Von wegen, er ändere nichts
Mitten in der Saison nicht nur den Trainer, sondern auch die Spielweise zu wechseln, birgt Risiken. Was die ZSC Lions gerade tun, interessiert darum auch die Coachs der Konkurrenz.

Kristian Kapp
Publiziert heute um 11:30 Uhr
Neuer Trainer, neues System: Marc Crawford an der Bande der ZSC Lions.
Foto: Claudio Thoma (Freshfocus)
Nach Trainerwechseln tendieren die Neuen häufig dazu, zu betonen, dass sie so viel gar nicht verändern wollen. Es dürfte sich dabei wohl um einen Mix aus Respekt gegenüber dem Vorgänger und dem Dämpfen der Erwartungshaltung handeln. Auch Marc Crawford sagte dies, als er kurz vor Silvester 2022 als Nachfolger des entlassenen Rikard Grönborg präsentiert wurde. Er sagt diesen Satz auch heute noch immer wieder, nach seinen ersten zehn Spielen mit vier Siegen und sechs Niederlagen. Doch je länger man mit ihm spricht, desto klarer wird: Eigentlich hat er doch einiges verändert am ZSC-Spiel. Einiges ist auch offensichtlich, da lohnt es sich nicht, verheimlichen zu wollen.
Diese vier Siege und sechs Niederlagen Crawfords, sie haben eine spezielle Abfolge: Es begann mit zwei Siegen, und da gibt er offen zu: «Der Energie-Boost, den du nach Trainerwechseln grundsätzlich immer hast, half da.» Danach folgten die sechs Niederlagen hintereinander und nicht nur das: «Wir hatten auch Mühe. Weil Wandel eben Zeit benötigt», sagt Crawford. Mittlerweile war er am Punkt angekommen, an dem er eben Veränderung vornahm: «Ändern wollten wir das Tempo, mit dem wir spielen. Wir setzten also die Schnelligkeit über die Kontrolle, auch im Training.»
Kontrolle oder Tempo?
In diesem kleinen, harmlosen Satz steckt so viel Veränderung, wenn nicht gar eine komplette Philosophie-Frage. Grönborgs Eishockey stand in vielen Situationen genau für das: Kontrolle. Die begann bereits im Aufbau mit den häufigen verzögernden Pässen von Verteidiger zu Verteidiger. Und wenn danach der Puckverlust in der neutralen Zone drohte, dann spielte der Stürmer den Puck auch mal zurück zu den Verteidigern, und das Spielchen begann von vorne. «Ein wenig Rugby-Style»: So beschreibt es ein Coach eines anderen NL-Teams. Fünf davon sollen hier auch zu Wort kommen. Denn auch sie verfolgen interessiert, was sich beim ZSC, der den Trainer auf Rang 3 liegend wechselte, gerade tut.
Die Suche nach Kontrolle, sie war unter Grönborg auch beim Kreieren der Torchancen in der offensiven Zone offensichtlich. Der hohe Skill-Level des Teams wirkt natürlich einladend, viele, viele Pässe spielen zu wollen, bis sich die optimale Schusschance ergibt. Und es kann durchaus den Gegner frustrieren, so selten in Puckbesitz zu sein.
Ein Rückkehrer: Marc Crawford wirkte bereits einmal erfolgreich in Zürich: Hier stemmt er am 19. April 2014 nach einem ZSC-Sieg im vierten Finalspiel in Kloten den Pokal.
Foto: Urs Lindt (Freshfocus)
Dennoch tickt Crawford da anders. Er will den schnellen, direkten Aufbau, das dadurch hektischere Spiel inklusive unerlaubter Befreiungsschläge nimmt er vorerst zähneknirschend in Kauf: «Die Icings sind ein Nebenprodukt, das wir hoffentlich schon bald minimieren können. Viele Spieler wollen es extra schnell machen und forcieren die Pässe.»
Und Crawford will auch in der Offensivzone weniger Zeit verlieren. Zuletzt waren häufig von hinter dem Tor in den Slot «geworfene» Pucks auf heranbrausende Stürmer zu sehen, wo bis zum Trainerwechsel vielleicht eher ein Pass auf die blaue Linie zum Verteidiger gefolgt wäre. Von hinter dem Tor direkt der Pass in den Slot auf den schussbereiten Stürmer: Viele ähnliche Torchancen aus den letzten fünf ZSC-Spielen. Videos: Mysports
Das ist zwar kein einstudierter Spielzug, den Crawford einfordert, aber eine Folge dessen, dass er den Puck so schnell wie möglich aufs Tor gebracht haben will. Bislang führte dieser Play vor allem «bloss» zu Gefahr, nicht aber Toren. Doch der Kanadier ist überzeugt: Wer dies häufig tue, dem würden die Zahlen irgendwann recht geben.
«Dieses ‹Schnell-den-Puck-aufs-Tor-Hockey›, man könnte es auch Old School nennen», sagt ein anderer NL-Coach, «aber es ist in Kombination mit der intensiver gewordenen Störarbeit ohne Puck halt schon sehr aggressiv, so richtig ‹Mitten-in-die-Fresse-Hockey›.» Ein anderer findet: «Ich könnte sagen: Das ist halt kanadisch. Aber das wäre Blödsinn, da auch in der NHL nicht mehr nur so gespielt wird. Es ist eher typisch Crawford.»
Wo Crawford nichts veränderte
Ganz falsch ist Crawfords Aussage von wegen «nicht viel geändert» natürlich auch nicht. Da gibt es mindestens zwei Gründe dafür. Der eine: «Die defensive Struktur haben wir nicht verändert, die war ja vorher schon sehr gut: Die Spieler wissen wirklich, was sie in der eigenen Zone zu tun haben.» Das ist nicht nur Honig um des Vorgängers Mund geschmiert, denn die ZSC Lions waren fast die ganze Saison lang eines jener Teams, gegen die es besonders schwierig war, gute Torchancen zu kreieren. Man könnte überspitzt sogar sagen, dass sie damit langweilen konnten, wenn sie aus dem gegnerischen Spiel das Leben heraussaugten.
Ein anderer NL-Coach sagt zwar, dass die Verlockung, als neuer Trainer vieles zu verändern, riesig sei: «Du hast zehn oder elf Ideen und willst zeigen, dass du diese auch umsetzen kannst.» Doch das sei der vielleicht falscheste Weg: «Verwerfe alle ausser zwei. Betone dafür immer wieder, dass die Mannschaft diese zwei besonders gut umsetzen muss.»
Und das ist der zweite Grund: Der neue ZSC-Coach ist diesbezüglich ein gebranntes Kind, auch wenn es schon eine gefühlte Ewigkeit her ist: Es war Januar 1999 und Crawford ein 37 Jahre junger Trainer, der in Vancouver Trainerlegende Mike Keenan ablöste. Er habe einfach alles umstellen wollen und habe damit für ein Desaster und viele Niederlagen gesorgt, erinnert sich Crawford.
Die Suche nach der Balance
«Die Spieler in dieser Liga sind gut genug dafür, du kannst mitten in der Saison eine komplett neue Spielphilosophie einführen», sagt ein NL-Trainer, der diesbezüglich aus eigener und erfolgreicher Erfahrung spricht. «Aber du brauchst Geduld.» Um jene der Verantwortlichen nicht zu sehr zu strapazieren, helfen natürlich Siege. Zuletzt gewannen die Lions zweimal in Serie.
Crawford sucht dennoch immer noch in vielen Belangen die Balance. Er stellt die Linien häufig um, bringt immer wieder andere Spieler vom Farmteam. «Auch Kadertiefe kannst du für Tempo und Intensität nutzen. Darum setzen wir all diese Spieler von GCK ein oder geben einem Kyen Sopa in einzelnen Partien grössere Rollen. Das ist eine ZSC-Stärke.» Und er muss das aggressive Spiel noch justieren. Denn es ist nicht zuletzt das zu forsche Spiel, das den Gegnern auch Überzahl-Konter erlaubt. Zu aggressiv, zu tief zu viert in der Offensivzone: So offerieren die ZSC Lions mit ihrem forschen Stil auch Überzahl-Konter für die Gegner. Videos: Mysports
«Immer, wenn du Systeme änderst, gibt es eine Phase, in der du zwischen zwei Dingen gefangen bist», sagt Crawford. «Zudem hast du Spieler, die den Wechsel lieben, weil es für sie ein Neustart ist. Andere hingegen stören die Wechsel zunächst.» Er selbst werde die Geduld nicht verlieren, auch wenn Siege und Tore bislang zu rar waren: Die Tordifferenz (ohne Penaltyschiessen und Empty Netter) in zehn Spielen lautet 21:22, sie spiegelt vieles korrekt wieder. «Wenn meine Erfahrung mir irgendwo hilft, dann sicher da: Geduld», sagt Crawford. «Denn ich glaube daran, dass das, was wir tun, richtig ist. Du kannst da nicht plötzlich abweichen, das wäre sehr kontraproduktiv.»

Pleiten, Pech und Pannen: ZSC-Goalie Waeber liegt verletzt neben dem Tor, Servettes Tömmernes bejubelt das 3:0.
Foto: Ennio Leanza (Keystone)