Hardturm: Die Steuerzahler müssen über 333 Millionen abstimmen
Die Kredite für das neue Zürcher Stadion und die dazugehörigen Wohnungen sind viel höher als erwartet. Dennoch unterstützt die Mehrheit der Parteien das Projekt.
Von Thomas Zemp
Das neue Fussballstadion in Zürich kostet deutlich mehr als die 150 Millionen Franken, von denen der Stadtrat bisher gesprochen hat. Für den Bau des Hardturmstadions verlangt die Regierung vom Gemeinderat und von den Stimmbürgern jetzt einen Objektkredit von 230 Millionen Franken. Gleichzeitig gelangt ein weiterer Kredit von 103 Millionen Franken für 154 Wohnungen neben dem Stadion zur Abstimmung. Die Kredite über insgesamt 333 Millionen Franken kommen im April ins Parlament und im September vors Volk.
Die Stadträte André Odermatt (Bau, SP), Gerold Lauber (Sport, CVP) und Martin Vollenwyder (Finanzen, FDP) haben die Zahlen gestern bekannt gegeben. Sie betonten, dass sie alle Kosten und Risiken transparent machen wollen. Bei den 150 Millionen Franken handle es sich um Zielkosten, sagte Odermatt. Im Kredit neu aufgeführt sind erstens die Reserven, die 30 Millionen Franken der Baukosten ausmachen. Zweitens enthält er 44 Millionen Franken für die Kosten des Landes, das der Stadt bereits gehört. Dazu kommen weitere Beiträge, etwa für den Abbruch des Parkhauses und die Altlastensanierung. Abgezogen werden konnte ein Beitrag des Kantons aus dem Sportfonds über 8 Millionen Franken.
Odermatt gab sich zuversichtlich, dass die Reserven bei beiden Bauvorhaben nicht gebraucht werden: Die Stadt lasse es bei solchen Projekten sehr selten zu Kostenüberschreitungen kommen, sagte er.
Parlament und Volk sollen bei den Abstimmungen auch noch einen jährlichen Beitrag an die Betriebsgesellschaft des Stadions von maximal 8,3 Millionen Franken bewilligen. Der FC Zürich und der Grasshopper-Club Zürich sollen 3 bis 5 Millionen Franken Miete jährlich für das Stadion bezahlen. Finanzvorsteher Vollenwyder rechnet nicht damit, dass die Stadt noch einen Geldgeber findet, der das Betriebsdefizit übernimmt.
Grünliberale Kritik
Die Kommentare der Parteien sind zurückhaltend bis optimistisch. Lediglich die Grünliberalen kritisieren, dass die Stadt die finanziellen Risiken des Stadions allein trage und damit zwei Fussballclubs unterstütze. «Das Gebaren des Stadtrats grenzt an ungetreue Geschäftsführung», sagte Fraktionschef Gian von Planta.
Bei der Präsentation zeigten die Stadträte erstmals auch, wie das neue Stadion aussehen soll. Es ist von aussen nicht als Sporttempel erkennbar und ein zurückhaltendes Gebäude, vor allem im Vergleich zum früheren Projekt, das die Nachbarschaft vehement bekämpft hatte. Es soll 16 000 bis 19 500 Zuschauern Platz bieten.
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Ja nicht anecken
Kommentar Marcel Reuss, Zürich-Redaktor, über Chancen und Risiken des neuen Hardturmstadions.
Das neue Stadion bietet, was ein Fussballstadion braucht: einen Rasen, zwei Tore. Man kann darin Fussball spielen, schauen und vor allem: hören und riechen. Aber gegen aussen will das neue Stadion gar nicht richtig Stadion sein. Es wirkt wie der Bodybuilder, der seine Muskeln unter weiten Pullovern versteckt. Wie der Muster-Fan, von dem alle träumen. Einer, der während des Spiels euphorisch brüllt und sich danach ruhig auf den Heimweg macht. Er hat nach innen das Potenzial zum Hexenkesselchen, der «neue Hardturm», und gibt nach aussen doch den Blockrand, der sich brav als Letzter einreiht.
Nach dem Leiden mit dem Fünfeck scheint es, als ob die Jury ihre Wahl unter einer Prämisse getroffen hätte: Ja nicht anecken. Man kann ihr das vorwerfen. Viel zu klein, viel zu bieder. Man kann dem Preisgericht und der Stadt aber auch zugutehalten: Sie kennen ihr Publikum. Sie haben sich fürs Machbare entschieden. Kleiner gedacht, vernünftiger. 19 000 Plätze reichen, und sollte einer der Zürcher Clubs dereinst doch wieder gegen Real spielen, dann gibt es immer noch den Letzigrund. Zudem haben die Verantwortlichen viel unternommen, damit das Machbare machbar wird. Sie haben alle in die «Arena» geholt: die Clubs, die Fans, die Anwohner.
Ja nicht anecken. Das scheint gelungen, wäre da nicht diese Zahl. 230 Millionen Franken für einen Blockrand mit Fussballplatz, der ironischerweise unter dem Projektnamen «Hypodrome» an den Start ging. Darüber werden die Zürcher abstimmen. Eine riesige Summe, ein Stolperstein. Die Verantwortlichen gaben sich gestern alle Mühe, diesen aus dem Weg zu räumen.
Im Moment sieht es danach aus, dass es ihnen gelingt. Grundsätzliche Opposition gegen das Stadion ist nicht in Sicht, und die Koppelung an die städtische Wohnsiedlung bietet ein Sicherheitsnetz.
Die Kritik an der Stadt, die zu teuer baut, ist aber lauter geworden. Wie laut wird sie nächsten September sein? Tiefrote Zahlen der Stadt, eine Petarde, die zur falschen Zeit am falschen Ort explodiert – und die Stimmung könnte kippen. Zu hoffen ist es nicht, denn eine Alternative zum «Hypodrome» wird es so schnell nicht geben.
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