Quelle: NZZ
650 Millionen Dollar und Hollywood-Flair: Die Seattle Kraken erobern die NHL
Nach 97 Jahren Abstinenz kehrt die Musikhochburg Seattle als 32. Team in die NHL zurück. Das Comeback kostet viel Geld – es wird unter anderem vom legendären Filmproduzenten Jerry Bruckheimer bereitgestellt. Zum ersten Kader könnten ab Mittwoch auch Schweizer Profis gehören.
Nicola Berger16.07.2021, 12.47 Uhr
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Spielt der Schweizer Dean Kukan (links) künftig in Seattle?
Imago
Seattle hat der Welt vieles gegeben, Musik vor allem: Jimi Hendrix, Nirvana, Pearl Jam, die Riot-Grrl-Bands der 1990er, The Briefs. Aber was den Profisport angeht, fristet die progressive Westküstenmetropole bis anhin ein eher unscheinbares Dasein. Gewiss, die Seahawks gehören im American Football seit Jahren zur Elite und gewannen 2013 den Super Bowl. Aber sonst?
Die Basketballer der SuperSonics verliessen die Stadt nach einem Disput ums Stadion vor 13 Jahren in Richtung Oklahoma City. Die lange vom Technologiekonzern Nintendo kontrollierten Baseballer der Mariners haben in 44 Jahren null Titel gewonnen. Und in der NHL war Seattle seit 1924 überhaupt nicht mehr vertreten. Das ändert sich nun: 650 Millionen Dollar Lizenzgebühr hat eine Investorengruppe um den Filmproduzenten Jerry Bruckheimer («Con Air», «Armageddon», «Pearl Harbor») bezahlt, damit Seattle ab dem Herbst als 32. Team zur besten Eishockey-Liga der Welt gehört.
Die Kosten für den Zutritt zur boomenden Liga sind in den letzten Jahren explodiert: Die Philadelphia Flyers hatten 1967 noch 2 Millionen Dollar zu entrichten, bei den Minnesota Wild waren es zur Jahrtausendwende 80 Millionen und beim Liga-Eintritt der Vegas Golden Knights 2017 bereits 500 Millionen. Für die milliardenschweren Besitzer ist es trotzdem ein lohnendes Geschäft; Teams in den grossen vier Profisport-Ligen Nordamerikas sind trotz der Pandemie dank exorbitanten Medienrechts-Verträgen vor allem eines: Gelddruckmaschinen.
Nirvana-Platten in der Zeitkapsel
Die Seattle Kraken haben in den letzten Monaten einige Merchandise-Rekorde gebrochen. Bei der Namensfindung trafen die Macher einen Nerv, Bruckheimer und Co. hatten sich mit fünf Möglichkeiten befasst. 2020 steckten sie in einer PR-Aktion einen versiegelten Umschlag mit den fünf Namen in eine Zeitkapsel in Seattles Wahrzeichen, den Space Needle, dazu: eine Aktie des Inhabers der Namensrechte für das Stadion und Nirvana-Platten. 2062 soll das Geheimnis gelüftet werden, dann soll sich in der Retrospektive zeigen, ob Kraken die richtige Wahl war.
Im Kampf um Aufmerksamkeit und Relevanz ist jedes Mittel recht, es dürfen gerne auch sinnfreie Sätze sein. Ron Francis, der General Manager Seattles, sagte etwa, es sei existenziell wichtig, dass der Name und das Logo etwas auslösten, wenn man sich das Trikot überstreife: Stolz nämlich. Und es soll sich bitte schön auch nobel anfühlen. Nun ist ungeklärt, wo genau die Noblesse eines blindwütig tötenden, aus nordischen Sagen bekannten, fiktiven Monsters mit einer endlosen Anzahl Tentakel zu finden ist. Aber die Wahl fiel trotzdem auf Kraken – was gut zum Investor Bruckheimer passt. Seine «Fluch der Karibik»-Reihe mit Johnny Depp hat das Ungeheuer auch in Hollywood zum popkulturellen Phänomen gemacht.
Ehe die Kraken am 12. Oktober mit dem Rest der Liga in die Saison 2021/22 starten, brauchen sie ein Team. Bis dato steht mit dem kanadischen Stürmer Luke Henman ein einziger Spieler unter Vertrag. Das wird sich am Mittwoch ändern, im Expansion-Draft; Seattle darf sich dann von allen 31 Teams einen Spieler aussuchen – die Konkurrenz darf jeweils 10 Spieler benennen, die nicht selektioniert werden können. Das Prozedere bietet fast endlose Möglichkeiten, die Szenarien halten die Liga seit Monaten auf Trab.
Es dürfte für Seattle eine Herausforderung werden, den Draft ähnlich erfolgreich zu gestalten, wie dies vor vier Jahren die Golden Knights taten. Vegas liess sich von manchen Teams üppig dafür kompensieren, dass es von gewissen Spielern abliess. Und erreichte gleich in der ersten Saison des Bestehens sensationell den Stanley-Cup-Final.

Dave Hakstol wird Headcoach der neuen Franchise.
Matt Rourke / AP
Kukan als möglicher Zuzug
Zum Spielerpool, aus dem sich der Sportchef Francis bedienen darf, könnten auch Schweizer gehören. Doch die grossen Namen – Roman Josi, Nino Niederreiter, Kevin Fiala, Timo Meier und Nico Hischier – werden von ihren Arbeitgebern keine Freigabe erhalten. Am realistischsten scheint aus heutiger Warte, dass der 28-jährige Verteidiger Dean Kukan von den Columbus Blue Jackets den Weg nach Seattle findet.
Der Expansion-Draft in der Nacht auf Donnerstag dürfte exzellente Unterhaltung bieten; anzunehmen ist, dass prominente Söhne und Töchter Seattles die Selektionen ankündigen. Mit öffentlichkeitswirksamen Inszenierungen kennen sich Bruckheimer und Co. aus. Der Expansion-Draft wird in Nordamerika live übertragen, wer einen Stream findet, kann auf ESPN 2 den Einschätzungen des früheren ZSC-Centers Dominic Moore lauschen.