Milliarden in der Premier League
Energiekrise? Krieg? Pandemie? Hier gibt es das alles nicht
Die Premier League zeigt sich auf dem Transfermarkt noch verschwenderischer als sonst – Politiker finden das abstossend, die Fans dagegen bekommen die gewünschte Unterhaltung.

Thomas Schifferle (TA)
Publiziert heute um 11:15 Uhr

Ein erstes Tor für 95 Millionen Franken: Antony, der teuerste Spieler in der Premier League, jubelt nach seinem 1:0 für Manchester United gegen Arsenal.
Foto: Andy Hooper (picture alliance / Solo Syndication)
Hat es einmal Corona gegeben? Leere Stadien, weil nicht gespielt wurde, und leere Stadien, als wieder gespielt wurde? Hat es die Gedanken wirklich gegeben, dass sich wegen einer Pandemie etwas nachhaltig verändern könnte? Oder wegen eines Krieges, wegen einer Energiekrise, wegen einer Inflation und steigender Lebensmittelpreise?
Einen Ort gibt es, der unberührt ist davon, der so tut, als sei er stärker als jede Krise. Er heisst Premier League. 2,25 Milliarden Franken haben ihre zwanzig Clubs in diesem Sommer für neue Spieler ausgegeben. Viele haben sich ausgetobt, als hiesse die Frage für sie nur: Was kostet die Welt?
2,25 Milliarden sind mehr als die anderen vier Topligen Europas zusammen, La Liga, die Serie A, die Bundesliga und die Ligue 1. Es mag erschrecken, wie sehr die Premier League dem Rest zumindest wirtschaftlich entrückt ist. Europa braucht gar keine Super League mehr. Es hat sie schon auf der Insel.
Manchester City, Liverpool, Tottenham und Chelsea heissen die vier Vereine, die diese Woche in die Champions League starten. Sie gehören automatisch zum engeren oder zumindest zum erweiterten Favoritenkreis. Die Konkurrenz für sie lässt sich an einer Hand abzählen.
Dazu gehört natürlich Real Madrid, der Titelverteidiger und Rekordsieger; dann Barcelona dank seiner besonderen Rechenkünste; Bayern München, weil Bayern immer ernst zu nehmen ist; und schliesslich das aus Katar finanzierte Paris St-Germain, weil es für sein Personal noch mehr ausgeben kann als das Abu-Dhabi-alimentierte Manchester City, 500 gegenüber 400 Millionen in der Saison 2020/21. Nur die Serie A fehlt in diesem Favoritenkreis, trotz der grossen Namen von Juventus, Milan, Inter und Napoli.
Müssen sie sich schämen?
In England haben sich die ersten Politiker zu Wort gemeldet, die den Investitionen in neue Spieler nichts abgewinnen mögen. Wenn so etwas in einer Lebenskostenkrise passiere, sagt der Labour-Parlamentarier Clive Efford, dann unterstreiche das nur den Wahnsinn, der im Fussball regiere. Efford ist kein Fussball-fremder Abgeordneter, er besitzt eine Saisonkarte beim FC Millwall. Trotzdem sagt er auch: «Die Clubs sollten sich schämen.»
Die Clubs sind in den Händen von Milliardären, von Oligarchen, Scheichs, Staaten und Hedgefonds. Zwölf der zwanzig in der Premier League sind komplett in ausländischem Besitz, zwei weitere sind es zu 80 Prozent. Sieben haben allein diesen Sommer Transfers getätigt, die 50 Millionen Franken und mehr kosteten. Chelsea ist vorneweg gestürmt mit insgesamt 282 Millionen.
Todd Boehly, das Gesicht der Besitzer, die den Club von Roman Abramowitsch übernommen haben, führte sich auf wie in einem Süsswarenladen. So zumindest beschreibt das Gary Neville, der frühere Spieler und heutige TV-Experte. Sein Bild passt perfekt, wenn man Boehly strahlend an der Seite der neuen Spieler sieht.

Strahlen wie ein Fan: Chelsea-Mitbesitzer Todd Boehly mit den neu verpflichteten Denis Zakaria (links) und Pierre-Emerick Aubameyang.
Foto: Getty Images
Alle profitieren von einem Markt, der für den Reichtum der Premier League steht. Die Fans und Marketingabteilungen haben die Unterhaltung, die sie wollen, die Spieler und Agenten haben immer mehr Geld. Zur Liga gehören eben nicht nur Besitzer wie der saudische Public Investment Fund, der sich Newcastle einverleibt hat und auf einem geschätzten Vermögen von 580 Milliarden sitzt.
Dazu gehört auch ein Fernsehvertrag, der alles in den Schatten stellt. 5,1 Milliarden Pfund zahlen lokale Sender für die drei Jahre bis 2025, gar 5,3 Milliarden bringt der Verkauf der Auslandrechte ein. Macht umgerechnet total 11,76 Milliarden Franken oder 3,92 Milliarden pro Saison.
Alles begann 1992 mit Sky
Da lässt sich schon einmal mit grosszügiger Hand anrichten. Nottingham Forest verpflichtete 21 Spieler, Nottingham mag der Meistercupsieger von 1979 und 1980 sein, aber er ist auch nur ein Verein, der erstmals nach 23 Jahren wieder in die Premier League aufgestiegen ist. 162 Millionen legte er für seine Transfers aus, unter anderem 9 Millionen für den Schweizer Nationalspieler Remo Freuler.
Auch die Schweizer Liga profitiert von Geld, das auf der Insel im Überfluss vorhanden ist. Zumindest tut das der FC Zürich, weil Leeds United am letzten Tag der Transferperiode bereit ist, doch noch rund 4,5 Millionen für Wilfried Gnonto auszugeben. Wenn Gnonto sich irgendwann in der rauen Welt der Premier League durchsetzt, kann sich Leeds dazu gratulieren. Wenn nicht, dann hält sich der Verlust in engen Grenzen. 4,5 Millionen gelten in England inzwischen als Schnäppchen.
Als die Premier League 1992 gegründet wurde, litt der englische Fussball unter dem Hooligan-Problem und den Nachwirkungen der Stadionkatastrophen von Heysel und Hillsborough. Da kam es gerade recht, dass der Bezahlsender Sky Inhalt für sein Programm suchte und einstieg. Am Anfang zahlte er dafür 43 Millionen im Jahr. Heute erhält allein ein Absteiger dreimal mehr aus dem TV-Vertrag.
Der Anteil an ausländischen Spielern beträgt auch nicht mehr nur 5, sondern rund 60 Prozent. Die Trainer sind auch nicht mehr nur Briten oder Iren, sondern mehrheitlich Ausländer, vor allem die erfolgreichen wie Guardiola, Klopp und Tuchel. Die Veränderung schlägt mit hohen Kosten zu Buche.
Das CIES Football Observatory in Neuenburg hat für die zehn Transferperioden zwischen 2013 und 2022 Transferausgaben von 18,26 Milliarden Franken für die englischen Spitzenclubs errechnet. Bei Einnahmen von 8,76 Milliarden ergibt das netto Aufwendungen von 9,5 Milliarden. Italien kommt im gleichen Zeitraum auf 1,4 Milliarden, Spanien wie Deutschland auf 800 Millionen. Frankreich dagegen hat ein Plus von 350 Millionen erwirtschaftet, vor allem dank der Gelder aus England.
3,8 Milliarden für die Löhne
Manchester United verpflichtet kurz vor Transferschluss für 95 Millionen den Brasilianer Antony von Ajax Amsterdam, nachdem erste Angebote von 70 oder 80 Millionen noch abgelehnt worden sind. Gleichzeitig kann es sich die United erlauben, Cristiano Ronaldo Match für Match auf die Ersatzbank zu setzen. Ronaldo ist immerhin der Rekordspieler der Champions League mit 183 Einsätzen und 140 Toren. Und der höchstbezahlte Spieler in England mit einem Wochenlohn von 580’000 Franken.
Am Sonntag schaut Ronaldo von draussen zu, wie Antony bei seinem Debüt das 1:0 gegen Arsenal erzielt. Nach einer Stunde darf er ihn ersetzen.
«Der Fussball muss zurück auf die Erde gebracht werden», sagt Ian Mearns, ein Labour-Parlamentarier auch er. Dass die Spieler im Jahr ein Vielfaches von dem verdienen, was Arbeiter in ihrem Leben nicht verdienen, das stösst ihn ab. Und daraus folgert er: «Der Fussball scheint sich von der Realität normaler Bürger weit entfernt zu haben.» 3,8 Milliarden zahlten die Clubs ihren Angestellten in der Saison 2020/21.
Mearns liegt zum einen falsch. Der Fussball scheint sich nicht nur von der Realität entfernt zu haben. Er hat das finanziell längst. Zum anderen aber lässt Mearns eines ausser Acht: Es sind genau die normalen Bürger, die ebendiese überteuerten Spieler sehen wollen und ihretwegen ins Stadion gehen.
Zur Not könnte Mearns Gefallen finden an der Super League. Die Vereine in der Schweiz haben jetzt nur 20 Millionen für Spieler ausgegeben.