nzz vom sunntig, 31.05.2020:
Die Krise kommt erst
In drei Wochen nehmen die Schweizer Profifussballer die Meisterschaft mit Spielen ohne Zuschauer wieder auf. Den Klubs droht Terminstress und ein Kampf ums wirtschaftliche Überleben. Von Stephan Ramming
Am liebsten wäre er wieder umgekehrt, heim nach Winterthur. Heinrich Schifferle sass am Freitag nach der ausserordentlichen Versammlung der Klubs vor den Medienvertretern und berichtete im Eröffnungsvotum von seinen Gedanken auf der morgendlichen Fahrt nach Bern, nachdem er den «Blick» gelesen hatte. Von einem bevorstehenden «Gemetzel», von einem Aufstand gegen die «Diktatur» schrieb das Blatt. Alles falsch, es sei ganz anders gewesen: «Harmonisch, respektvoll, solidarisch». Liga-Präsident Schifferle hatte zweimal gewonnen: 17 der 20 Klubs stimmten für Geisterspiele, 14 gegen die Aufstockung der Super League auf 12 Klubs. Alles gut, alle glücklich. Schifferle konnte als zufriedener Ligapräsident Bern verlassen. Zurück bleiben Schwierigkeiten, offene Fragen und ungelöste Probleme.
Rechtshändel sind programmiert
Christian Constantin kündigte an, demnächst rechtliche Schritte einzuleiten. Noch ist unklar, ob der Walliser gegen die Rechtmässigkeit der Entscheidungen vom Freitag oder gegen die Liga klagen wird. Es gehe um «arbeitsrechtliche Fragen», sagte der Besitzer des FC Sion. So verpflichtete der streitlustige Walliser vor kurzem Geoffroy Serey Dié von Xamax. Der Mittelfeldspieler darf nun aber erst in der nächsten Saison spielen, weil im Normalfall ein Spieler in einer Saison nur bei zwei Klubs qualifiziert werden kann. Serey Dié trug in dieser Saison das Leibchen von Aarau und Xamax, Sitten wäre sein dritter Klub. Constantin sieht auch nicht ein, dass er auslaufende Verträge verlängern muss für die Spiele im Juli und August.
Offen ist zudem, ob Constantin gegen die Transfers von Xamax vorgeht: Die Neuenburger verpflichteten am Freitagabend Johan Djourou und Xavier Kouassi. Beide hatte Constantin im März entlassen, weil sie Kurzarbeit verweigerten. Sie sollen nun gemäss Fifa-Sonderreglement als «wegen Covid-19 entlassene Spieler» gelten. Constantin hat schon mehrfach bewiesen, dass er den Rechtsweg bis ans Ende gehen kann – wie 2003, als er gericht-lich die Rückkehr in die Challenge League erwirkte. Es ist deshalb fraglich, ob es sich
die Liga so leichtmachen kann wie Komitee-Mitglied Ancillo Canepa. Der FCZ-Präsident sagte, es sei ihm «wurscht, welches Cabaret man sich dort unten ausdenkt». Denn auch der FC Lugano, wie Constantin für den Saisonabbruch und die 12er-Liga, könnte nach Rechtsmitteln gegen die Liga suchen.
Terminchaos und Dauerstress
Zwischen dem 20. Juni und dem 2. August will die Liga 13 Runden durchpeitschen – das bedeutet Spiele im Dreitagesrhythmus. Für diese Belastung werde es nicht «15 oder 17 Spieler, sondern 23 oder 24» brauchen, sagt etwa St.-Gallen-Trainer Peter Zeidler. Teams mit breitem Kader wie Basel, YB oder der FCZ sind noch stärker bevorteilt, während Klubs wie Thun, Xamax oder Lugano die Spieler mit ungewohntem Dauerstress belasten. Wer am 2. August nicht genug hat, spielt weiter im Cup: Viertelfinal, Halbfinal, Final am 12. August – so sieht der provisorische Plan aus. Provisorisch, weil die internationalen Wettbewerbe noch nicht fixiert sind: Basel wird in die Qualifikation einsteigen, gleichzeitig spielt der FCB noch in der Europa League im Achtelfinal gegen Frankfurt. Anfang September soll die Meisterschaft 2020/21 beginnen. Kurz: Der internationale Terminstreit ist absehbar.
Kampf ums wirtschaftliche Überleben
Wird der Notkredit für Darlehen des Bundes für den Fussball zum Rohrkrepierer? Nicht nur Parlamentarier fürchten, dass die Bedingungen für den Bezug von den 200 Millionen Franken zu hart sind. Bei den Klubs lautet der Tenor: Schön, dass es einen Fallschirm gibt, aber wir lassen lieber die Finger davon. Die Rückzahlung belastet die Zukunft, man ist unzufrieden mit der Solidarhaftung der Kreditnehmer oder der unklaren Ausgestaltung der Bedingung, die Spielerlöhne um durchschnittlich 20 Prozent reduzieren zu müssen.
Noch ist der Vertrag nicht ausformuliert. Der Liga-CEO Claudius Schäfer sagte, man wolle «auf Verbesserungen für die Klubs hinwirken». Ob das Ansinnen in der Verwaltung und im Bundesrat auf Wohlwollen stösst, steht auf einem anderen Blatt. Matthias Remund, der als Direktor im Bundesamt für Sport das Kreditpaket mit Schifferle, Schäfer, Canepa und FCB-Präsident Bernhard Burgener ausgehandelt hat, soll jedenfalls sehr zufrieden mit den Eckwerten des Vertrages sein.
Fliehkraft statt Zusammenhalt
Schifferle sprach am Freitag von der Hoffnung, dass der Schweizer Fussball «gestärkt aus der Krise» kommen werde. Präsidialer Optimismus für die Zukunft ist schön. Die Gegenwart ist es weniger. Die Krise hat die Fliehkräfte der Liga gestärkt, nicht die Führung. Ist sie bereit, über die eigenen Personen und Strukturen nachzudenken? «Selbstverständlich werden wir unsere Prozesse genau analysieren und besprechen», sagt Schifferle. Wie erfolgreich die neue Ausschreibung der TV- und Marketingrechte ist, wird ein Gradmesser dafür, ob die Worte nicht nur gut tönen.
Gestärkt aus der Krise? Sie hat eben erst angefangen. Zwar dürfen die Klubs wieder spielen oder Teleclub als Inhaber der TV-Rechte mit Neuabonnenten spekulieren, aber ohne Zuschauer bleibt den Vereinen der Boden unter den Füssen weggezogen – vor allem emotional. Publikum und Fans dürften nach überstandener Geisterzeit zweimal überlegen, ob sie wieder die Ränge füllen sollen, wenn es nicht gerade um Titel geht. Auch im Fussball gilt: Die vielbeschworene «neue Normalität» wird kommen – nur wird sie ganz anders sein als die alte Normalität. Die Liga wird lernen müssen, damit umzugehen.
Aus dem NZZ-E-Paper vom 31.05.2020
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