Beiträge von snowcat

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    LONG COVID

    Ausser Atem

    Von chronischer Erschöpfung bis zu psychischen Krankheiten, die erneut ausbrechen: Die Folgen einer Coronainfektion können heimtückisch sein. Der Fotograf Andreas Seibert begleitet Long-Covid-Betroffene.

    Von Andreas Seibert (Text und Fotos)

    Fast zwei Millionen Ansteckungen mit dem neuen Coronavirus hat das BAG seit Beginn der Pandemie registriert. Auffallend viele Patient:innen leiden unter langwierigen Verläufen. Wie viele der Erkrankten Long Covid entwickeln, ist noch schwer zu sagen – Studien gehen von mindestens zehn Prozent aus (vgl. «Langzeitfolgen müssen auf die politische Agenda»).

    Klar ist, dass Long Covid allein in der Schweiz schon jetzt das Leben Zehntausender verändert hat. Wie geht eine leistungsorientierte Gesellschaft mit Menschen um, die diese Leistung nicht mehr erbringen können? Die oft nicht wissen, wie sie sich am nächsten Tag fühlen werden? Was für ein Gesundheitssystem brauchen sie? Meine Porträtserie soll kein Mitleid erregen, sondern Verständnis für die Situation der Betroffenen schaffen.

    Mirjam Lüscher (46), Basel, Mitarbeiterin einer schulischen Tagesstruktur

    Durch das Stubenfenster sind Flugzeuge am stahlblauen Himmel zu sehen. Scheinbar mühelos gewinnen sie nach dem Start an Höhe. Dann drehen sie nach Westen ab und sind kurz darauf nur noch als kleine schwarze Punkte zu erkennen. Neulich erst wollte Mirjam Lüscher eines der Fenster reinigen. Nach wenigen Minuten begann ihr Herz zu rasen, und sie musste aufhören.

    Vor ihrer Coronainfektion Anfang Oktober 2020 ist Lüscher gesund und sportlich. Am 7. Oktober bekommt sie Fieber und bleibt gut drei Wochen in Selbstisolation zu Hause – trotz Atemnot. Auch nach der akuten Infektionsphase fühlt sie sich nicht gesund. Da ihr Hausarzt nicht glaubt, dass es Long Covid gibt, und sie nicht krankschreiben will, sucht sich Lüscher einen neuen Mediziner, der sie betreut. Die Arbeit beginnt sie mit reduziertem Pensum und mithilfe von Asthma- und Schmerzmedikamenten. Kurz darauf verschlechtert sich ihr Zustand, und sie muss ihre Weiterbildung unterbrechen.

    Nach der Impfung im Sommer 2021 verbessert sich Lüschers Zustand ein wenig, doch dieses Hoch ist nur von kurzer Dauer. Nach etwa zwei Wochen kehren die meisten Symptome zurück. Lüscher besucht heute eine Long-Covid-Sprechstunde mit ambulanten Therapien. Da sie zu hundert Prozent arbeitsunfähig ist, wird ihr in der Sprechstunde empfohlen, sich bei der IV anzumelden. Doch sie wäre lieber weiterhin berufstätig.

    In ihrem Freundeskreis nimmt das Verständnis für ihre Situation unterdessen ab: Sie solle mehr Sport machen und früher ins Bett gehen; jeder sei mal müde; sie solle sich nicht dauernd mit Long Covid beschäftigen, das tue natürlich nicht gut. Sie würde gerne ihre Arbeit wiederaufnehmen und mit ihrer Weiterbildung fortfahren; würde gerne wieder Sport treiben, Feste besuchen und Freund:innen treffen. Aber sie kann nicht. Ihr Leben mit Long Covid, sagt sie, sei wie ein Zug, in dem sie nicht sitze. Sie stehe am Bahnhof und sehe zu, wie der Zug an ihr vorbeiziehe.

    Lara Karcher (31), Muttenz BL, Online Campaign and Content Manager

    Ende 2019 reist eine Arbeitskollegin von Lara Karcher für vier Wochen nach China. Als sie zurück in der Firma ist, werden mehrere ihrer Kolleg:innen krank, einige von ihnen entwickeln Lungenentzündungen. Auch Karcher erkrankt. Nach ihrer Coronainfektion entwickelt sie ganz unterschiedliche Symptome: Sie leidet unter Geschmacksverlust, hat Husten, Hautprobleme, Zuckungen und Haarausfall. Von den Ärzt:innen, die sie aufsucht, fühlt sie sich nicht ernst genommen. Als sie eines Morgens mit einer schwarzen Zunge aufgewacht sei, habe ihr Arzt am Telefon gefragt, ob sie Blaubeeren gegessen habe.

    Ihre Fingernägel, die ihr zuvor bei einer gewissen Länge oft abbrachen, werden steinhart, es kommt ihr vor, als würden ihr Klauen wachsen. Karcher versteht ihren Körper nicht mehr.

    Bis jetzt hat sie keine Therapie gegen ihre Symptome gefunden. Eine Ärztin empfahl ihr eine psychiatrische Behandlung. Da sie sich so früh infiziert hat, konnte man bei einem Test Mitte 2020 keine Antikörper nachweisen. Unterdessen hat sie aber die Bestätigung, dass sie von Long Covid betroffen ist.

    Patrizia Lang (32), Eschlikon TG, vierfache Mutter

    Anfang 2020 scheint Patrizia Langs Glück perfekt. Die Familie zieht in ein schönes Haus in Eschlikon im Thurgau, und am 15. März kommt ihr viertes Kind zur Welt. Am 6. November erkrankt Patrizia Lang jedoch an Covid. Sie hat Fieber, für sie neuartige Kopfschmerzen, Gliederschmerzen und Atembeschwerden. Dazu kommen Schwindel und das Gefühl, gleich ohnmächtig zu werden. Eine Ambulanz bringt sie ins Spital.

    Neurologisch scheint sie gesund zu sein und wird wieder entlassen. Ihr Mann, ebenfalls an Covid erkrankt, erholt sich. Auch ihr Zustand verbessert sich, aber nur für kurze Zeit. Nun leidet sie unter Taubheitsgefühlen in Armen und Beinen, Muskelschwäche, unsicherem Gang, Durchfall, Übelkeit, Druck im Kopf, Ausschlägen, Haarausfall. Im neuen Jahr geht es ihr zusehends schlechter. Es kommen Sehstörungen hinzu, Geruchshalluzinationen und Atemnot bei der kleinsten Anstrengung. Beim Gehen hat sie das Gefühl, Kisten vor sich herzuschieben. Beim Gang zur Toilette rast ihr Herz wie bei einem Marathon.

    Lang kann ihre vier Kinder nicht mehr selber betreuen und sucht Hilfe beim Roten Kreuz. Als sie erneut kollabiert, wird sie ein weiteres Mal ins Krankenhaus gebracht. Mit der dortigen Behandlung ist sie nicht zufrieden. Erst als sie ins Universitätsspital Zürich verlegt wird, erhält sie die Diagnose Long Covid. Es folgen mehrere Wochen Rehabilitation in Liechtenstein. In dieser Zeit verpasst sie den dritten und den fünften Geburtstag ihrer Söhne, den jüngsten hat sie in der Reha und im Krankenhaus bei sich. Seinen ersten Geburtstag muss Lang mit ihm alleine feiern, ohne ihre Familie. Als sie wieder zu Hause ist, fühlt sie sich alleine gelassen, denn sie ist immer noch krank, erhält keine staatliche Unterstützung, keine Therapie und keine Medikamente, die wirklich helfen.

    Nach der zweiten Moderna-Impfung bekommt sie Sehstörungen. Im Universitätsspital Zürich lautet der Verdacht auf das Visual-Snow-Syndrom. Derzeit ist sie deshalb im Inselspital Bern in Behandlung. Nie hätte sie gedacht, dass sie so lange krank sein würde. Ihr Baby, sagt Lang, habe viel Farbe in ihre schwierige Situation gebracht. In der Reha habe der Junge laufen gelernt und ihr täglich gezeigt, wie man nach dem Hinfallen wieder aufstehe.

    Geneviève Morin (51), Basel und Hégenheim, bildende Künstlerin

    Der Husten beginnt Mitte März 2021. Kurz darauf setzt heftiges Fieber ein. Geneviève Morin begibt sich zu Hause in Selbstisolation. In der Nacht vom 23. März hat sie einen schrecklichen Albtraum: Mit wahnsinnigem Tempo dreht sich eine Art CD in ihrem Kopf. Immer an der gleichen Stelle wird sie plötzlich gestoppt. Im Traum erkrankt sie an Alzheimer und versucht immer wieder, klare Gedanken zu fassen, ist aber dazu nicht in der Lage. Völlig erschöpft wacht sie auf und meint, sie sei tatsächlich an Alzheimer erkrankt. Aus Angst vor diesem Traum will sie nicht mehr schlafen, meidet ihr Bett und liegt auf dem Sofa in ihrem Wohnzimmer. Am frühen Morgen des 26. März beginnt ihr Herz unregelmässig zu schlagen. Morin ist überzeugt, dass sie nicht an Corona, sondern an einem Herzschlag sterben wird, und ruft ihre Ärztin an.

    Kurz darauf steht ein Notfallteam in Schutzkleidung vor ihrer Tür, und Morin wird mit einer Lungenentzündung notfallmässig ins Krankenhaus gebracht. Dort bleibt sie bis Ende März.

    Dann entwickelt sie eine manische Phase, in der sie drei Tage lang ohne Unterbruch telefoniert. Sie geht davon aus, dass ihre Coronainfektion die manisch-depressiven Phasen, an denen sie vor 29 Jahren bereits litt, die sie aber unter Kontrolle hatte, erneut ausgelöst hat.

    Den April verbringt sie in einem Haus im Basler Jura, um sich zu erholen. Dann setzen depressive Phasen ein, die so schlimm werden, dass sie in der Psychiatrischen Klinik der Universität Basel Hilfe sucht. Dort verbringt sie den ganzen Juli. Im August folgt ein Aufenthalt in der Klinik Sonnenhalde in Riehen. Der behandelnde Arzt stellt die Diagnose Long Covid und bestätigt Morins Vermutung, dass die Erkrankung bei ihr erneut manisch-depressive Phasen ausgelöst hat.

    Danach beginnt Morin langsam wieder mit ihrer künstlerischen Arbeit. Da ihre Werke sehr persönlich sind, geht sie davon aus, dass ihre Erlebnisse während und nach ihrer Covid-Erkrankung immer wieder in ihre Kunst einfliessen werden.

    Sina Kuhn (40), Zürich, Senior Consultant

    Sina Kuhn erkrankt im September 2020 mittelschwer an Covid. Die Krankheit dauert rund drei Wochen und fühlt sich wie eine schwere Grippe an. In dieser Zeit ist sie alleine zu Hause in Isolation. Als sie sich besser fühlt, fährt sie nach Baden, um ihren Partner zu besuchen. Sie bekommt aber kaum Luft und schafft es nur knapp bis zu seiner Haustür. Der behandelnde Pneumologe meint, ihre Atemnot sei psychisch bedingt, sie solle sich beruhigen.

    Vor ihrer Coronainfektion war Kuhn gesund. Sie achtete auf ihren Körper, praktizierte jeden Tag Yoga, tanzte Salsa, trieb viel Sport, ging wandern. Heute kann sie ihren Körper nicht mehr richtig einschätzen. Sobald sie über ihre Leistungsgrenze hinausgeht – die viel tiefer ist als vor der Infektion –, erlebt sie einen «Crash». Dann muss sie sich hinlegen, möglichst alles ausblenden, vor allem Licht und Geräusche. Bis sie sich erholt hat, braucht sie etwa zwei Tage.

    Nach ihrer ersten Coronaimpfung im Juni 2021 verschlechtern sich Kuhns Symptome enorm. Seither ist sie relativ stark von Long Covid betroffen. Auch nach der zweiten Impfung bleiben die Symptome mit den typischen Schwankungen bestehen.

    Im Sommer 2021 gönnen sich Kuhn und ihr Partner eine Ayurvedakur. Danach fühlt sie sich fast so gut wie vor ihrer Erkrankung. Sie fahren ans Meer, doch als Kuhn ins Wasser watet, erleidet sie einen weiteren Crash – für ihren Körper ist der Unterschied zwischen Wasser- und Körpertemperatur zu gross.

    Heute geht es Kuhn nicht besser, aber sie hat ihren Zustand akzeptiert und gelernt, mit ihm umzugehen. So sind kleine Ausflüge oder Restaurantbesuche möglich – wenn sie sich gut vorbereitet und danach erholen kann.

    Christian Salzmann (52), Vordemwald, Journalist und Radiomoderator

    Es ist Oktober 2020, die zweite Coronawelle rollt durch die Schweiz. Christian Salzmann und seine Partnerin verabreden, dass sie sich gegenseitig keine Vorwürfe machen werden, sollte eine:r von beiden das Virus nach Hause bringen. Dann erkrankt Salzmanns Partnerin, eine Pflegefachfrau, wenig später auch er. Beide begeben sich in Isolation und durchleben die Coronainfektion alleine.

    Nach einigen Tagen ruft Salzmanns Partnerin an und sagt, sie bekomme keine Luft mehr. Seine Angst ist gross, und da sich auch sein Zustand jetzt schnell verschlechtert, weiss er nicht, ob sie sich nochmals wiedersehen werden. Unter grosser Anstrengung und mit der Hilfe eines befreundeten Notars setzt er sein Testament auf. Glücklicherweise erholen sich beide und können ihre Arbeit wieder aufnehmen.

    Vier Wochen später, Salzmann hat soeben eine Radiosendung hinter sich, kommt die Krankheit zurück: Plötzlich hat er keine Energie mehr. Er bricht fast zusammen, kann sich gerade noch an seinem Sendepult festhalten. Auch seiner Partnerin geht es wieder schlechter. Seit Dezember 2020 leiden beide an Long Covid. Salzmann leidet an Atemnot, chronischer Erschöpfung, wandernden Gliederschmerzen, Konzentrationsproblemen, Empfindungsstörungen in Armen und Beinen und Schlafstörungen. Immer wieder riecht für ihn einige Tage lang alles nach Autoabgasen. Hektik und Stress verträgt er nur noch schlecht. Die massive Depression, in die Salzmann kurz nach Beginn der Long-Covid-Erkrankung gestürzt ist, hat inzwischen nachgelassen. Allerdings kommen immer wieder depressive Verstimmungen zurück.

    Salzmann begibt sich für neun Wochen in Rehabilitation. Während es ihm langsam etwas besser geht, verschlechtert sich der Zustand seiner Partnerin erneut.

    Heute muss er sich entscheiden, ob er einkaufen geht oder einen Spaziergang macht; für beides reicht seine Energie nicht. Nicht zu wissen, wie lange er von Long Covid betroffen sein wird, macht ihm Angst. Hoffnung geben ihm verständnisvolle Menschen in seinem Umfeld, sein Glaube und die Erforschung neuer Medikamente gegen Long Covid.

    Wenn Salzmann wieder gesund ist, so hat er sich vorgenommen, wird er vieles nicht mehr so ernst und nicht so persönlich nehmen wie vor seiner Coronainfektion. Und er will für Menschen da sein, die Hilfe brauchen – so wie er jetzt.

    Stiller-Has-Sänger Endo Anaconda ist 66-jährig gestorben

    Stiller-Has-Sänger Endo Anaconda ist 66-jährig gestorben
    Andreas Flückiger alias Endo Anaconda ist gemäss dem «Tagesanzeiger» in der Nacht auf Mittwoch gestorben. Er wurde 66 Jahre alt. Der «Tagesanzeiger» …
    www.watson.ch

    seine musik gefiel mir nicht wirklich, aber was er zu sagen hatte, war beeindruckend, entsprach sehr oft meinem eigenen gedankengut. nur konnte er es viel besser ausdrücken.

    hier seine lebensbeichte:

    Endo Anaconda: «Mit 55 habe ich nochmals mit Heroin angefangen»

    Mit «Stiller Has» wurde er gross, jetzt will er die Band in Pension schicken. Erstmals spricht der Sänger über seine Drogensucht auf dem Höhepunkt der Karriere.

    Frank Heer Das Magazin

    Aktualisiert am 04. September 2020 um 17:30 Uhr

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    «Ich war dauernd auf Tournee, mit dem Has ging es so richtig ab, viel Presse, viel Aufmerksamkeit, ich stand ständig auf der Bühne»: Endo Anaconda über die intensive Zeit mit seiner Band.

    Im Dezember 1979 segelte Andreas Flückiger an die Decke eines Hotelzimmers in Kathmandu. Er hatte sich mit einer Überdosis billigen Rauchopiums eingenebelt, was in Kombination mit der Hepatitis A, die er möglicherweise in Thailand aufgelesen hatte, den Effekt nach sich zog, dass er seinen fiebrigen Körper von oben herab sehen konnte. Dazu eierte die Kassette «Fly Like An Eagle» von der Steve Miller Band.

    In den Jahren davor war Flückigers Leben aus den Fugen geraten. In Wien, wohin er aus der österreichischen Provinz geflohen war, hatte er eine Lehre als Siebdrucker abgebrochen. Er war Tagedieb, Glücksspieler und Wirtshausraufer. Ein Grossmaul und Lästerer, der das Herz am richtigen Fleck hatte, aber wild sein konnte wie der Teufel. Seine Luftschlösser waren klein, Gedanken an die Zukunft verschwendete er nicht.

    Ein guter Tag im Leben von Andreas Flückiger war, mittags aufzustehen, ein frisches Hemd anzuziehen, die Rattenburg im vierten Hinterhof zu verlassen, beim Chinesen zu frühstücken und den Rest des Nachmittags im Kino oder auf der Pferderennbahn zu verbringen. Manchmal gewann er schöne Summen, die er sofort verprasste. Seine Helden waren, je nach Gemütsverfassung, Che Guevara, Serge Gainsbourg, Jim Morrison oder Jean-Paul Sartre.

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    Endo Anaconda in der Reitschule in Bern, in den Anfängen von Stiller Has. Foto: zvg

    Flückiger war ein gross gewachsener, leidlich aussehender, vom Alkohol etwas aufgedunsener junger Mann, der gute Anzüge und Schuhe trug. Meist steckte eine Zigarette in seinem Mundwinkel. Die halb langen Haare frisierte er über der Stirn zu einer nachlässigen Tolle. Wenn er eine neue Schale brauchte, spazierte er in einen Laden, probierte den schneidigsten Anzug, liess den alten hängen und spazierte wieder hinaus. Den Kamelhaarmantel, den er im Winter trug, hatte er in der Garderobe eines Cafés erspäht, in dem die besseren Leute verkehrten. Er zog ihn diskret vom Bügel, schlüpfte hinein und gab Fersengeld. Als ob es der frühere Besitzer besonders gut mit ihm meinte, hatte er sein Portemonnaie samt Ehering in der Brusttasche stecken gelassen.

    Er war gelb wie eine Banane, mager wie ein Köter

    Nun also schwebte Flückiger an der Decke eines Hotelzimmers in Kathmandu und sah auf seinen fiebrigen Körper, der sich im durchgeschwitzten Laken wälzte. Er war 24 Jahre alt, gelb wie eine Banane, mager wie ein Strassenköter. Sein Leben hing an einem Faden, draussen rauschte der Monsun, Steve Miller sang «Take the Money and Run». Was war geschehen?

    Bevor Flückiger im Frühjahr 1979 nach Nepal aufbrach, brach ihm eine Frau das Herz. Wieder einmal. Und seine Genossen vom Kommunistischen Bund hatten ihn wegen Verrats an der Sache aus der Wohngemeinschaft geschmissen. So streunte er im wehenden Kamelhaarmantel wie ein angeschossener Asphaltcowboy durch die Stadt, die sich von ihm abgewandt hatte. Statt der Musik von Ennio Morricone pfiff ihm der Ostwind um die Ohren. Es war ein elender, einsamer Winter, und Flückiger wollte weg.

    Den Flug nach Bangkok hatte er sich mit dem Erlös aus kleineren Einbrüchen (er nannte es Mundraub), Gelegenheitsjobs und geglückten Wetten auf der Rennbahn zusammengespart. Was übrig blieb, reichte für ein paar Wochen am Strand von Pattaya und eine Propellermaschine nach Kathmandu. Im örtlichen Casino verwandelte er einen Gratiscoupon im Wert von fünf Dollar in dreihundert und reiste nach Pokhara, wo er einen Bungalow am Phewa-See bezog, um endlich zur Ruhe zu kommen.

    Nicht ganz zufällig machte er Bekanntschaft mit einem nepalesischen Dealer, für den er Haschöl an Touristen verkaufte. Die Provision investierte er in Zigaretten, Alkohol, Opium. Der Rausch der Droge, die es hier in rauen Mengen gab, löste in ihm ein Gefühl von Nestwärme aus und weckte die Sehnsucht nach dem Paradies, aus dem er im Alter von fünf Jahren vertrieben worden war.

    Das Herz vom Vater, die Melancholie von der Mutter

    Ein wiederkehrendes Bild aus dieser verblassenden Idylle ist die Mutter am Steuer ihres VW-Käfers, unterwegs auf irgendeiner Landstrasse in der Nähe von Biel. Unter der Heckscheibe liegt ein Kissen, in welches die Autonummer, das Berner Kantonswappen und der Satz «Kommt gut heim!» gestickt sind. Andreas und sein älterer Bruder sitzen auf der Rückbank und schneiden Grimassen. Die gelten dem Vater, schlank und gross, ein leidenschaftlicher Leichtathlet, der neben dem Wagen herrennt, während die Mutter mit der Stoppuhr die Zeit misst. Sie war als junges Mädchen aus Kärnten in die Schweiz gekommen und hatte im Gastgewerbe gearbeitet, bevor sie in Burgdorf ihren künftigen Mann kennen lernte, einen Polizisten. Von ihm hat Flückiger das Herz, von der Mutter die Melancholie.

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    «Ich suchte das Risiko und die Ächtung durch die Gesellschaft, gegen die ich rebellierte»: Endo Anaconda über seine Heroinsucht.

    Dann der Verkehrsunfall. Der Vater fuhr in seinem DKW Junior Sport von Zürich, wohin er die Verwandten aus Österreich chauffierte, zurück nach Biel. Es war kurz vor Weihnachten 1959, nur Monate nach der Geburt des jüngeren Bruders. Die Frontalkollision war unverschuldet, der Vater sofort tot. Als die Mutter den Anruf erhält, schlägt sie den Kopf gegen die Wand, rennt schreiend durch die Wohnung, rauft sich die Haare im Schmerz, heult wie besessen. Andreas schaut zu. Er ist vier Jahre alt. Es dauert Stunden, bis jemand kommt und sie beruhigt.

    Der Tod des Vaters zerstörte die Idylle. Fast über Nacht entschied die Mutter, Biel zu verlassen und zu ihrer Familie nach Kärnten zu ziehen, nach Mallestig bei Villach an der Grenze zu Slowenien, katholisch, ländlich, rückständig. Für Andreas war es eine Verschleppung. Das Radio spielte Operetten und Peter Alexander, aus dem nahen See fischten die Kinder Kriegsschrott und spielten damit. Der Grossvater, ein wortkarger Griesgram, Wagner von Beruf, ersetzte den Vater, Schläge waren Teil des Systems. Bei der Grossmutter fand er Trost. Sie war eine Zauberin, eine Seherin. Ihre Hühnersuppe half gegen alles. Jedes Unglück träumte sie voraus, selbst wenn es nicht eintraf. Sie bekreuzigte sich in einem fort und ging nicht an Andreas vorbei, ohne ihn zu segnen.

    Schläge in Kärnten, Süsses im Emmental

    Es nützte nichts. Er blieb ein schwieriges Kind. Ein unglückliches Kind. Schwänzte die Schule. Stahl. Fälschte Unterschriften. Brachte die Lehrer zur Weissglut. Einzig die Sommerferien in der Schweiz erfüllten ihn mit einer Ahnung von Glück. Bei den Grosseltern im Emmental war er dem Paradies ganz nah. Der Grossvater spielte Akkordeon, die Geschichten der Grossmutter wiegten ihn in den Schlaf. Einmal, im Dorfladen, klaute er eine Tafel Schokolade. Eine Hälfte ass er, die andere versteckte er. Die Grossmutter entdeckte den Diebstahl und stellte ihn zur Rede. Sie sagte nur: Du gehst jetzt zu Frau Leuenberger und entschuldigst dich. Im Laden roch es nach Waschmittel und Süssigkeiten. Frau Leuenberger blickte ernst: So, so. Schokolade. Und weil du so ehrlich bist, schenke ich dir noch ein Stück. In Kärnten gab es Schläge, im Emmental Süsses.

    Andreas war zwölf, als ihn die Mutter ins katholische Internat nach Klagenfurt schickte. Bereits beim Eintritt widersprach er einem Priester. Der knallte ihm eine, dass die Nase blutete. Einmal verlangte ein Priesteraspirant, dass er ihm die Schuhe putze. Als Andreas fragte, warum, antwortete dieser: weil du sonst eine in die Fresse bekommst. Das Heimsystem beruhte auf Gewalt, auf Unterdrückung und Erniedrigung. Alles war verboten – Jeans, Bücher, Popmusik. Jede Verfehlung wurde bestraft. Eine Nacht auf einem Holzscheit knien zu müssen, war nicht krass, sondern normal.

    Klagenfurt liegt eine halbe Zugstunde von Villach entfernt, doch Andreas durfte nur einmal im Monat nach Hause. Erzählte er der Mutter von der Gewalt, sagte sie: Du hast es wohl verdient. Eigentlich war er froh, fort von der Familie zu sein, weg vom unberechenbaren Grossvater, von der hysterischen Mutter. Andrerseits war das Internat ein Gefängnis. Er fühlte sich wie begraben. Mädchen sah er keine. Er wurde immer dicker, weil er alles in sich hineinfrass.

    Dann begann er zurückzuschlagen

    Doch Andreas Flückiger entwickelte Methoden des Widerstands. Unter der Bettdecke, im grossen Schlafsaal, hörte er Radio Luxemburg, den einzigen Sender, der Beatmusik spielte. Herman's Hermits, Gerry & The Pacemakers, The Kinks, The Animals. Und er las lasterhafte Schriften: Henry Miller, Darwin, Jack London, Dostojewski, Cervantes, B. Traven, Hemingway. Sein Bett stand unter einem Fenster, durch das er die Berge sehen konnte. Die Lücke zum Himmel war seine kleine Freiheit.

    Im letzten Schuljahr begann er zurückzuschlagen. Seit einer Stunde standen hundert Schüler vor dem Speisesaal. Es hiess, die Mensa werde erst geöffnet, wenn keiner mehr ein Wort spreche. Die Mägen knurrten, die Buben murrten. Ein Priester verteilte Ohrfeigen, Kopfnüsse. Als Andreas eine fing, rastete er aus, packte seinen Peiniger und warf ihn zu Boden. Stürzte sich auf ihn mit seinem ganzen Gewicht. Fast hundert Kilo. Bis man ihn wegzerrte. Jetzt liess man ihn in Ruhe. Doch die Gewalt war gesät. Als er mit sechzehn aus dem Internat entlassen wurde, war er voller Hass. Kam man ihm krumm, gab es Kleinholz. Es war wie ein Beissreflex.

    Zu Hause in Kärnten hatte er keinen Plan. Kärnten war eine Beleidigung. Eine geistige und kulturelle Einöde. Kärnten sollte von der Landkarte gestrichen werden. Die folgenden Jahre bildeten eine Kette von Sabotageakten an der eigenen Zukunft. Jede geregelte Arbeit war eine Haftverlängerung. Flückiger absolvierte den polytechnischen Lehrgang und ging auf Drängen der Mutter an die Bundeshandelsschule in Villach. An die Fassade des Gebäudes, in dem er nur ein Jahr absass, pinselte er mit roter Lackfarbe das Wort «Untertanenfabrik».

    Die Mutter dachte, er sei geisteskrank

    Seine gesellschaftliche Nutzlosigkeit war ihm eine Tugend. Mehrmals machte er sich aus dem Staub, einmal gelang ihm die Kurve bis nach Rom. Nach einem Monat wurde er von der italienischen Polizei aufgegriffen und in einen Zug zurück nach Österreich gesteckt; die verzweifelte Mutter hatte Interpol eingeschaltet.

    Radio Luxemburg war seine erste Form von Protest, nun lieferte die Jugendsendung «Musicbox» auf Ö3 den Soundtrack zu seinem Leben: die Stones, Velvet Underground, Eric Burdon, Neil Young, Lou Reed, The Doors. Sein Gott war Jim Morrison: die Musik, die Texte, die Posen – alles an ihm schien gefährlich. In Ossiach gab es ein Festival, das der Pianist Friedrich Gulda organisierte; es war mit dem Moped in einer Stunde zu erreichen. Dort sah er 1971 Pink Floyd vor ein paar Hundert Zuschauern. Und im Tonhof Klagenfurt begegnete er dem Lyriker H. C. Artmann, dessen anarchistische Dialekt- und Lautgedichte Flückiger dazu brachten, selbst zu schreiben. Sein erstes Gedicht warf die Mutter weg. Sie glaubte, ihr Sohn sei geisteskrank.

    1972 trat Flückiger der Kommunistischen Jugend bei. Im Dezember 1973 verübte die baskische Terrororganisation ETA einen Anschlag auf Luis Carrero Blanco, spanischer Premierminister und enger Vertrauter von Diktator Franco. Die Bombe schleuderte das Auto des Militärs über das Dach eines fünfstöckigen Gebäudes, es landete auf der Terrasse im zweiten Stock. Blanco war sofort tot. Zur Feier des Tages öffneten Flückiger und seine Genossen eine Flasche Rioja.

    Dem Kommunismus verdankte er die Erkenntnis, dass die Welt eine Kugel ist, denn die Welt seiner Kindheit war eine Scheibe. Nachdem er dem Sumpf des Internats entkommen war, erschienen ihm Marx und Engels als Offenbarung. Er bewunderte die alten Spanienkämpfer, die ihm Vaterfiguren waren. Helden und Antifaschisten, die Mauthausen überlebten. Männer, die zu kämpfen wussten. Kerle wie aus seinem Lieblingswestern «The Good, the Bad and the Ugly». Flückiger war der Wüste. Er sah aus wie eine Mischung aus Yeti und Charles Manson.

    Frauen sind Wesen von einem anderen Planeten

    Während die meisten seiner Freunde nach Wien zogen, um zu studieren, sass Flückiger in Villach fest. Seine Hobbys waren nun Waffen, Autos und LSD. In München kannte er ein paar Musiker, die der amerikanischen Drogenkirche Brotherhood of Eternal Love angehörten, die die spirituelle Transformation der Gesellschaft durch die Einnahme von Halluzinogenen propagierte. Sie verkauften ihm das LSD in flüssiger Form. In seinem Zimmer setzte er sich aufs Bett, tröpfelte das Acid auf einen Würfelzucker und liess ihn auf der Zunge zergehen. Auf einem Poster an der Wand rauchte neben Mao eine halb nackte Schönheit mit Afrofrisur einen riesigen Joint.

    Bis sechzehn bekam er kaum ein Mädchen zu Gesicht. Seine erste Freundin hatte er mit neunzehn, vor der er aber sogleich davonlief. Frauen sind für ihn noch heute Wesen von einem anderen Planeten. Danach kam das Heroin. Erst schnupfte er das Pulver, dann erhitzte er es in einem Löffel mit Zitronenwasser und zog es mit der Nadel auf. Einmal versorgte er den Jazztrompeter Chet Baker mit einem Gramm, bevor dieser im Kongresshaus von Villach ein fabelhaftes Konzert gab. Heroin war der extremste Rand, an den er sich begeben konnte. Andere stiegen auf den Mount Everest, er spritzte Heroin. Tief in seinem Innern gab es einen anderen Grund für das Bedürfnis nach Rausch: Er half gegen die seelischen Versehrungen, die ihm im Internat zugefügt worden waren.

    1975 flüchtete Flückiger aus dem Wilden Westen nach Wien. Er wechselte von der Kommunistischen Jugend in die Splittergruppe der Marxisten und Leninisten, wo er bald Mitglied im Zentralkomitee war. Er war zwanzig, versuchte die Aufnahmeprüfung an die Kunstgewerbeschule, scheiterte und begann eine Lehre als Siebdrucker. Lederjacke und Jeans hatte er gegen Anzüge getauscht. Dreiteiler, wie sie sein Grossvater im Emmental trug. Und der Revolverheld Wyatt Earp. Er war ein leidenschaftlicher Genosse. Am Küchentisch der WG wurde der bewaffnete Widerstand diskutiert, die Revolution des Proletariats stand unmittelbar bevor. Für die «Arbeitsgemeinschaft Politische Gefangene», eine Organisation, die mit der RAF sympathisierte, verteilte Flückiger auf dem Campus der Universität Wien Flugblätter zum ersten Todestag von Ulrike Meinhof. Als im Oktober 1977 der deutsche Arbeitgeberpräsident und frühere SS-Hauptsturmführer Hanns Martin Schleyer von der RAF ermordet wurde, war das ein Etappensieg.

    Im November desselben Jahres wurde der österreichische Wäschehersteller Walter Palmers entführt und hundert Stunden später, nach Bezahlung eines Lösegelds von dreissig Millionen Schilling, wieder freigelassen. Eine linksterroristische Täterschaft wurde zunächst ausgeschlossen, doch im Lauf der folgenden Wochen kam es zur Festnahme dreier Studenten, die Flückiger aus der Arbeitsgemeinschaft kannte. Plötzlich war er selbst im Visier der österreichischen Staatspolizei, die ihn verdächtigte, bei der Geiselnahme das Fluchtauto gefahren zu haben. Ein Irrtum. Eine Verwechslung. Flückiger wurde entlastet. Doch der Schrecken sass tief.

    Der kälteste Winter seines Lebens

    Der totalitäre Eifer seiner Genossen erinnerte ihn an die prügelnden Pfaffen im Internat. Er begann zu widersprechen. Im Herbst 1978 wurde er aus der WG geworfen, die Freundin verliess ihn, und wenn er kein Sofa fand, auf dem man ihn schlafen liess, breitete er sein Nachtlager auf einem Belüftungsschacht im Bahnhof aus. Es war der längste und kälteste Winter seines Lebens.

    Ein paar Monate später bestieg Flückiger in Pattaya ein Propellerflugzeug nach Nepal. Der Plan, sich in einem Bungalow am Phewa-See die Wunden zu lecken, schlug fehl, denn er hatte nicht mit der Hepatitis A gerechnet: dem Durchfall, der Übelkeit, dem Fieber und den Schmerzen im Oberbauch. Die Mutter hatte ihm Geld für die Rückreise geschickt. In der Nacht vor seinem Abflug verliess er in einem Hotelzimmer in Kathmandu vorübergehend seinen Körper. Am nächsten Tag flog er nach Wien, wo ihn sein älterer Bruder am Flughafen abholte und mit ihm nach Kärnten fuhr. Es dauerte Monate, bis er sich von der Krankheit erholte. Doch es war die Zeit, die er brauchte, um sich mit der Mutter zu versöhnen. Sie starb 1981 an Krebs. Flückiger erbte ihren alten Ford, packte seine Sachen und fuhr nach Bern. Die Schweiz war ein Hoffnungsschimmer am Horizont.

    Jahrzehnte später, im Februar 2020

    Es ist ein wolkenloser Tag im Emmental, Andreas Flückiger sitzt am Steuer eines senfgelben Polo, Brixton-Mütze, Fliegersonnenbrille. Das Auto gehört seiner Freundin. Er öffnet das Fenster einen Fingerspalt und zündet sich eine Zigarette an. Flückiger: So hiess seine alte Haut. Heute kennt ihn die Schweiz unter dem Namen Endo Anaconda, Sänger der Band Stiller Has, gegründet 1989 in Bern.

    Beim Bahnhof Langnau hat er auf mich gewartet. Auf dem Parkplatz, wie beim letzten Mal ein paar Wochen zuvor. In einer dunkelblauen Jacke mit dem Logo des Arosa Humorfestivals. Um die Beine weht eine Anzughose, die Füsse stecken in schwarzen Crocs. Dann fahren wir talaufwärts, vorbei an vom Winter schmutzigen Wiesen. Mit jeder Ortstafel werden die Dörfer kleiner. Schliesslich steuert Anaconda den Polo auf einen Feldweg und hält vor einem Stöckli mit Laubengang und grünen Fensterläden.

    Hier, im ersten Stock, befindet sich seine Wohnung mit Küche und drei Zimmern, die er seit achtzehn Jahren gemietet hat und in der er alleine lebt. Endo Anaconda hat drei Kinder von drei verschiedenen Frauen. Besonders treu sei er nie gewesen, sagte er in einem Interview. Dafür sei er ein guter Ex-Mann.

    Das Treppensteigen bereitet ihm Mühe: Knie, Gelenke, Rücken. Je nach Wetter geht es besser. Oder schlechter. Drinnen riecht es nach alten Möbeln und Zigarettenrauch. Das Küchenbuffet aus den Fünfzigern reicht bis zur Profilholzdecke, die olivgrünen Wände passen zum hellbraunen Linoleum. Am Fenster steht ein schwerer Tisch, darüber lacht Andy Warhols Marilyn. Neben dem kleinen Ofen, der die ganze Wohnung heizt, ein Paar Halbschuhe guter Machart. Ein frei stehender Kühlschrank brummt, auf der Herdplatte steht eine Moka Express.

    Im September wird Endo Anaconda 65 Jahre alt. Und im März erscheint «Pfadfinder», das sechzehnte Album von Stiller Has – wobei die Band in ihrer Originalbesetzung schon lange nicht mehr existiert: Nach dem Abgang von Multiinstrumentalist Balts Nill rüstete Anaconda das einstige Duo zur regulären Band auf, angeführt von René «Schifer» Schafer an der Gitarre. 2016 brach auch diese Formation auseinander. Seit 2017 hat Anaconda eine neue Gruppe um sich vereint, mit der er nun auch «Pfadfinder» einspielte. «Das wird unsere letzte Platte sein», sagte mir Anaconda bei unserer ersten Begegnung. Noch eine letzte Tournee, danach verstumme der Has, fertig, Schluss. Aber ohne Amen.

    «Töif dinn sy mer alli Walliseller»: Kurzfilm über Endo Anacondo anlässlich des Schweizer Musikpreises 2017. Video: Swiss Music Prize/Youtube

    Endo Anaconda wirft Holz in den Ofen und holt zwei Tassen aus dem Schrank. Als die Moka Express zu gurgeln beginnt, schenkt er Kaffee ein und setzt sich an den Tisch. Seine Hände sind gross und gepflegt. Anaconda besitzt die Fähigkeit, mit dem einen Auge so zu starren, das man fürchtet, er wolle einen erstechen, während das andere gelassen zusieht. Seine Stimme ist laut und kernig. Er kann knurren wie ein Hund, um im nächsten Moment in höllisches Gelächter auszubrechen. Dazwischen lange Pausen, in denen er studiert, um dann dozierend in abgelegene Gebiete vorzudringen.

    Das Magazin: Bei unserem letzten Treffen in dieser Küche haben wir über Ihre Kindheit und Jugend in Österreich gesprochen. Meine Aufzeichnungen enden mit der Rückkehr aus Kathmandu und dem Neubeginn in der Schweiz Anfang der Achtzigerjahre. Dort würde ich gerne anknüpfen.

    Von mir aus.

    1981 sind Sie im Ford Ihrer Mutter von Kärnten nach Bern gefahren …

    Die Kühlerhaube war so lang, dass man einen Feldstecher brauchte, um das Ende zu sehen…

    Und 1989 erschien Ihre erste Platte mit Stiller Has. Was haben Sie in den acht Jahren dazwischen gemacht?

    Ich lebte in einem besetzten Haus, hing im AJZ rum, trank zu viel und war kleinkriminell. Dazwischen arbeitete ich in der Brasserie Lorraine, in einem Bioladen und war Monteur für eine Telefonautomatenfirma.

    Ich realisierte, dass ich meine Jugend an eine linksextreme Wahnidee verschwendet hatte.

    Die Fortsetzung Ihres alten Lebens in Wien? Einfach ohne Pferderennbahn…Mit dem Unterschied, dass ich keine harten Drogen mehr konsumierte, viel schrieb und den Wunsch verspürte, mit meinen Texten aufzutreten.

    Sie haben mir erzählt, dass Ihnen die Schweiz ein Hoffnungsschimmer war. Warum?

    In Österreich war meine ganze Sozialstruktur in sich zusammengefallen. Mit dem Ausschluss aus der Kommunistischen Partei verlor ich auf einen Schlag meinen Freundeskreis. Ich realisierte, dass ich meine Jugend an eine linksextreme Wahnidee verschwendet hatte. Und nach dem Tod meiner Mutter gab es für mich nichts mehr, was mich in Österreich gehalten hätte. Die Schweiz war ein Neubeginn.

    Hatten Sie Freunde in Bern?

    Ich kannte ein paar Leute aus dem Umfeld der Reithalle, wo ich auch Balts Nill und Schifer Schafer kennen lernte, meine späteren musikalischen Weggefährten. Bern hatte eine grosszügige Kulturförderpolitik, ich verdanke der Stadt und dem Kanton viel. Das alles wäre in Österreich nicht möglich gewesen. In der Schweiz wehte ein anderer Geist. Die Achtzigerbewegung in Bern und Zürich war kreativer, frecher als das sektiererische Umfeld, in dem ich mich in Wien bewegt hatte.

    Ich merkte, dass mir die Musik ein Mittel war, meine Heimatlosigkeit auszudrücken, das Negative, die Traumata, die Liebe.

    Ihre erste Band war die Experimentalcombo «Andreas Flückiger und die Alpinisten».

    Das war improvisierte Musik, zu der ich meine Gedichte und Wortspiele vorgetragen habe. Heute nennt man das Slam Poetry. Das war lustig, gleichzeitig war ich komplett ambitionslos. Ich hatte nicht im Sinn, damit irgendetwas zu erreichen.

    Sie untertreiben: Ihre Band Stiller Has gehört zum Kulturgut der Schweiz, Songs wie «Wallisellen» oder «Aare» sind Gassenhauer…

    Meine Einstellung zur Kunst änderte sich, als 1992 meine Tochter zur Welt kam. Da wusste ich: Jetzt musst du in die Hose. Ich nahm einen Job als Behindertentaxifahrer an und wollte mit der Musik vorankommen. Vor allem aber merkte ich, dass mir die Musik ein Mittel war, meine Heimatlosigkeit auszudrücken, das Negative, die Traumata, die Liebe. Darum hatte der Blues so einen grossen Einfluss auf die früheren Sachen, die wir mit Stiller Has gemacht haben. Elmore James, Bessie Smith, John Lee Hooker, Blind Lemon Jefferson, Robert Johnson…

    Gab es auch einheimische Vorbilder?

    In der Schweiz war es Mani Matter, in Österreich Helmut Qualtinger und Georg Kreisler. Besonders Kreisler war in meiner Jugend im linken Umfeld ein ziemlicher Hero. Ich habe ihn später, als wir 1995 mit Stiller Has den Salzburger Stier gewannen, bei der Preisvergabe kennen gelernt. Der hatte so ein weiches Pianistenhändchen.

    Ich kann nicht verleugnen, dass ich Raubbau an mir selbst betrieben habe.

    «Pfadfinder» soll nun die letzte Platte von Stiller Has sein. Warum?

    Ich bin sehr zufrieden mit dem neuen Album, schon fast euphorisch, aber nach so langer Zeit hat man es auch ein wenig gesehen. Die immer gleichen Orte, das gleiche Catering, die gleichen Backstage-Räume. Allmählich spüre ich eine Unrast. Auch einen körperlichen Druck. Ich kann nicht verleugnen, dass ich Raubbau an mir selbst betrieben habe.

    Aber die Auftritte, die Bühne, Ihre Fans – werden Sie das nicht vermissen?

    Die Auftritte schätze ich sehr, nur das Drumherum nicht mehr. Das Leben ist der ordentliche Wahnsinn, die Bühne der ausserordentliche. Das wird mir langsam zu viel. Aber es stimmt schon, das Publikum ist mir wichtig. Im besten Fall entsteht bei einem Konzert ein Gefühl von Gemeinschaftlichkeit. Privat meide ich grössere Gruppen.

    Was werden Sie nun tun?

    Dass ich mit Stiller Has aufhöre, bedeutet ja nicht, dass ich nicht mehr auftreten darf. Ich kann mir eine Zukunft als Solist vorstellen, mit einem kleinen Orchester oder einem Pianisten, so wie Jacques Brel oder Yves Montand. Ausserdem warten stapelweise Gedichte und Texte darauf, sortiert zu werden.

    Dreieinhalbtausend Franken im Monat reichen. Das gibt mir den Luxus, frei zu sein.

    Seit wann können Sie von der Musik leben?

    Seit unserem Album «Landjäger», das 1994 erschien. Von da an verkauften wir lange Zeit um die 40 000 Einheiten pro Album. Heute sind es noch an die 8000, mit Downloads vielleicht 10 000.

    Kommen Sie damit durch?

    Ich lebe bescheiden. Dreieinhalbtausend Franken im Monat reichen. Das gibt mir den Luxus, frei zu sein. Ich muss keinen Besitz anhäufen. In meinem Alter sinkt die Lebenserwartung mit jedem Tag. Natürlich fände ich es schön, noch etwas Zeit mit meinen Kindern zu verbringen und ein paar Gedichte zu schreiben, aber es ist kein Menschenrecht, alt zu werden.

    Sehen Sie sich eher als Dichter denn als Musiker?

    Ich bin ein umgangssprachlich dichtender Sängerpoet und erzähle Geschichten, in die meine Hörer einen Anker werfen können. Natürlich ist da eine Doppelbödigkeit. Zum Beispiel in meinem Lied «Moudi»: Da sagen mir die Leute oft, dass sie zu Hause auch so einen Kater haben, einen Moudi. Die wenigsten ahnen, dass dieser Kater die Visualisierung eines Dämons ist, vor dem ich mein Leben lang auf der Hut sein muss. Einerseits ist er zärtlich wie ein Haustier, andrerseits böse, unverschämt, haltlos.

    Andere schlucken Psychopharmaka, ich therapierte mich mit Sugar.

    Sie waren zeitweise auf Heroin. Mögen Sie erzählen?

    Beim Heroin schwang eine gewisse Romantik mit, befeuert durch die Bücher von William Burroughs und Thomas De Quincey. Aber der Stoff war viel zu teuer, als dass wir es uns leisten konnten, süchtig zu werden. Heute kostet das Gramm noch sechzig Franken.

    War das jugendlicher Leichtsinn oder bewusste Selbstzerstörung?

    Es war ein politischer Akt. Eine Provokation. Ein Tanz am Abgrund. Ich suchte das Risiko und die Ächtung durch die Gesellschaft, gegen die ich rebellierte. Aber Opiate waren für mich immer auch ein Versuch der Selbstheilung. Wer weiss, vielleicht wäre ich heute ohne Heroin längst tot.

    Warum?

    Weil ich mich aus Verzweiflung umgebracht hätte. Andere schlucken Psychopharmaka, ich therapierte mich mit Sugar.

    War das Nahtoderlebnis 1979 in Nepal so was wie eine Warnung?

    Ja. Aber mit 55 fing ich noch einmal an und war dann sieben Jahre drauf. Allerdings habe ich da nicht mehr gefixt, nur noch geschnupft.

    Wie konnte das passieren?

    Es war eine verrückte und intensive Zeit. Ich war dauernd auf Tournee, mit dem Has ging es so richtig ab, es war unser Höhepunkt, viel Presse, viel Aufmerksamkeit, ich stand ständig auf der Bühne. Gleichzeitig ging ich durch eine Scheidung und hatte starke körperliche Schmerzen…

    So habe ich noch einmal angefangen. Stereo – durch das eine Nasenloch das Koks, durchs andere das Heroin.

    …woher kamen die Schmerzen?

    Ich wog 140 Kilo. Das geht einfach nicht auf die Dauer. Als Kind hatte ich bei einem Sturz die Wirbel angebrochen, das Steissbein, das Becken, fast alle Rippen. Das wuchs schräg zusammen, und entsprechend schief ist seither mein Gang. In Kombination mit meinem Gewicht führte das über die Jahrzehnte zu Rücken-, Gelenk- und Knieproblemen. Gegen die Schmerzen liess ich mir starke Analgetika verschreiben. Diese kitzelten meine alte Liebe für Opiate wieder hervor. So habe ich mit 55 noch einmal mit Heroin angefangen. Und gekokst gleich auch noch. Stereo – durch das eine Nasenloch das Koks, durchs andere das Heroin.

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    Das Gewicht setzte ihm zu: Endo Anaconda 2002 an einem Konzert in Basel. Foto: Tino Briner

    Der Effekt?

    Es gab mir eine Art gelassene Euphorie. Meine Reflexe, damit aufzuhören, versagten total. Dabei wusste ich: Drogen versprechen alles und halten nichts. Erschwerend kam hinzu, dass ich kaum durch Bern laufen konnte, ohne jemanden zu treffen, von dem ich wusste, dass er mir den Stoff besorgen könnte. Und ich hatte genug Geld im Sack, denn mit dem Has lief es ja gut. Die Dealer wussten immer, wo ich war.

    Wann wurden Sie wieder clean?

    Einen ersten Versuch unternahm ich 2012, nachdem ein Tumor auf einer Nebenniere diagnostiziert worden war. Ich wurde süchtig ins Spital eingeliefert und operiert. Nach meiner Entlassung versuchte ich mich selbst zu therapieren, hier in meiner Wohnung. Ich habe wochenlang geheult. Nicht wegen der körperlichen Schmerzen des kalten Entzugs, die waren nach einer Woche vorbei, aber die Depressionen, die Unfähigkeit, Glück zu empfinden, alles, was ich mit den Drogen betäubt hatte, brach jetzt wie ein Stausee aus seinem Damm. Ich schaffte es gerade noch, mich vom Bett zum Sofa und zurück zu schleppen. Eine Zeit lang zog ich das durch, doch ich wurde immer wieder rückfällig. Vor drei Jahren hat es plötzlich klick gemacht. Ich wusste: Das ist meine letzte Chance, wenn ich am Leben bleiben will.

    Haben Sie nie daran gedacht, zu einer Selbsthilfegruppe zu gehen?

    Ich bin nicht der Kreisli-Typ. Es gibt Leute, denen hilft das, mir nicht.

    Als der Einsiedler, der ich bin, wird man hier in Ruhe gelassen, ohne sich deswegen einsam zu fühlen.

    Trinken Sie noch Alkohol?

    Als ich mit den Drogen aufhörte, trank ich pro Tag eine Flasche Whisky. Seit einem Jahr bin ich abstinent. Ich bin trockener Alkoholiker. Als ich noch trank, verging kein Tag ohne Suizidgedanken. Wenn es mir heute schlecht geht, hocke ich das aus. Ich kenne meine Abgründe. Meinen Moudi.

    Wie fühlt sich die Nüchternheit an?

    Nüchternheit muss man lernen. So wie an einem Stock zu gehen. Ansonsten bin ich heute viel nervöser, bevor ich auf die Bühne steige. Da fehlen mir die zwei Flaschen Weisswein. Zudem hinterfrage ich ständig meine Texte. Früher schrieb ich was im Suff und war zufrieden. Heute bin ich strenger.

    Wie geht es mit den Schmerzen?

    Manchmal gut, manchmal fühle ich mich wie Henry VIII. Der Kraftraum hilft. Es braucht Überwindung hinzugehen, aber wenn ich rauskomme, fühle ich mich als Sieger. Ich will nicht klagen und habe kein Mitleid mit mir.

    Sie leben seit achtzehn Jahren im Emmental. In Trachselwald, nicht weit von hier, führten Ihre Grosseltern einen Bauernhof. Was bedeutet Ihnen diese Gegend?

    Ich hatte ja nie eine richtige Heimat. Der Blick aus dem Küchenfenster über das Land meiner Ahnen gibt mir aber eine Idee davon, auch wenn ich hier keine Verwandten mehr habe.

    Ist es die Idylle, aus der Sie mit fünf Jahren gerissen wurden?

    Idyllisch ist vermutlich anders. Aber mir gefällt das Morsche. Es ist ja auch ein wenig wie Dodge City hier. Der Wilde Westen der Schweiz. Als der Einsiedler, der ich bin, wird man hier in Ruhe gelassen, ohne sich deswegen einsam zu fühlen. Ich mag den Austausch mit den Leuten. Wenn ich im Dorfladen oder am Kiosk mit jemandem scherze, hat das für mich unschätzbaren Wert. Aber ich ziehe mich auch gern wieder zurück in meine Höhle.

    Der Kommunismus hat mich geprägt, geistig, intellektuell, in jeglicher Hinsicht.

    Im Internat, das Sie bei unserem letzten Gespräch als «Gefängnis» beschrieben haben, hörten Sie heimlich Radio Luxemburg. War das Ihre Verbindung zur grossen weiten Welt.

    Auf jeden Fall. Der Alltag im Internat war schlimm. Das förderte meine Opposition zu Kirche und Gesellschaft. Die Musik positionierte mich. Das geschah parallel zu meiner Politisierung, die ihren Ursprung im Protest gegen den Vietnamkrieg hatte. Das Foto von dem Napalm-Mädchen, das um die Welt ging, hatte mich geschockt. Auch wenn mich das Internat zum Pfaffenfresser gemacht hatte und ich der Kommunistischen Partei beitrat, war ich noch immer katholisch imprägniert: Der Krieg in Vietnam war moralisch verwerflich.

    Sie sind vom Katholizismus zum Kommunismus konvertiert…

    Dieser Schritt war für mich so wichtig wie die Mondlandung 1969 für die Menschheit, als zum ersten Mal zu sehen war, wie die Welt aufging. Der Kommunismus hat mich geprägt, geistig, intellektuell, in jeglicher Hinsicht. Ich habe zum Glück nie mit dem Denken aufgehört, darum sehe ich diese Zeit heute auch selbstkritisch.

    Inwiefern?

    Als es mit dem Linksterrorismus losging, konnte ich das nicht mehr vertreten. Die Gewalt war eine Grenzüberschreitung. Als dann auf dem Titel der «Kronen-Zeitung» Fotos von Freunden abgedruckt waren, die als Terroristen gesucht wurden, ging mir das so an die Nieren, dass ich mich von diesem Wahn verabschiedete. Für diese Form der Gewalt bin ich nicht der Typ, auch wenn ich damals sehr geladen war. Heute bin ich überzeugter Demokrat.

    Man sagt, aufs Alter wird der Mensch wieder gottesfürchtig. Wie ist das bei Ihnen?

    Während der Primarschulzeit in Kärnten war ich Messdiener. Das war eine erste Phase der religiösen Auseinandersetzung und hat mir gefallen. Katholizismus ist wie Rock 'n' Roll. Eine rituelle Überhöhung. Das Internat hat dann alle Religiosität aus mir herausgeprügelt. Trotzdem ist ein Restposten an Frömmigkeit übrig geblieben.

    Wie äussert sich die?

    Ich betrete keine Bühne, ohne mich vorher zu bekreuzigen. Auch an einer schönen Kirche gehe ich nicht vorbei, ohne drinnen eine Kerze für meine Liebsten anzuzünden. Sakrale Räume haben eine Erhabenheit, weil darin Menschen ein höheres Wesen imaginieren. Das rührt mich auf seltsame Art. Vielleicht weil ich zu viel Kraft und Schmerz investiert habe, um Gott zu entthronen, als dass ich mich heute über Gläubige lustig machen würde.

    Oktober 2020 wurde Delta in Indien entdeckt. Ab April 21 dann in Europa nachgewiesen. Im Juni und Juli wecbselte es dann dass es in Europa hauptsächlich Delta Fälle waren.

    stimmt!

    aber umso unverständlicher, warum ab spätherbst 20 derartige massnahmenverschärfungen eingeführt wurden.

    und ja, ari, demfall hatten wir tatsächlich relativ lasche massnahmen während delta, vor allem verglichen mit unseren nachbarländern.


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    Was blabberst Du von spätherbst 2020 und dem lockdown?! Ich habe geschrieben wir hatten sehrsehr lasche massnahmen bei DELTA IM VERGLEICH zu fast allen (merksch öppis?!)

    die delta variante breitete sich ab ca. september 20 aus. und praktisch sämtliche massnahmenverschärfungen ab spätherbst sind delta geschuldet.

    der unterschied zu fast allen anderen: einige hatten noch ausgangssperren und in allem nachbarländern waren die skigebiete geschlossen. was genau soll ich merken? :nixwiss:

    wir hatten bei delta sehrsehr lasche massnahmen im vergleich zu fast allen andern…

    sehr, sehr lasche massnahmen? also ich habe das so in erinnerung:

    zuerst wurde im spätherbst 2020 maskenpflicht an tram- und bushaltesstellen, sowie an viel frequentierten strassen eingeführt, also draussen! zuschauer wurden aus sportstadien komplett verbannt, indoor, wie outdoor. ebenso aus kinos, theater, museen etc. clubmässiger (mannschafts-) sport und fitness wurde massiv eingeschränkt bis verboten. schulen wurden teilgeschlossen, massentests und massenquarantäne eingeführt. selbst (kleinen) kindern wurden in schulen masken aufgezwungen.

    ab weihnachten 20 bis märz 21 wurden sämtliche restaurants/bars/clubs, also die gesamte gastronmie, während monaten geschlossen. private treffen wurden zahlenmässig beschränkt. selbst unter dem weihnachtsbaum sagte der br wer und wieviele da zu stehen haben.

    wenigstens konnte man in 6 kantonen in skigebieten auf den terrassen gepflegt, bedient, registriert und geschützt essen und trinken. zumindest bis der kanton san galle einen mimimi brief an den br schrieb, dass sie das nicht in ordnung finden, bei ihnen seien die terrassen in den skigebieten schliesslich geschlossen. trotz 6-wöchiger hervorragender erfahrung in den 6 kantonen, hat der br nicht pragmatisch reagiert und sämtliche terrassen in skigebieten freigegeben. nein, er hat einfach alle geschlossen. skifahren durfte man, aber essen nur mit take away gastronomie und sitzplatz im schnee.

    ich will mir gar nicht ausmalen wie jemand lebt, der die massnahmen im winter 20/21 als lasch bezeichnet! aber ich könnte mir durchaus vorstellen, dass es doch aufregendere und abwechslungsreichere leben gibt! :rofl:


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    aber ja wenn du nicht gemerkt hast dass wir phne massnahmen bei delta im arsch gewesen wären ist wirklich jedes gespräch sinnlos

    eben, wie schon x mal erwähnt, nicht ohne, aber mit weniger und vor allem weniger hirnlosen, wären wir genau gleich gefahren.


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    du hast gegen jede massnahme gewetert und wirst es auch weiterhin rückwirkend tun

    und hör mal auf mit deinen „früheren ähnlich gelagerten viren“ verhhleichen…covid ist def. mit nichts 1:1 vergleichbar..man weiss ja auch nach 2 jahren forschung relativ wenig, obwohl bei einem durchbruch x milliarden winken

    nicht gegen jede, nur gegen lockdowns und maskenpflicht. wobei ich den ersten lockdown im märz 2020 immer verteidigt habe. da waren ein paar wochen der orientierung, des sammelns ganz gut. allerdings hätte man ihn nach 3 wochen abbrechen können. alle weiteren lockdowns, oder besser gesagt shutdowns/teilschliessungen, was es bei uns ja war, waren unnötig.


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    Erklär mir den Fehler, finde ihn nicht.

    stimmt, habe ich vergessen!

    früher gab es den spruch, wegen einer grippe gehe ich nicht zum arzt. mit medikamenten dauert sie 7 tage, ohne medikamente 1 woche. also was soll‘s…

    auf corona bezogen: bei früheren, ähnlich gelagerten viren, dauerte die pandemie ohne jegliche massnahmen 1-2 jahre. heute mit sehr restriktiven massnahmen, 2 jahre.

    selbstverständlich gibts zwischen brasilianischem nichtstun und deutschem gesundheitsfaschismus noch einige facetten. eine davon wurde in der schweiz angewendet. aber eben, es hätte trotzdem noch bessere varianten gegeben. aber seit dezember 2021 stimmt der br kurs für mich zu 100%.

    ich habe übrigens nie gesagt, dass man nichts hätte tun sollen. das hat man mir in den mund gelegt. was ich allerdings sagte, dass zur vorinternet zeit die sache massiv entspannter (also mit weniger einschränkungen, hysterie und panikmache) abgelaufen wäre, ohne dass viel mehr menschen schwer erkrankt oder gar gestorben wären.

    hier ein gespräch von einem alien des planeten logik und einer deutschen expertin:

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    du predigst nicht???

    du schreibst andauernd irgendwelche riesen texte und provozierst mit verharmlosungen leute welche persönlich betroffen sind...und sobald konter gibt kommt keine replik bis du wieder einen riesen rundumschlag auspackst oder 100x deine paar wissenschaftler nennst, welche ähhnlich (aber weeeesentlich differenzierter) argumentieren, im wissen, dass sie die ganzganz klare minderheit der experten sind..

    Darum nochmals:

    Du hast von Beginn weg im Unwissen, was der Virus überhaupt, ist eine Durchseuchung gewollt hast, welche A) niemals vor Okimkron geklappt hätte (und wir werden sehen, ob Omikron dieses Problem löst) und B) viel mehr Opfer gefordert hätte. Du behauptest auch jetzt noch dass das viel besser gewesen wäre...

    Sei froh, dass jetzt die Massnahmen weg sind und leg den Thread zu Ruhe...dann wird er wirklich verschwinden. Fakt ist aber, dass Du weiter jammern wirst, wenn du beim Blitzpöstelen eine Maske tragen musst (welch Drama) und dir was fehlen wird, wenn du hier nicht mehr texten kannst

    du hast den kotzsmiley vergessen! :rofl:


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    "dieser fred wird darum auch ab dem tag an dem alle massnahmen aufgehoben werden - und wir dann nicht mehr darüber diskutieren müssen, ob man junge gesunde spieler wegen eines schnupfens tatsächlich an der ausübung ihres berufs hindern soll - kaum mehr beachtung finden."

    dieser thread findet keine beachtung mehr, wenn du mal mit deinen sch.... predigten aufhörst...und das kann noch seeeeehr lange dauern!

    PS: keine grippe mehr? jetzt ein schnupfen....

    :kotz: :kotz: :kotz: :kotz:

    ich predige nicht. ich stelle fragen, ich hinterfrage auf grund von fakten. und wenn 12 symptomlose hcd spieler am spielen gehindert werden ist das ein fakt, welcher entweder mit argumenten oder anderen fakten widerlegt oder relativiert werden kann. einige ziehen es allerdings vor permanent persönlich (beleidigend) zu werden, ohne allerdings die ursprüngliche behauptung/aussage zu widerlegen. kann man natürlich so machen, dann muss man sich aber ehrlicherweise fragen, wer wirklich der prediger ist.


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    Und das kommt mit Ausnahme von Maskentragen vielleicht schneller, als man allgemein denkt...

    Ausstiegsfahrplan: Massnahmen bis Mitte Februar weg - Blick

    tönt gut!

    aber auf folgende scheisse könnte ich gerne verzichten, wer sich unbedingt maskieren will, soll an die fasnacht oder das freiwillig tun…

    Einzig das Masketragen in Innenräumen und öffentlichen Verkehrsmitteln würde uns dann noch von der Normalität trennen, wie wir sie vor Anfang 2020 kannten. Wie lange das Masketragen noch bleibt und ob wir uns künftig wie asiatische Touristen eine Hygienemaske aufsetzen, wenn wir Schnupfen haben oder uns unwohl fühlen, wird sich weisen.

    Weil es diesen Fred gibt, ist in den Hockey-relevanten Freds das Corona-Thema

    ein Faktor - aber nur die effektiven Auswirkungen, nicht das ganze Ausmass der persönlichen emotionalen Empfindungen.

    und genau darum gibt es auch den corona fred II, nur darum.

    dieser fred wird darum auch ab dem tag an dem alle massnahmen aufgehoben werden - und wir dann nicht mehr darüber diskutieren müssen, ob man junge gesunde spieler wegen eines schnupfens tatsächlich an der ausübung ihres berufs hindern soll - kaum mehr beachtung finden.


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    [quote='cm8','https://forum.zscfans.ch/thread/2784-corona-fred-ii/?postID=140793#post140793']

    Ganz Deiner Meinung. Aber einige hier im Forum interessiert es scheinbar mehr als irgendwelche Sport Fred's. Ausser bei ZSC Spielfreds läuft hier nicht mehr viel. Dieser Fred nervt mich nicht mal mehr, ausser das ich es nicht begreife das man sich auch noch hier um dieses Thema zoffen muss. Nun, eine gute Gelegenheit mal einen Monat weg zu bleiben.

    Mannmannmann......

    Wer sagt denn das "irgendwelche Sport Fred's" mehr Gewicht haben als andere Stammtischthemen (wie zum Beispiel Corona oder den von dir sehr wohl akzeptierten R.I.P-Fred)? Das ist allein DEINE Interpretation. Schon mal eine Sekunde daran gedacht, dass diese Meinung vielleicht nicht alle teilen? Leben und leben lassen, schon mal gehört?

    Schlussendlich ist es ein ZSC-Forum. Wenn dir also Stammtischdiskussionen nicht passen, dann schliess den Stammtisch statt immer rumzujaulen. Ich würde dich darin sogar unterstützen, denn dann müsste ICH mich nicht mehr mit dem NFL, Bundesliga, FCZ und was weiss ich noch alles für Freds rumschlagen.

    Ich entschuldige mich jetzt schon für diesen Post, aber du beharrst ja auch darauf, dass keine Fremden Fötzel in "deinen" NFL-Fred reinposaunen wie langweilig dieser Sport doch sei. Machs wie ich, markiere die unerwünschten Freds als gelesen und lass die daran interessierten Personen weiterdiskutieren.

    [/quote]

    schön gseit! :applaus:


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    wäre omikron nur 5-10 % gefährlicher, wären wir im arsch mit den aktuellen zahlen und es wusste ausser roli niemand in den ersten wochen, dass omikron wirklich MEHRHEITLICH (und MIR tun alle fälle sehr leid bei denen es nicht so ist) grippe-ähnlich ist und somit zumindest für die nächsten monate wohl enspannung bringen dürfte

    ja, wenn…wenn meine grossmutter räder hätte, wär sie ein züri tram! aber ja, wäre omikron 5-10% gefährlicher, hätten wir jetzt tatsächlich ein problem! wenn…

    ABER: nicht nur ich konnte die tatsächliche gefährlichkeit von omikron vorhersagen, auch der bundesrat kann scheinbar lesen, sich informieren und interpretieren. und er hat darum wie ich (und alle anderen, welche das wollten) mitbekommen, dass keine 2 wochen nach der sequenzierung der omikron variante, aus südafrika, entwarnung kam. die infektionszahlen schnellten zwar in die höhe, aber die spitaleinweisungen sind parallel dazu massiv zurück gegangen. jeder der das recherchieren wollte, konnte es auch. der br hat das scheinbar auch getan und deshalb richtigerweise abgewartet/beobachtet. ich machte ja meine omikron prognosen auch nicht aus der kristallkugel, sondern aus genau diesen studien/meldungen aus südafrika.

    sollte aber nochmals eine gefährlichere mutation kommen also omikron wäre ich dann gespannt was unser hobbyprophet und blabberi dann blubbert

    sollte/könnte kommen, ein weiterer konjunktiv…aber wenns dann so ist: kommt auf die gefährlichkeit der variante an. wie schon erwähnt, falls nicht gefährlicher als die letzten 22 monate, kein problem, braucht keine neuen massnahmen, bis dann haben wir herden- und kreuzimmunität.

    zum glück gibts roli, aufrecht schweiz, bündnis der urkantone, freunde der verfassung welche dann aber abstimmungsresultate nicht akzeptieren usw...die wissen wie der hase läuft und was uns wirklich gut tut...

    nö, mit denen habe ich nichts am hut. gar nix, maximum so viel wie mit wuhan niederhasli. aber dafür mit ganz vielen experten, welche sehr sachlich, genau analysierend und somit pragmatisch unterwegs sind. experten, welche von allem anfang an aus dem diskurs ausgeschlossen wurden. und dass nur aus dem grund, weil sie die panikmache und lockdown strategie nicht bedingungslos unterstützten, sondern es gewagt haben, das ganze zu hinterfragen. hervorheben möchte ich hier vor allem john ioannidis, professor für medizin und professor für epidemiologie und bevölkerungsgesundheit an der stanford university. ioannidis gehört zu den meistzitierten wissenschaftlern unserer zeit und er gilt ausserdem als DER führende epidemiologe weltweit. im märz 2020 kritisierte ioannidis in einem editorial auf der website STAT den mangel an empirischen belegen bei der politischen entscheidungsfindung in der globalen reaktion auf die covid-19-pandemie und nannte sie ein „evidenz-fiasko, wie es in einem jahrhundert nur einmal vorkommt“.

    ab dann wurde ioannidis in den mainstream medien nicht mehr erwähnt. und wenn, höchstens negativ, als schwurbler wissenschaftler. lieber hörte man fortan auf komiker wie lauterbach oder drosten, welcher schon in 2 „pandemien“ mit seinen vorhersagen komplett daneben lag.

    wenn ich bild, nau, weltwoche oder auch inside paradeplatz zitiere, dann nicht deren redaktionellen teil, sondern artikel, welche ursprünglich zb. von ioannidis oder anderen koriphäen stammen. weil sie aber nicht dem offiziellen narrativ entsprechen, bekommen sie in den mainstream medien kein gehör und keinen platz mehr und werden eben nur noch in eigentlich „fragwürdigen“ medien publiziert.

    ein weiterer grund, warum sich die zeugen coronas im kreis drehen. sie akzeptieren nur artikel aus medien, welche ihnen genehm sind und verpassen so den nötigen diskurs. ich lese alles über corona, egal welches medium der absender ist. mich interessiert nur der inhalt. nur so bekommt man den gesamten überblick und kann sich eine objektive meinung bilden. wenn ich nur das lese, was meinen narrativ und meiner meinung entspricht, kann ich das lesen auch sein lassen.


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    Nicht zu fest aus dem Fenster lehnen, als Beobachter sehr einfach, jedoch als Verantwortungsträger, wo alle von dir ein Entscheid bzw. eine Vorhersage wollen und klare Fakten fehlen, kannst du eigentlich nur verlieren. Hinzu kommen noch alle die unbeirrt ihre Interessen vertreten und versuchen zu beeinflussen. Genau genommen ist es ein Verteilungskampf mit vielen Verlierern.

    ein verantwortungsträger muss auch verantwortung übernehmen. sonst müsste man ihn selbstredend nicht so nennen. mir ist aber nicht bekannt, dass die taskforce mitglieder für ihre massiven fehleinschätzungen, und den daraus resultierenden falschen/teuren massnahmen, je zur kasse gebeten wurden oder mindestens zurückgetreten sind von ihren ämtern!

    ist die ähnliche verantwortung, wie die eines ceo‘s, welcher eine firma an die wand fährt, sich mit x millionen auszahlen lässt, hunderte/tausende mitarbeiter dem staat/rav überlässt, einen abgang macht um einige zeit später dasselbe schlamassel an einem anderen ort anzurichten. womit wir beim verteilkampf mit vielen verlierern sind.

    und long covid, ein möglicher Schrumpf-Penis und all die vielen Kinder im Spital und eigentlich sollten wir alle den Rest des Lebens zu Hause bleiben, damit uns nichts passiert.

    das mit dem schrumpfpenis habe ich gestern auch gelesen. waren die ersten 2 sekunden seit 22 monaten, als mir covid wirklich sorgen/angst machte! :rofl:


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    us em tagi:

    «Alter Held? Ich möchte ein neuer Held werden»

    Seit 19 Jahren ist Blerim Dzemaili (35) Profi. Er möchte sein Fussballer-Leben nicht noch einmal durchmachen, aber seinen FCZ noch einmal erbeben lassen.

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    Ueli Kägi, Florian Raz

    Publiziert am 28. Januar 2022 um 20:00 Uhr

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    Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Clubs: Blerim Dzemaili vor dem neuen FCZ-Campus im Schwamendinger Heerenschürli.

    Foto: Urs Jaudas

    Endet alles so, wie es begonnen hat? 2006 Ihr erster Meistertitel mit dem FC Zürich als junger Spieler. Und jetzt, 16 Jahre später …

    An den Meistertitel dürfen wir zum jetzigen Zeitpunkt nicht einmal zu denken wagen.

    Aber es hat sich doch nichts verändert seither: 2007, als Sie zum zweiten Mal Meister wurden und den Club dann verliessen, kämpfte der FCZ wieder mit Basel um den Titel. Und nun stehen die beiden Rivalen erneut an der Spitze.

    (Lacht.) Doch, vieles hat sich verändert. Und ich habe in dieser Saison von Anfang an gesagt, dass YB die individuell stärksten Spieler hat. Als wir YB 1:0 besiegen konnten, war der Gegner aus meiner Sicht die bessere Mannschaft. Aber unser Erfolg zeigt, was für einen Teamgeist wir haben.

    Denken Sie nie daran, welche Wahnsinnsgeschichte es wäre, wenn Sie Ihre Rückkehr mit dem Titel krönen könnten?

    Damit werde ich täglich konfrontiert, weil mich Leute darauf ansprechen. Anfang Saison haben allerdings viele gesagt: «Du, wenn ihr nicht noch zwei, drei Spieler holt, seid ihr Abstiegskandidat Nummer 1.» Und jetzt sollen wir Meisterkandidat Nummer 1 sein? Ich bin seit 19 Jahren Profi. Ich weiss, wie schnell sich alles ändern kann. Darum: Mit den Füssen auf dem Boden bleiben und unsere Spielfreude auf den Platz bringen. Und wenn wir im Frühling noch immer dort stehen, wo wir jetzt sind, können wir vom Titel reden.

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    Jüngling, Publikumsliebling, Meister: Der 20-jährige Dzemaili mit Alhassane Keita bei der Meisterfeier 2006.

    Foto: Walter Bieri (Keystone)

    In der vergangenen Saison war der FCZ Abstiegskandidat, jetzt steht er auf Platz 1. Dazwischen liegt ein Trainerwechsel. Was macht André Breitenreiter so besonders?

    Er ist eine der wichtigsten Personen im Verein. Er strahlt eine Ruhe aus, die den Druck wegnimmt. Und er hat seine Spielphilosophie. Er will, dass wir jeden Gegner hoch angreifen. Und wenn einer so viel Erfahrung hat wie er, hören die Spieler auch auf ihn und sagen: Okay, von dem kann ich was lernen. Er spürt die Spieler und weiss, wie er ihnen Selbstvertrauen geben kann. Und mit Selbstvertrauen bist du ein ganz anderer Spieler als ohne.

    Das gilt auch für Sie. Sie waren vergangene Saison in einem tiefen Loch. Jetzt sind Sie Leaderfigur.

    Nach seiner Ankunft kam Breitenreiter gleich nach dem ersten Training zu mir und sagte: «Du hattest eine schwierige letzte Saison. Aber ich will, dass du einen würdigen Abgang hast. Du bist eine Clublegende.» Er findet oft den richtigen Ton – auch bei mir.

    Hätten Sie letzte Saison jemanden gebraucht, der Sie nach 14 Monaten ohne Ernstkampf gebremst hätte? Sie haben sich doch zu viel aufgeladen.

    Ich habe etwas getan, das ich wahrscheinlich bei keinem anderen Club getan hätte: Ich habe gespielt, obwohl ich nicht fit war. Ich hatte Schmerzen, konnte nicht sprinten. Aber ich habe gespürt, dass die Mannschaft mich braucht. Da gehst du auch mal ein Risiko ein. Aber es war schwierig, bei uns hat vergangene Saison nicht alles gepasst. Und ich bin keiner, der eine Partie im Alleingang entscheiden kann.

    2006 waren Sie der Jungstar beim FCZ. Jetzt sind Sie als Doyen zurückgekehrt. Welche Rolle ist schöner?

    Meine Karriere war lang. Ich hatte Verletzungen, ich musste wieder von null beginnen. Wenn ich ganz ehrlich bin: Das möchte ich nicht noch einmal alles durchmachen. 14 Jahre im Ausland, weg, weit weg von der Familie: Auch das raubt Kraft. Ich bin froh, dass ich heute mit bald 36 Jahren hier bin. Ich fühle mich in meiner jetzigen Rolle viel entspannter als damals, als ich 19, 20 Jahre alt war und die ganze Karriere vor mir hatte. Ich war ja auch nicht sicher, was die Zukunft bringt. Mein Kreuzbandriss (im April 2007, kurz vor dem zweiten Titelgewinn) hätte auch das Karrierenende bedeuten können.

    Entspannter also – auch zufrieden?

    Absolut. Mir war immer klar, dass ich kein riesiges Talent bin. Aber ich habe täglich an mir gearbeitet. Nach dem Kreuzbandriss hatte ich diese Angst, nicht mehr zurückzukehren. Dass ich später bei Napoli, an vielen anderen Orten in Italien oder bei Galatasaray in Istanbul spielen würde, hätte ich damals nie gedacht.

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    Sportlich auf dem Höhepunkt: Dzemaili im März 2013 beim 1:1 im Serie-A-Spitzenspiel mit Napoli gegen Juventus und Claudio Marchisio.

    Foto: Federico Tardito (Freshfocus)

    Was bedeutete Ihnen die Rückkehr zum FCZ vor einem Jahr?

    Sehr viel. Der FCZ hat mir alles ermöglicht. Als ich zurückkam, sind wir zweimal zusammengesessen, dann hatten wir den Vertrag. Ich wollte einem Verein helfen, der in den vergangenen Jahren Probleme hatte.

    Als Sie gekommen sind, haben Sie nicht nur eine Liebeserklärung an den FCZ abgegeben, sondern auch an die Stadt Zürich. Ist es so schön, wie Sie es sich vorgestellt haben?

    Fast noch schöner. Wenn du viel umherziehst, merkst du gar nicht, wo du hingehörst. Ich hatte einmal die Idee, dass ich später in Mailand leben könnte. Das ist nahe an der Schweiz und nahe bei meinem Sohn (Dzemaili ist geschieden, sein Sohn Luan lebt mit der Mutter in Norditalien). Aber dann habe ich mir überlegt: Moment mal. Aufgewachsen bin ich in Zürich. Hier fühle ich mich daheim! Und als ich aus China zurückgekehrt bin, war für mich klar: Ich will in Zürich sein. Hier habe ich den Respekt der Leute, hier fühle ich mich wohl.

    Wie ist es denn, als alter Held durch die Heimatstadt zu wandeln?

    Klar schauen mich viele Leute an. Doch während hier nur geschaut wird, kommen im Ausland die Leute sofort zu dir. In Zürich kann ich gut abschalten, ohne Problem in ein Café gehen. Was ich aber zum alten Helden noch sagen möchte: Viel lieber würde ich ein neuer Held werden (lacht).

    Werden Sie in der Stadt darauf angesprochen, dass der FCZ Meister werden könnte?

    Sehr oft. Im Moment ist eine unglaubliche Euphorie da. Wir hingegen versuchen, das Feuer eher etwas einzudämmen. Und es dann vielleicht im Mai …

    … wieder zu entfachen. Wo bewegen Sie sich denn in der Stadt?

    Ich bin viel am See, viel in der Stadt. Ich bin ein Stadtzürcher, in Oerlikon aufgewachsen. Und ich habe Mühe mit dem Gedanken, ich müsste mal ausserhalb der Stadt leben. Zürich bietet so viel und ist so viel lebendiger geworden. Früher ging man unter der Woche um neun Uhr nach Hause. Weil alle immer nur an die Arbeit gedacht haben. Obwohl Zürich klein ist: Heute fühlt es sich für mich wie eine Grossstadt an.

    Sie sind als Kind von Mazedonien nach Zürich gekommen. Haben Sie sich sofort zu Hause gefühlt?

    Es war für mich wirklich immer einfach. Ich bin hierhergekommen, weil mein Vater hier gearbeitet hat. Ich habe ihn in den ersten Jahren meines Lebens wenig gesehen. Dass ich zu ihm kommen konnte, war das Schönste. Und dann hier leben zu dürfen! Wenn du jung bist, merkst du gar nicht, welch ein Privileg du hast. Ein Kollege von mir, der aus Kosovo stammt, sagt seinen Kindern jedes Mal, wenn sie in die Schweiz zurückkommen: «Küsst den Boden, es gibt keinen besseren.» Ich würde meinen Sohn sofort hier aufwachsen lassen.

    Sie waren als Kind von Ihrem Vater getrennt. Jetzt sind Sie von Ihrem Sohn getrennt, weil er in Italien bei der Mutter lebt. Wie gehen Sie damit um?

    Im Moment ist es schwierig. Ich nutze die Nationalmannschaftspausen und die Ferien, um Zeit mit ihm zu verbringen. Er ist mir extrem wichtig, und ich merke, wie sehr er mich braucht. Wir telefonieren täglich. Er ist der Hauptgrund, warum ich nicht sicher bin, ob ich noch eine Saison anhänge. Wäre er in meiner Nähe, würde ich spielen, bis der Körper sagt: Es ist vorbei, du kannst nicht mehr.

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    Und über allem steht Sohn Luan: Dzemaili an der Euro 2016 in Frankreich nach dem 1:0 gegen Albanien.

    Foto: Reto Oeschger

    Zehn Clubs in sechs Ländern – wo war es am schönsten?

    Ganz klar in Italien. Die Lebensweise entspricht mir total, sie hat eine gewisse Nähe zu Mazedonien. Bevor ich zu Bolton bin, hätte ich auch zu Juventus oder zu Milan gehen können. Aber ich war total auf die Premier League fixiert. Ich sass bei Milans Sportchef Ariedo Braida im Büro, er wollte mich unbedingt, doch ich dachte: Nein, nein. 2007 war ich dann mit Krücken im Stadion, als Milan die Champions League gewann, und dachte: «Du Blödmann. Bei diesem Team könntest du ab Sommer spielen!» Der Wechsel nach England war im Nachhinein ein Fehler. Als ich dann später doch noch nach Italien ging, wollte ich nicht mehr weg.

    Die Clubs in Italien also waren für Sie der Höhepunkt Ihrer Karriere. Und Bolton der Tiefpunkt?

    Nein, das war die Nationalmannschaft – bis Vladimir Petkovic Trainer wurde. Mit 19 erhielt ich mein erstes Aufgebot. Ich dachte: Wow! Mein Weg zum Stammspieler schien vorgezeichnet, es war wie im Traum. Dann erlitt ich 2007 meine Verletzung und rannte dem Nationalmannschafts-Zug ständig hinterher, ohne dass ich ihn einholen konnte. Der Pfostenschuss im WM-Achtelfinal gegen Argentinien 2014 steht als Sinnbild für meine Ära in der Nationalmannschaft unter Hitzfeld.

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    Was für ein Drama: Blerim Dzemaili köpfelt den Ball in der 121. Minute zuerst an den Pfosten und lenkt ihn danach mit dem Schienbein am Tor vorbei. Die Schweiz verliert den WM-Achtelfinal 2014 gegen Argentinien 0:1.

    Foto: Reto Oeschger

    Vor Ihrer Rückkehr haben Sie bei Shenzhen kein einziges Spiel gemacht. Hat es in China wirklich nur wegen Corona nicht funktioniert?

    Als das Virus richtig ausbrach, waren wir gerade in Europa im Trainingslager. Danach konnten wir monatelang nicht nach China einreisen. Und als wir endlich dort waren, fragte mich der General Manager: «Willst du nicht noch etwas Pause machen?» Ich verstand gar nicht, was er wollte. Dann war Trainer Donadoni, der mich verpflichtet hatte, nach drei Spielen bereits entlassen. Und nach zwei Monaten schickten sie mich hinterher.

    Das Geld haben Sie trotzdem erhalten?

    Ja, einen grossen Teil davon.

    Hatte der Entscheid, nach China zu gehen, vor allem finanzielle Gründe?

    Ich bin zwar ein neugieriger Typ und freute mich auf China. Aber natürlich: Die finanzielle Seite war wichtig. Ich war 33 und hatte die Chance auf einen Zweijahresvertrag. Es war für mich klar, dass ich unterzeichne.

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    Eine Karriere, 21 Trikots: Blerim Dzemaili nach seiner Rückkehr zum FCZ.

    Foto: Toto Marti (Freshfocus)

    Als Sie nach Zürich zurückkehrten, redeten Sie von Ausbildungen, die Sie neben dem Fussball absolvieren. Wo stehen Sie?

    Ich habe mein Fernstudium in Sportmanagement abgeschlossen und sehe in diesem Bereich auch meine Zukunft. Trainer möchte ich nicht werden. Wenn man selbst eine gute Karriere gemacht hat, verlangt man von Spielern vielleicht Dinge, die diese vielleicht nicht umsetzen können.

    Ihr Vertrag läuft im Sommer aus. Steigen Sie dann auf dem FCZ-Campus gleich von der Garderobe aus einen Stock höher?

    Nein, nein. Ich will nach der Karriere fünf, sechs Monate den Kopf durchlüften.

    Aber das Ziel, dass Sie einmal FCZ-Sportchef sein möchten, haben Sie doch schon als junger Fussballer ausgerufen.

    (Lacht.) Es hat sich vieles verändert seither. Die Situation mit meinem Sohn wird mir viel Flexibilität abverlangen. Darum kann ich mir auch vorstellen, eine eigene Managementfirma zu eröffnen.

    Das heisst: Spielerberater.

    Ja. Im Moment aber schaue ich nur auf das Hier und Jetzt – und darauf, ob ich hier als Spieler weitermachen will. Jeder sagt: «Hänge noch ein Jahr an, hänge noch ein Jahr an.» Und dann sagt jeder: «Aber wenn ihr Meister werdet, wäre es schon … »

    … ein perfekter Abgang.

    Und darum: Keine Ahnung (lacht).