NZZ am sunntig:
Einmal Heugümper, bitte
Die Grasshoppers sind zu einem Investment der Chinesin Jenny Wang geworden. Die Frau war bisher vor allem als Kunstliebhaberin bekannt; was sie nun im Fussball will, bleibt wie so manches an diesem Deal im Dunkeln. Doch GC soll zu alter Grösse zurückfinden. Von Stephan Ramming
Wo liegt Schanghai? Wo ist Hongkong? Irgendwo auf einer Landkarte, weit weg. Der GC-Campus aber liegt in Niederhasli, auf der äussersten Parzelle des Gemeindegebietes zu Dielsdorf. Ein dünnes Rinnsal namens Furtbach bildet die natürliche Grenze zwischen den zwei Gemeinden am Fusse von Regensberg. Wer von Dielsdorf den Furtbach entlang spaziert, kommt direkt zum GC-Campus. Hongkong, Schanghai, alles weit weg vom Campus und dem Zürcher Grasshopper Club. Wegen der Corona-Pandemie gibt es zurzeit keine Flugverbindung nach Hongkong oder Schanghai, es könnten Orte auf dem Mond sein in diesen Tagen. Einerseits.
Andererseits ist Hongkong ganz nah, seit am Gründonnerstag András Gurovits den Verkauf der Grasshoppers an eine Firma in Hongkong bekanntgegeben hat. Die Firma trägt den Namen Champions Union HK Holdings Limited. Das tönt seriös und gleichzeitig verlockend, nach Fussball, nach Champions League. Champions ist Englisch und bedeutet Sieger, die Wurzel des Wortes liegt im lateinischen Campus, das offene Feld, der Kampfplatz. Campus, so heisst auch die Trainingsanlage von GC.
Wörter sind global, die Wirtschaft ist global, Pandemien sind es. Fussball ist schon lange global, von Niederhasli bis Hongkong.
Im Bett in Schanghai
In Schanghai wohnt Frau Jenny Wang Jinyuan. Frau Wang ist die Besitzerin der Firma Champions Union HK Holdings Limited. Die Firma ist in Hongkong eingeschrieben. Gerne wäre Frau Wang in die Schweiz gereist, aber das geht gerade nicht. Frau Wang kann deshalb nicht erklären, weshalb sie die Grasshoppers gekauft hat, was sie für Ideen hat, was der Sinn und was der Zweck ist, in Schanghai zu leben, in Hongkong eine Firma zu gründen und in der Schweiz einen Fussballklub zu besitzen. Bekannt ist aber: Wenn Frau Wang am Morgen in ihrem Bett in Schanghai die Augen aufmacht, sieht sie eine kleine Fotografie von Wolfgang Tillmans. Das hat sie in einem Interview mit dem Kunstsammler-Portal «Larry’s List» erzählt. Die Fotografien von Wolfgang Tillmans gehören zum Teuersten, was es in der Kunst zu kaufen gibt.
Frau Wang soll den alten GC-Geldgebern Peter Stüber und Stephan Anliker für ihre Aktien einen einstelligen Millionenbetrag gezahlt haben, 90 Prozent der Aktien gehören nun ihr. Von den übrigen 10 Prozent liegt ein Teil in einer Stiftung, der Gurovits vorsteht. Der Stiftungszweck besteht darin, die Namensrechte und Geldflüsse zu kontrollieren und ein Vorzugsrecht bei einem Weiterverkauf zu sichern. GC solle GC bleiben, sagt Gurovits. Er hat Frau Wang noch nie gesehen, noch nie gesprochen. Er ist froh, dass GC die finanziellen Sorgen los ist, gerade jetzt, in diesen schwierigen Zeiten. Die neue Besitzerin hat ein Papier unterschrieben, in dem sie sich für zehn Jahre verpflichtet, Gutes zu tun. Gurovits wird als Vizepräsident im dreiköpfigen Verwaltungsrat Einsitz nehmen. Er will achtgeben, dass das Geld fliesst, wenn es fliessen muss. So ist es abgemacht.
Wohlfahrt, Bildung, Kultur
Jenny Wang hat drei Kinder. Früher war sie in Schanghai eine bekannte TV-Nachrichtensprecherin, dann hat sie geheiratet. Seither ist Guo Guangchang ihr Gatte. Guangchang ist Geschäftsmann und hat im Laufe seiner Karriere nicht nur die Nachrichtensprecherin Jenny Wang geehelicht, sondern ein riesiges Geschäftsimperium aufgebaut und viele Milliarden Dollar verdient. Fosun heisst Guangchangs mächtige Firma, die in der ganzen Welt investiert und Beteiligungen hält. Wer aber in China grosse Geschäfte macht, muss sich mit der Regierung auf guten Fuss stellen.
Guo Guangchang sass einmal während vier Tagen bei der Polizei unter Arrest. Als er wieder freikam, schrieben die Zeitungen, dass der Ehemann von Jenny Wang den Untersuchungsbehörden geholfen habe, eine Korruptionsaffäre aufzudecken. Auch wer in China viel Geld besitzt, tut besser Gutes. Guangchang hat eine Stiftung gegründet, die Fosun Foundation. Die Vorsitzende ist Jenny Wang. Die Stiftung unterstützt Projekte in der Bildung, in der Wohlfahrt, in Kultur und Kunst. Frau Wang liess in Schanghai ein prächtiges Kulturzentrum an bester Lage erbauen, in Madrid, New York, Mailand oder Hongkong gehören der Fosun Foundation Immobilien. In Niederhasli besitzt Frau Wang seit kurzem die Fussballfelder und den Grasshopper Club Zürich.
«Gutes tun» kann in China unter vielem auch bedeuten, Fussballklubs zu kaufen. Der Präsident Xi Jinping hat gesagt, sein Land werde bald, sicher aber in der ersten Hälfte des Jahrhunderts Fussballweltmeister. Dieser Vision gilt es zu folgen in China. In den Schulen üben die Kinder fleissig. Und grosse Konzerne kaufen auf der ganzen Welt Fussballvereine. Inter Mailand, Atlético Madrid, Southampton und viele mehr gehören reichen Chinesen. Guo Guangchang gehören die Wolverhampton Wanderers in der englischen Premier League. Seiner Frau gehört nun GC in der Schweizer Challenge League.
Weshalb GC? Weshalb kein anderer Klub, in England, Österreich, Liechtenstein oder anderswo? Shqiprim Berisha ist ein grosser Bewunderer der Grasshoppers. Berisha war früher selber Fussballer, für den FC Luzern hat er gespielt, und wenn er gegen die Grasshoppers antreten durfte, dann zitterten ihm jeweils die Knie vor Ehrfurcht. Shqiprim Berisha, den die Kollegen der Einfachheit halber «Jimmy» nennen, ist der neue Managing Director der Grasshoppers. Berisha erzählt am Telefon, dass er schon lange innig mit GC verbunden sei. Er war Spielervermittler, und so kam es, dass er sich manchmal auch mit Jorge Mendes unterhielt, dem grössten Spielervermittler der Welt. Mendes wiederum ist eng verbunden mit Guangchang, viele Spieler in Wolverhampton sind seine Klienten, und Guangchangs Firma Fosun ist umgekehrt Teilhaberin an Mendes’ Firma Gestifute.
Also holte Shqiprim «Jimmy» Berisha Erkundigungen ein, er nahm Samuel Haas ins Boot, einen ehemaligen GC-Junioren, der nun der neue GC-Generalsekretär ist. Berisha knüpfte Kontakte, hinauf bis zu Guangchang und seiner Ehefrau Jenny Wang. Im letzten Oktober stellte Heinz Spross, ein alter GC-Geldgeber, Berisha und Haas dem GC-Anwalt Gurovits vor. Ein knappes halbes Jahr später ist Berisha am Ziel, der Deal steht. Erich Vogel, das 81-jährige GC-Urgestein, hat für seinen alten Schulkameraden Peter Stüber ein dickes Dossier verfasst, in dem Vogel die Vorteile des Geschäftes lobt, damit Stüber seine Aktien hergibt. Stüber, der 81-jährige Autohändler und Mäzen der Tonhalle, ist einverstanden. Stephan Anliker, der Architekt aus Langenthal, ebenfalls. Erich Vogel sei eine Legende im Schweizer Fussball, sagt Berisha, und Heinz Spross sei ein Ehrenmann.
Berisha hielt am Donnerstag im Café des GC-Campus eine Ansprache vor den Angestellten. Neben ihm stand Haas, auch der neue Marketing- und Kommunikationschef Adrian Fetscherin war da, erst vor zwei Wochen verpflichtet. Am Ende seiner Ansprache klatschte Berisha in die Hände, die Versammelten klatschten mit. Wahrscheinlich rief einer «Hopp GC!», als wären sie eine Fussballmannschaft vor einem Spiel. Nur der neue Präsident war nicht anwesend.
GC aus dem Hintergrund führen
Es hätte ihm gefallen. Er spielt selber Fussball. Sky Sun heisst der neue GC-Präsident. Sun weiss wahrscheinlich noch wenig über den Furtbach oder den schönen Spaziergang den Grenzverlauf entlang hinauf nach Dielsdorf. Sky Sun hält sich wie Jenny Wang derzeit in Schanghai auf, Corona. Sun wird aber baldmöglichst in der Schweiz eintreffen. Er sagt, er wolle sein Amt aus dem Hintergrund führen. Ob er in Zürich oder in Niederhasli wohnen wird, hat er noch nicht entschieden.
Sun war bis vor kurzem Vizepräsident in Wolverhampton. Nun sagt er, dass Wolverhampton für GC ein Klub sei wie jeder andere in Europa. Eigentlich verbietet die Uefa, dass einem Besitzer mehr als ein Klub gehören darf. Frau Jenny Wang und Herr Guo Guangchang sind zwei verschiedene Besitzer, auch wenn sie möglicherweise im gleichen Bett die Augen aufmachen und an der Wand die kleine Fotografie von Wolfgang Tillmans sehen.
FC Aarau heisst der nächste Gegner der Grasshoppers. Auf dem Papier zumindest, aber vielleicht kommt die Zeit, dass dieses Spiel stattfinden wird. Der FC Aarau ist der Klub aus der Hauptstadt des Kantons Aargau, die Partie wird voraussichtlich im Stadion Letzigrund in Zürich ausgetragen, die Adresse lautet Badenerstrasse 500, Stadtkreis 3. Sollten Frau Jenny Wang oder Herr Sky Sun oder Guo Guangchang dies alles nicht bereits wissen, werden sie es spätestens dann in Erfahrung gebracht haben. Man kann es jetzt schon nachschauen, irgendwo auf der Welt, auf einer Landkarte, in Hongkong, in Schanghai.
Der GC-Verkauf spiegelt den Zustand der Schweizer Wirtschaft. Die Schweiz im Ausverkauf. Eine Schadenskizze
«Ach, ein historischer Moment mit dem GC», ruft Klaus J. Stöhlker ins Telefon. «Das ist der Notverkauf eines Vereins, den die Kraft verlassen hat.» Sein halbes Leben lang beriet der heute fast achtzigjährige Stöhlker die heimische Elite in Public Relations. Er war das papageifarbige Einstecktuch im dunklen Anzug der Schweizer Wirtschaft. Jetzt hält er die heiter-melancholische Grabrede: «Die alte Elite gibt es nicht mehr. Der eine Teil ist aufgestiegen in die globalisierte Welt. Das ist die A-Schweiz. Der andere Teil ist abgestiegen ins Gewerbliche. Entschuldigen Sie, ich nenne das die B-Schweiz.»
GC war der Sportklub der alten Schweizer Miliz-Elite. Bürgerliche Männer, aktiv im Freisinn, im Militär und in der Wirtschaft, setzten sich auf die Tribüne des Hardturms, trafen sich in den Gönnervereinigungen und pflegten über den Mitgliederbeitrag ihr persönliches Netzwerk. GC war kein klassischer Fussballklub, sondern ein Serviceklub, in dem zufällig Fussball gespielt wurde.
Das Modell funktionierte so lange, bis sich das Land globalisierte. Nach dem Ende des Kalten Krieges begann die Schweizer Wirtschaft, die neuen, internationalen Möglichkeiten zu nutzen. Nationale Institutionen verloren dabei an Bedeutung. Die alte freisinnige Elite implodierte um die Jahrtausendwende bei dem Versuch, die Swissair zu globalisieren. Und im Grasshopper-Club übernahmen zur gleichen Zeit mit Fritz Gerber (Roche, Zürich Versicherung) und Rainer E. Gut (Credit Suisse, Nestlé) zwar noch einmal die Männer der alten Ordnung. Aber das war nur der Schwanengesang. Eine neue Zeit hatte begonnen.
Um im Bild zu bleiben: GC hatte jetzt zwei Möglichkeiten, aber es wurde nicht ein A-GC, sondern ein B-GC. Die folgenden Präsidenten stammten aus der lokalen Baubranche oder aus dem mittleren Bankkader, zuletzt kannte niemand mehr ihre Namen. Im vergangenen Jahr stieg GC in die Zweitklassigkeit ab, aber der Präsident sprach von der Champions League.
Klaus J. Stöhlker sagt: «Ich sehe doch die Tragödie. Das Schweizervolk glaubt bis heute, die Welt zu sein. Das ist unser Herrenwesen. Aber es stimmt nicht mehr.» Dann zitiert er aus dem Leitbild des Klubs: «Die langfristige Optik ermöglicht GC, (…) Vorreiter zu sein für künftige Strukturen und Lösungen.» Ach, habe er gelacht, sagt Stöhlker. «Das sind sie jetzt völlig unverhofft wieder – mit China.»
Die Übernahme von GC scheint den Zustand der Schweizer Wirtschaft ziemlich präzis zu spiegeln. Zu diesem Schluss kommt, wer mit Tobias Straumann spricht, Wirtschaftshistoriker an der Universität Zürich und Kolumnist der «NZZ am Sonntag». Er nimmt die Bankenbranche als Beispiel und sagt: «In unseren Regionalbanken arbeiten fast nur Schweizer. Und in unseren internationalen Grossbanken dominieren in den obersten Chargen die Zugewanderten. Es sind zwei verschiedene Welten entstanden.» Straumann beobachtet an der Universität, wie auffällig viele Schweizer etwa Jura studieren oder nachher in die Verwaltung wechseln, um sich vor der internationalen Konkurrenz zu schützen.
Und so sind viele Institutionen der alten Schweiz heute entweder raiffeisisiert, geführt von einheimischen Regionalfürsten, oder globalisiert, geführt von ehrgeizigen Ausländern. Chinesische Investoren etwa suchen gezielt nach Einfluss in der Welt. Sie kauften zuletzt allein in der Schweiz: Agrarkonzerne (Syngenta), Maschinenhersteller (Saurer), Hotels (Palace, Luzern), kurzum: Infrastruktur. Ein Fussballklub ergänzt das Portfolio. Er ist eine emotionale Infrastruktur.
Die Gefahr dieser neuen, zweigeteilten Schweiz, ist eine zunehmende Verständnislosigkeit für die jeweils andere Seite: Bekanntestes Beispiel dafür ist die Masseneinwanderungsinitiative der SVP, die im Februar 2014 angenommen wurde. Tobias Straumann sagt: «Hier handelte es sich – zumindest teilweise – um eine Revanche der einheimischen Mittelschichten an der neuen, globalisierten Elite.»
Wenn schon in der Wirtschaft das nationale Verständnis für globale Unternehmen abnimmt, wird interessant zu beobachten sein, was im Sport passiert. Für einen Fussballklub ist die lokale Identität alles – so lange er die fehlende Identität nicht durch globalen Erfolg kompensieren kann. Bei den Grasshoppers erachtete man es lange als Problem, dass einer der Eigentümer nicht aus Zürich, sondern aus Langenthal kommt. Er hiess Stephan Anliker. Jetzt kommt die Eigentümerin aus Hongkong. Sie heisst Jenny Wang.
Zum ersten Indikator wird die erneute Abstimmung über das neue Hardturmstadion, die wegen des Coronavirus nicht im Mai stattfindet, sondern später. Roger Schawinski, der grosse Schweizer Medienpionier, setzte sich bei der letzten Abstimmung in der ersten Reihe für das Stadion ein. Jetzt sagt er: «Dieser Notverkauf ist tragisch. Und für die Abstimmung sicher kontraproduktiv. Der Ruf der Chinesen hat sich in den vergangenen Wochen ja nicht verbessert.»
Schawinski war Sponsor von GC, als man sich von dem Klub noch etwas erhoffte. Inzwischen glaubt er nicht mehr an dessen Ausstrahlung. «Die gesellschaftliche Bedeutung hat massiv abgenommen», sagt er.
Der Grasshopper-Club hat die alte Schweiz verlassen, er kann nicht mehr zurück. Und was die neue Welt bringt, weiss er noch nicht.
Samuel Tanner