionen waren wochenlang auf null. Schlich sich das Virus doch ins Land, wurden umfassende Lockdowns verhängt. Das Ende dieser Strategie wurde an die Impfquote geknüpft, und die Menschen liessen sich dafür gerne piksen. Omikron liess man vielerorts in Australien nun laufen, und das sorgte für Erlebnisse, die wir schon seit geraumer Zeit kennen – oder schlimmer.
Der Kontinent sieht erstmals eine massive Corona-Welle, es gibt Panikkäufe, viele Arbeitnehmende fallen aus, die Lieferketten sind teilweise unterbrochen und gewisse Produkte nicht mehr verfügbar. Die Belastung auf das Gesundheitswesen nimmt zu, Schulschliessungen werden diskutiert. Westaustralien liess seine Grenzen zu, schottete sich vom Rest des Landes ab – trotzdem beginnen die Fallzahlen dort jetzt zu steigen. Es sind Szenen, vor denen die Australierinnen und Australier bisher verschont blieben.
Eine Kolumnistin beschreibt für den «Guardian Australia», wie sie die ganze Corona-Sache eigentlich nur aus dem Fernsehen kannte, von den Bildern aus Wuhan, Bergamo, New York. Auch die wenigen Fälle im Land waren weit weg. Nun melde sich die Covid-App plötzlich mit möglichen Kontakten, täglich gebe es mehr Meldungen, schreibt sie in einem Artikel, der die Nachbarn in Neuseeland auf deren bevorstehende Omikron-Welle vorbereiten soll. Bald mal seien Freunde und Bekannte infiziert, dann spüre man selber ein Kratzen im Hals.
Die nächste Stufe sei dann, dass die vielen Ansteckungen eine Auswirkung auf die Gesellschaft hätten, Menschen blieben freiwillig wochenlang zu Hause, das öffentliche Leben stehe teilweise still, obwohl es keine Lockdowns gebe. Omikron führe zwar zu weniger schweren Verläufen, aber nicht bei allen sei es schnell vorbei, mahnt die Kolumnistin. Mit der Zeit weiche die Angst aber, man gewöhne sich daran. Ihr Rat an die neuseeländischen Nachbarn: Bleibt ruhig, seid nett miteinander und versucht nicht in Panik zu verfallen. Auch diese Welle gehe vorbei.
In Neuseeland muss sie aber erst einmal beginnen. Omikron ist zwar im Land und es wird erwartet, dass die Situation bald eskaliert, noch steigen die Fallzahlen aber nicht. Dabei schauen einige Bewohnerinnen und Bewohner sogar verhalten positiv auf die Ankunft der neuen Variante. Man habe schon befürchtet, eines der letzten Länder mit Delta zu sein, das mehr schwere Verläufe verursache. Und eine Neuseeländerin in London, die seit über zwei Jahren nicht mehr ihre Familie besuchen durfte, sagte dem «Guardian», dass Omikron der Regierung nun keine Wahl mehr lasse, als die Welle durchzustehen. Sie sei froh, wenn es dann durch sei und wieder Normalität einkehre.
Asien
Während China weiterhin felsenfest an «Zero Covid» festhält und alle Cluster auszumerzen versucht, lockern andere Länder langsam. So gibt es immer mehr «Bubbles», Zonen, in welchen Touristinnen und Touristen mit Impf- und Testnachweis, aber ohne Quarantäne Ferien machen können, dazu gehören beliebte thailändische Inseln wie Phuket und Koh Samui oder die malaysische Insel Langkawi. Thailand wolle Corona bis Ende Jahr als endemisch erklären, egal was die WHO dazu meine, hiess es kürzlich von der Regierung. Dazu brauche es aber 80 Prozent Geimpfte, weniger als 10’000 Fälle pro Tag und eine Sterblichkeit von unter 0,1 Prozent.
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