Guter Artikel im Tages Anzeiger Magazin
Warum so viele alles besser wissen
Plötzlich ist jeder Virologe und jede Ärztin. Warum sind inkompetente Menschen so selbstbewusst?
Derzeit lässt sich in den sozialen Medien etwas Sonderbares beobachten: Leute ohne Fachkenntnis der Virologie, Epidemiologie oder wenigstens Rechtssoziologie erklären mit grosser Geste, was richtig bzw. falsch ist an den derzeitigen Massnahmen gegen das Coronavirus. Wie kommt es, fragt man sich, dass inkompetente Menschen so selbstbewusst sind?
Das fragten 1999 auch die Psychologen David Dunning und Justin Kruger in ihrer wegweisenden Arbeit: «Unskilled and unaware of it. How difficulties in recognizing one’s own incompetence lead to inflated self-assessments».
Eigentlich, so die Forscher, müssten wir ja selbstsicherer werden, je mehr wir über ein Thema Bescheid wissen. Tatsächlich jedoch tun jene, die nur wenig über etwas wissen, ihre Meinung am selbstbewusstesten kund. Wer gerade einmal an der Oberfläche eines Themas gekratzt hat, ist so ahnungslos, dass er nicht weiss, dass er nichts weiss. Berauscht von dem kleinen Schluck Wissen, den er gerade zu sich genommen hat, überschätzt er das eigene Vermögen und anerkennt nicht ein fachkundiges Argument. Diejenigen wiederum, die sich im Thema auskennen, wissen, dass sie noch nicht alles wissen, und neigen dazu, sich von der Komplexität des Themas einschüchtern zu lassen. Je besser wir uns auskennen, beobachteten Dunning und Kruger, desto schlechter wird unser Selbstbild. Erst Leute mit wirklich fundiertem Wissen entwickeln mit der Zeit wieder Selbstvertrauen. (Das aber nie so gross wird wie das Selbstvertrauen der Pseudoexperten.)
Das ist der Dunning-Kruger-Effekt, der sich besonders gut in den sozialen Medien beobachten lässt. Hier hat jeder, egal wie ahnungslos, nicht nur eine Stimme und einen Kanal, sondern auch ein potenziell unendliches Publikum.Das Problem: Obwohl unsere Aufnahmekapazität für Social-Media-Lärm (im Bild: «Social Media Bullshit Capacity») begrenzt ist, können wir irgendwie nicht anders, als immer mehr davon zu konsumieren. Die Lösung: Besserwisser auf Social Media kam man nicht stoppen, aber man kann versuchen, die Lärmkurve abzuflachen. Zum Beispiel so: #stayofftheinternet.