die weltwoche setzt noch einen drauf. guckst du text unten.
(bevor fragen aufkommen: ja, ich nehme an, dass folgender text nicht ganz ernst gemeint ist und daher als satire betrachtet werden kann. aber wissen tu ich es natürlich auch nicht wirklich, habe ihn ja nicht selber geschrieben…
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Das ewige Turnier
Die WM 2026 war erst der Anfang. Eine Fussball-Dystopie aus dem Jahr 2050
Die Weltmeisterschaft 2050 läuft nun seit elf Monaten, und man muss sagen: Sie läuft gut. Ruhig. Geordnet. Kein Mensch weiss mehr, wer gerade führt, aber das ist Absicht. Ergebnisse werden aus Gründen der Fairness erst nach abschliessender Prüfung mitgeteilt – und die dauert.
Wer sich erinnert, wie das anfing, denkt heute fast wehmütig an 2026 zurück. 48 Mannschaften, drei Minuten Trinkpause pro Halbzeit – und man hielt das für viel. Damals jubelte man noch, bevor das Tor bestätigt war – heute eine Ordnungswidrigkeit. Es war, im Rückblick, die letzte WM, an der der Ball wirklich rollte.
Heute qualifiziert sich niemand mehr. Qualifikation war Ausgrenzung, und Ausgrenzung ist unmenschlich, also sind alle dabei. Alle Verbände, sämtliche Vereine und, seit letztem Jahr, auch die drei Mondstationen. Die Gruppenphase umfasst über 1000 Spiele. Sie beginnt im Herbst und endet, wenn sie endet. Das ist der Preis der Vollständigkeit.
Herzstück bleibt der Videobeweis. Er hat sich prächtig entwickelt. Zuerst prüfte der Computer den Schiedsrichter. Dann prüfte ein zweiter Computer den ersten. Heute prüft eine Kommission aus vierzig künstlichen Intelligenzen jede Berührung bis aufs einzelne Molekül, und weil vierzig Intelligenzen selten gleicher Meinung sind, gilt jedes Tor zunächst als «vorläufig».
Vorläufige Tore haben eine Einsprachefrist von dreissig Tagen. Man erfährt frühestens am Freitag, wer am Dienstag wahrscheinlich gewonnen hat. Das Endspiel von 2034 steht übrigens noch unter Vorbehalt; ein umstrittenes Abseits wird seit sechzehn Jahren diskutiert. Und das Resultat von 2026, jener sagenhaften spanischen Nacht, wurde 2039 in aller Stille korrigiert. Als Sieger gilt heute Argentinien. Ein Veto des inzwischen heiliggesprochenen Lionel Messi wurde aus ethischen Gründen gutgeheissen.
Gejubelt wird 2050 nicht mehr spontan. Jeder Fan trägt am Handgelenk ein Band, das jede Regung zurückhält, bis die Kommission entschieden hat. Blinkt es grün, darf man sich freuen. Blinkt es rot, bleibt man besser ruhig. Die Emotion auf Bewährung ist heute eine ausgereifte Technologie. Enttäuschung gibt es keine mehr, weil man gar nicht erst hofft.
Auch die Trinkpause hat ihren Weg gemacht. Aus zwei Hälften wurden vier Viertel, aus Vierteln Achtel, aus Achteln Sechzehntel. Ein Match besteht heute aus Spielfenstern von je fünfundvierzig Sekunden, dazwischen jeweils Pausen zur Kühlung, zur Meditation und zum stillen Dank an die Sponsoren. Netto wird pro Spiel noch etwa zwölf Minuten gespielt. Der Rest ist Fürsorge. Gespielt wird ohnehin nur noch in klimatisierten Kuppeln tief unter der Erde, weil die Oberfläche seit einiger Zeit als nicht mehr bespielbar gilt – Zweifel daran sind untersagt.
Über allem thront der Präsident, ein Walliser natürlich, wie es die Tradition verlangt: Primus Zurbriggen, aufgewachsen in einem Weiler im Lötschental, dessen Dialekt nicht einmal der Rest des Wallis versteht. Sein Verband führt heute eine eigene Währung, eine eigene Flagge – ein Schwarznasenschaf auf rot-weissem Grund – sowie eine eigene Zeitzone.
2030 übernahm die Fifa das Nobelkomitee und holte es von Oslo nach Zürich. Seither vergibt die Fifa den Friedensnobelpreis. Kriege werden nicht mehr geführt, sondern im Elfmeterschiessen entschieden, was Zurbriggen zu Recht als grössten Friedensdienst der Menschheitsgeschichte bezeichnet.
Ein Fest ist es nach wie vor, daran lässt man keinen Zweifel. Ein völkerverbindendes, perfekt organisiertes, lückenlos inszeniertes Fest. Die Bilder sind gestochen scharf, die Entscheide sind gerecht bis auf die letzte Nachkommastelle, der Frieden ist total, die Zahlen sind astronomisch. Alles ist geprüft. Alles ist bestätigt. Alles ist perfekt.
Und trotzdem, es fehlt etwas. Denn eines hat die Kommission bis heute vergessen zu prüfen: ob das da unten, in der Kuppel, zwischen den Werbespots und den Fans mit dem grünen Band am Handgelenk, überhaupt noch ein Spiel ist. Aber das ist eine emotionale Frage. Und Emotionen gelten, bis auf Weiteres, als vorläufig.