Die ZSC-Ikone ist nun Tierbestatter: das neue Leben des Ari Sulander im hohen Norden Finnlands
Ari Sulander war einer der besten Eishockey-Torhüter der Welt und ist eine Klub-Ikone der ZSC Lions. Zehn Jahre nach seinem Rücktritt und Abschied aus Zürich lebt «The Wall» nahe dem Polarkreis ein anderes Leben: Er ist der einzige Tierkremator in Oulu.
Nicola Berger (Text), Janne Körkkö (Bilder), Oulu21.05.2022, 05.30 Uhr
Ari Sulander.
In einem unscheinbaren Industriequartier an der Stadtgrenze von Oulu empfängt eine kleine Firma ihre Besucher, am Fenster prangen eine Pfote und die Lettern «Sulon Lemmikkituhkaus Oy», Sulos Tierkrematorium. Im Büro sitzt ein freundlicher Herr mit neugierigen Augen und kräftigem Händedruck. Es ist Ari Sulander, 53, der Tierbestatter der grössten Stadt Nordfinnlands. Und in einem früheren Leben einmal einer der besten Eishockey-Torhüter der Welt sowie Erfolgsgarant der ZSC Lions. Er lächelt und sagt: «Willkommen in Oulu.»
Während er spricht, surrt im Nebenraum die grosse Tiefkühltruhe, in der ein paar tote Katzen und Hunde liegen, die auf die Einäscherung warten. Mindestens 850 Grad müssen es sein, bei einer Katze dauert der Prozess knapp 40 Minuten. Es gibt eine Luke, durch die man in den Kremationsofen schauen kann. Hin und wieder muss der Kadaver leicht verschoben werden, fast so wie eine Pizza im Holzofen. «Fett brennt besser als Muskeln. Ein dicker Hund ist schneller kremiert als ein kräftiger Jagdhund», sagt Sulander. Er erzählt es fast beiläufig, dieses Fachwissen, für ihn ist es eine Nuance, wie er sie einst über das Stoppen von Pucks kannte.
Man kann Sulander einfach anrufen, wenn ein Haustier stirbt, er ist Tag und Nacht erreichbar, der Tod hält sich selten an Bürozeiten. Bis zu einem Gewicht von 50 Kilo kostet die Bestattung 150 Euro. Oder 10 Euro weniger, wenn man die Asche nicht haben möchte – weil Sulander die Tiere in dem Fall nicht einzeln verbrennen muss. Sie fänden ihre letzte Ruhe dann auf dem «Pet Sematary», sagt Sulander, der befinde sich ganz in der Nähe. Das gleichnamige, sehr erfolgreich verfilmte Buch «Friedhof der Kuscheltiere» von Stephen King, dem König des Horrors, kennt Sulander nicht, die Frage amüsiert ihn. Er habe in seinem Leben ein einziges Buch gelesen, «Die sieben Brüder» von Aleksis Kivi, das Standardwerk der finnischen Literatur. Und das auch nur, weil man es ihm in der Schule aufgetragen habe. Wahrscheinlich ist es besser, wenn man als Tierbestatter nichts vom Friedhof der Kuscheltiere weiss.
In seiner neuen Funktion ist Sulander auch ein bisschen Seelsorger. «Manche schaffen es nicht, ihr geliebtes Tier anzufassen», sagt er. Sulander kommt dann selber vorbei, das kostet einfach ein bisschen mehr, 45 Cent pro Kilometer. Manchmal würden die Leute die ganze Lebensgeschichte ihres Hundes vor ihm ausbreiten, die Vorlieben und Marotten. Sulander hört dann einfach zu und spendet Trost. Er sagt: «Ich bin ein guter Zuhörer, das muss man in diesem Job sein. Es kommt vor, dass eine Familie mich anruft, und der Hund und die Tochter sind beide zwölf. Ein solcher Abschied ist hart, da muss man einfühlsam sein.» Es passiere eher selten, dass ihn jemand erkenne und auf sein früheres Leben anspreche, sagt er. «In Zürich bin ich bekannter als hier.»
Neben ihm stehen Urnen, Amulette, Anhänger; lauter Behälter für die Überreste nach der letzten Reise. «Das», sagt Sulander, «ist jetzt meine Welt.»
Eine Auswahl an Urnen im Büro von «Sulos Tierkrematorium».
Janne Körkkö
Der ZSC-Sportchef Simon Schenk verpflichtete ihn blindlings
Bis vor zehn Jahren war Sulander einer der prägendsten Torhüter Europas, ehe er die Karriere 2012 mit 43 beendete. 1998 wechselte er als Weltmeister von Jokerit Helsinki nach Zürich – und verwandelte die frisch fusionierten ZSC Lions über Nacht in ein Spitzenteam. Es war eine andere Zeit; der damalige Sportchef Simon Schenk hatte Sulander kein einziges Mal live gesehen, sondern verliess sich auf Referenzen aus Finnland.
Sulander wurde zum besten Transfer der Klubgeschichte, sein Engagement zinste in vier Meistertiteln. «Eigentlich wollte ich nur drei Jahre lang bleiben», sagt er. Es wurden vierzehn, so viele, dass Sulander heute den Schweizer Pass besitzt. Und dem Land verbunden geblieben ist. Er reist praktisch jedes Jahr nach Zürich, um Freunde zu besuchen. Seinen 50. Geburtstag feierte er in Arosa. «In Zürich habe ich das Gefühl, nach Hause zu kommen», sagt er.
Was bleibt aus so langer Zeit, aus 644 Spielen für den ZSC? Ausser der Ehrennadel und den Medaillen, die zu Hause über dem Cheminée hängen? Sulander überlegt. Er erwähnt die Titel, klar, aber tief im Herzen trägt er vor allem die Beziehungen zu seinen engsten Weggefährten. Zu Mathias Seger, mit dem er ein offenbar kaum zu bezwingendes Jass-Team bildete. Gespielt wurde meist um drei Rappen pro Punkt; Sulander sagt, dass sie sich einmal auf einer Auswärtsreise 600 Franken erspielt hätten. Heute hängen ihre Trikots nebeneinander unter dem Hallendach; die Jass-Gemeinschaft hat im ZSC ein Vermächtnis für die Ewigkeit hinterlassen. Es gab auch Peter Jaks, den 2011 verstorbenen, melancholischen Stürmerstar, der ihn immer um Wetttipps zur finnischen Liga bat. Oder Edgar Salis, der später Sportchef wurde.
Ari Sulander (links) mit seinen ZSC-Teamkollegen Peter Jaks und Edgar Salis (rechts) in den Play-offs von 2003.
Christoph Ruckstuhl / NZZ
«Wir hatten so gute Leute, das hat mir die Integration sehr einfach gemacht», sagt Sulander. Ein Wechsel stand für ihn nie zur Debatte, er hat nie Verhandlungen mit anderen Teams geführt. Nach der ersten Vertragsverlängerung verzichtete er auf einen Agenten. Er sagt: «Der ZSC hat sehr gut zu mir geschaut. Das Auto war gut, die Wohnung auch. Und die Kinder konnten die internationale Schule besuchen. Ich hatte keinen Grund zu wechseln.» Mit seinem Sohn Santtu, heute 29, spielte er bei den GCK Lions in der Abschiedssaison noch zusammen. «Ich hoffte, dass er in der Schweiz nach meinem Rücktritt eine Karriere haben kann. Aber er hatte Pech mit Verletzungen.» Santtu arbeitet inzwischen als Physiotherapeut und spielt in einer unterklassigen Liga für Halbprofis.
Manchmal staunte die Familie über die Schweiz, dieses Land, das er eigentlich nur von Spengler-Cup-Teilnahmen mit Jokerit Helsinki kannte. Als er ein Sofa bestellte, dauerte das fünf Tage, viel länger als er es aus der Heimat gewohnt war. Er sagt: «In der Schweiz ist alles weniger schnell, weniger strikt. Mir hat das gefallen.»
Sulander hatte sich überlegt, nach dem Rücktritt in Zürich zu bleiben. Er sinnierte darüber, eine Ferienpension für Tiere zu eröffnen, weil er immer allergrösste Mühe hatte, jemanden zu finden, der seinen Leonberger in Obhut nimmt. Doch im letzten Winter seiner Karriere liess er sich scheiden. Und seine neue Partnerin besass ein Unternehmen in Oulu, 200 000 Einwohner, die nördlichste Grossstadt der EU, zum Polarkreis sind es nur zwei Autostunden. Von der Hauptstadt Helsinki, wo Sulander jahrelang lebte, ist Oulu mit der Eisenbahn in fünfeinhalb Stunden zu erreichen, es geht fast 600 Kilometer lang vorbei an prächtigem Brachland, an Wald und Gewässer.
Finnland hat drei Millionen Einwohner weniger als die Schweiz, aber die Fläche ist acht Mal grösser. Gerade der Norden hat mit seiner Unberührtheit etwas Wildes, er ist ein Sehnsuchtsort für Aussteiger. «Man kann hier 50 Kilometer mit dem Auto fahren und weder ein Haus noch einen Menschen antreffen», sagt Sulander. Es ist auch dieses Idyll, das er gesucht hat.
Einmal pro Woche spielt er noch immer Eishockey, bei den Senioren von Kärpät Oulu. Sein Körper hat die Belastungen von fast 25 Profijahren weitgehend schadlos überstanden. Erst jetzt schmerzt manchmal am Morgen der Rücken. Weil manche der Hunde, die er herumschleppe, so verdammt schwer seien.
In Oulu zeigt das Thermometer an diesem Donnerstag Mitte Mai neun Grad an. Im Winter sind zwanzig Grad unter null keine Seltenheit. «Wie in Ambri», sagt Sulander und freut sich über diesen Jokus. Zufällig erfuhr er, dass das einzige Tierkrematorium der Stadt schloss. Und er dachte sich: Das wäre doch eine Geschäftsidee. Anfänglich kostete es ihn Überwindung, die Kadaver anzufassen, aber er sagt: «Man gewöhnt sich an alles.» Nun plant er, bis zur Pensionierung Tierbestatter zu bleiben. Und das Geschäft dann weiterzuverkaufen.
Von Ari Sulander angebotene Holzurnen. Handgemacht in Espoo.
Janne Körkkö
Er hat sich verliebt in die Region, in die Menschen. In seinem schwarzen Subaru geht es durch die Stadt, er will zeigen, wie wunderbar es hier ist. Es geht zum Stadion des lokalen Erstligisten Kärpät, ins Stadtzentrum, ans Meer, er ist ein exzellenter Fremdenführer. Hier in der Nähe lohne es sich zu fischen, sagt Sulander, im Sommer gebe es jeweils einen grossen Wettkampf mit dreihundert Booten. Er weiss es so genau, weil er schon zwei Mal gewonnen hat.
Als Goalietrainer ist Sulander nicht gefragt
Sulander wirkt so ruhig und stoisch wie zu seinen Aktivzeiten. Er mag das Leben hier, die Abgeschiedenheit. Aber auch er hat sich schon diese eine Frage gestellt: warum sich eigentlich niemand sein über mehr als zwei Jahrzehnte angehäuftes Wissen zunutze macht. Seit vier Jahren coacht er ein Juniorenteam Kärpäts, aber es ist nicht mehr als ein Hobby – der Sohn seiner neuen Partnerin ist Teil der Mannschaft. Kurz arbeitete er als Goalietrainer, im Nachwuchs des schweizerischen und finnischen Verbandes. Doch die Mandate warfen zu wenig ab, als dass sich der Lebensunterhalt damit hätte bestreiten lassen können. Er sagt, es habe ihn niemand gefragt, ob er zur Verfügung stünde, er wisse auch nicht, weshalb. Und fügt an, dass es ihn eigentlich noch immer reizen würde.
Mit seinem Spielstil von einst hätte er heute keine Chance mehr. Aber er ist ein Studierender dieses Spiels geblieben; er kennt die Kniffe und Tricks der modernen Goalies. Als sich ein Doppelmandat als Torhütertrainer der U-20-Teams von Finnland und von Jokerit Helsinki zerschlug, sah er sich anderswo um. Erst half er bei der Renovation von Häusern, dann verkaufte er Schrauben. Und nun hat er sich als Tierbestatter neu erfunden. Der Job gefällt ihm auch darum, weil er der einzige Mitarbeiter seiner Firma ist. Es gibt keinen Chef, dessen Befehlen er sich fügen müsste.
Hat ihn die Tätigkeit verändert, diese fast täglichen Begegnungen mit dem Tod, mit Verlust und Herzschmerz? Eigentlich nicht, sagt Sulander, so sei nun mal das Leben, irgendwann sei die Zeit abgelaufen. Es sei fast so wie bei einer Karriere im Eishockey.
Mitte Mai, neun Grad: Ari Sulander vor seinem Tierkrematorium in Oulu.