guter bericht - imho:
28. Februar 2011, Neue Zürcher Zeitung
Wenn gut nicht gut genug ist
Das 1:2 zum Play-off-Start gegen Kloten führt dem ZSC vor Augen, was er in der Qualifikation verpasst hat
Ulrich Pickel
«Die Partie war von den Chancen her ausgeglichen. Wir haben defensiv so gespielt, wie wir uns das vorgenommen haben. Wir müssen so weitermachen.» Diese Worte stammen nicht etwa von einem der Sieger des Auftakts der Zürcher Viertelfinalserie, sondern von Adrian Wichser, dem Center der ZSC Lions, der sich in den Kabinengängen nach dem 1:2 im Klotener Schluefweg um das Positive bemühte.
Wichser zu unterstellen, er leide an Realitätsverlust, ginge zwar zu weit, aber eigenartig ist seine Wahrnehmung allemal. Denn wenn die ZSC Lions «so weitermachen», dann werden sie den Viertelfinal nicht überstehen. Wohl gelang ihnen in Kloten eine ansprechende Leistung; sie konnten das Spiel ausgeglichen gestalten und hatten die kombinationsstarke Tempo-Maschinerie der Flyers meistens gut im Griff – und gingen trotzdem als Verlierer vom Eis. Sie verloren das Spiel, in dem sich die beiden schwedischen Trainer Eldebrink und Gustafsson um einen hohen Rhythmus bemühten und alle vier Linien regelmässig einsetzten, weil ihnen mehr Fehler unterliefen als dem Gegner. Wie schon so oft in dieser Saison.
Noch mehr als in der Qualifikation sind es in den meist zähen Kämpfen des Play-offs die Details, die den Unterschied ausmachen. Besonders stach dies in jener Szene der 49. Minute hervor, als den Klotenern der Siegtreffer gelang: Die ZSC Lions verloren ein Bully im eigenen Drittel, ihr Keeper Flüeler brachte den darauf folgenden Schuss nicht unter Kontrolle, Bell war einen Schritt schneller als sein Bewacher Westcott und versenkte den Abpraller zum 2:1. Kleine Mängel, aber in der Summe entscheidend. Dieser Moment liess wie im Zeitraffer die ganze bisherige Saison ablaufen. Und deshalb hatte die knappe Niederlage der Lions nichts mit Pech zu tun. 50 Runden lang hatten die Stadtzürcher Zeit, sich der Detailarbeit zu widmen, doch sie waren in den langen Monaten der Qualifikation unfähig, in diesem Bereich sicht- und messbare Fortschritte zu erzielen.
Die Flyers sind zurzeit noch weit von ihrer Bestform entfernt. Ihnen reichte am Samstag, dass sie nie das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten verloren. Sie hätten «den Druck gespürt», wie der Verteidiger Patrick von Gunten nach der Schlusssirene zugab. Im Unterschied zu den Lions bewegen sich die Klotener auf sicherem Fundament; in den letzten Monaten konnte der Zweitplacierte der Qualifikation viel Selbstvertrauen tanken. Eldebrinks Team hat gelernt, auch in schwierigen Phasen geduldig zu sein; das Kollektiv funktioniert. Und Ronnie Rüeger im Tor ist mit seinen 182 Play-off-Spielen der erfahrenste Akteur auf Schweizer Eis und ein entsprechend sicherer Rückhalt.
Die ZSC Lions hingegen wissen nur, dass sie sich auf nichts verlassen können. «Das wäre eine gute Chance gewesen. Aber es nützt uns nichts, dass wir die Klotener defensiv gut im Griff hatten», sagte der Zürcher Captain Mathias Seger. Er hätte auch sagen können: «Gut bedeutet im Falle der ZSC Lions halt meistens nicht gut genug.» Am Dienstag im Hallenstadion können sie nochmals den Versuch unternehmen, alles noch etwas besser zu machen. Gelingt dies nicht, wird die Serie und damit die ganze Saison für sie kaum mehr zu retten sein.
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