INTERVIEW
«Jemand muss den EV Zug stoppen. Das wollen wir sein»: Der neue ZSC-Abwehrchef Dean Kukan hat eine Kampfansage für den Meister
Nach elf Jahren in Schweden und in Nordamerika kehrt der Zürcher Dean Kukan mit einem Fünfjahresvertrag zu den ZSC Lions zurück. Im Interview erzählt er, wie er mit dem Coach John Tortorella aneinandergeriet. Und weshalb er sich bereits mit 29 für die Heimkehr entschied.
Interview: Nicola Berger (NZZ)
Bald wieder im ZSC-Dress: Dean Kukan, hier im März noch in Diensten seines langjährigen Arbeitgebers Columbus Blue Jackets.
Timothy T. Ludwig / Reuters
Wieso wechselt man mit 29 Jahren im besten Alter von der NHL in die Schweiz, obwohl es dort noch eine Zukunft hätte geben können?
Das Management in Columbus hat mir vor dem Transferschluss im März mitgeteilt, dass ich im Sommer keinen neuen Vertrag mehr erhalten werde. Natürlich hätte ich den Sommer abwarten und woanders unterschreiben können. Aber es kann ja niemand mit Sicherheit sagen, dass es dort besser geworden wäre. Ich bin jetzt 29. Und habe in den letzten Jahren meist wenig gespielt und war manchmal überzählig. Es macht keinen Spass, wenn du pro Abend zehn Minuten zum Einsatz kommst. Ich will Verantwortung übernehmen und gebraucht werden. Das kann ich in Zürich. Hinzu kommt der familiäre Aspekt: Wir erwarten im September das zweite Kind. Es ist viel wert, wenn ich jeden Abend zu Hause schlafen kann.
Hat der General Manager Jarmo Kekäläinen den Entscheid begründet?
Eigentlich nicht. Das muss er auch nicht, so ist halt das Business. Ich glaube, sie wollten das Team weiter verjüngen. Ich war mit 29 letzte Saison schon der älteste Verteidiger.
Wenn klar war, dass der Vertrag nicht verlängert wird: Weshalb wurden Sie dann nicht transferiert?
Das ist eine gute Frage, ich wüsste es auch gerne. Mein Agent (André Rufener, die Red.) hat ziemlich Druck gemacht. Vielleicht hätte das eine neue Perspektive ergeben. Aber es ist schon gut, so wie es gekommen ist. Jetzt freue ich mich auf die Heimat, auf den ZSC.
Sie haben die letzten sieben Jahre in der Organisation der Blue Jackets verbracht, was bleibt von dieser Zeit?
Ich bin 2015 nach Nordamerika gegangen, um es in die NHL zu schaffen. Das ist mir gelungen. Klar hätte es besser laufen können. 152 Spiele, das ist nicht so viel. Aber ich bin zufrieden. Es war eine coole Zeit, ich habe gute Freunde gefunden und durfte Play-off-Hockey spielen. Jetzt ist es Zeit für ein neues Kapitel.
Die ersten zwei Jahre spielten Sie in der Farmteam-Liga AHL. Standen Sie in jener Zeit nie vor dem Aufgeben, vor der Rückkehr nach Europa?
Ich hatte Glück mit unserem AHL-Team. Wir hatten viele Europäer und eine ziemlich gute Mannschaft. Im ersten Jahr haben wir den Titel geholt. Ich hatte mir fest vorgenommen, nicht wegzulaufen. Und ich war überzeugt, dass ich es schaffen werde und über genug Qualität verfüge. Aber doch, es gab schon einen Moment, in dem ich mir das überlegt habe. Edgar Salis und Sven Leuenberger haben mich damals in Cleveland besucht und signalisierten ihr Interesse, mich zum ZSC zu holen. Aber eine Woche später bin ich in die NHL berufen worden. Und dort bin ich danach geblieben.
Einer Ihrer Trainer in Columbus war der streitbare John Tortorella. Wie war Ihr Verhältnis?
Für mich war er nicht der beste Coach. Ich respektiere an ihm, dass er auch den grossen Stars die Meinung sagt, wenn ihm etwas nicht passt. Es ist ihm egal, ob es Dean Kukan oder Artemi Panarin trifft. Aber er hatte seinen Kern, der immer spielte. In den bin ich nie vorgedrungen. Ich hatte Phasen, in denen ich wochenlang sehr gut spielte. Dann unterlief mir ein Fehler, und ich fand mich für einen Monat auf der Tribüne wieder.
Haben Sie sich gewehrt?
Erst gegen Ende seiner Amtszeit. Ich habe ihm einmal gesagt, so könne es nicht weitergehen. Das hat er geschätzt. Ich glaube, er will, dass man ihm solche Dinge offen sagt. Aber ich habe das zu spät realisiert.
Fehlte Ihnen das manchmal fast dreiste nordamerikanische Selbstbewusstsein?
Ja, das kann man schon sagen. Ich bin ein zurückhaltender Mensch. Es braucht einiges, bis es mir «ablöscht» und ich einmal laut werde.
Wie fiel die Reaktion auf Ihre Kritik aus?
Wir gerieten ein bisschen aneinander. Er sagte mir, dass ich schlecht gespielt habe. Ich entgegnete, dass das nicht stimme. Er hat dann den Verteidiger-Coach gefragt, ob ich gut gewesen sei. Der hat Ja gesagt. Und da wurde ich im nächsten Spiel wieder aufgestellt. Aber grundsätzlich waren es meist nicht viele Minuten im dritten Abwehrpaar.
Wie kann man da als Spieler besser werden, wenn man nie in einen Rhythmus findet?
Das ist nicht so leicht. Aber ich habe mich in sieben Jahren Übersee definitiv verbessert. In der NHL ist es so, dass du im dritten Block nicht zum Einsatz kommst, wenn du defensiv nicht top bist. Das habe ich hinbekommen: dass man mich gegen die besten Stürmer des Gegners bringen konnte.
Die Zeit im Nachwuchs verbrachten Sie im ZSC, wechselten dann aber schon mit 18 nach Schweden, nach Lulea. Weshalb dieser Schritt?
In meinem zweiten Jahr bei den GCK Lions lief es mir damals überhaupt nicht. Ich hatte das Gefühl, dass ich stagniere. Also war für mich klar, dass ich eine Veränderung brauche. In meinem Vertrag hatte ich aber nur eine Klausel für das Ausland. Ich habe im Sommer zwei Try-outs absolviert, bei MoDo und in Lulea. Dort hat es geklappt. Und es war das Beste, was mir passieren konnte. Ich weiss nicht, wie es heute ist, aber damals war der Unterschied zwischen den Nachwuchsligen in der Schweiz und in Schweden wie Tag und Nacht. Das Niveau in Schweden war viel, viel höher. Ich hatte Top-Trainer und habe grosse Fortschritte erzielt. Und ich habe in Schweden auch meine Frau kennengelernt. Heute verbringen wir die Sommer dort.
Die offizielle Statistik besagt, dass Sie bereits zwei Spiele für den ZSC bestritten haben, in der Saison 2010/11 unter dem Trainer Bengt-Ake Gustafsson.
Das stimmt nur halb. Ich sass zwei Mal 60 Minuten lang auf dem Bänkli. Aber gespielt habe ich in der National League noch keine Sekunde. Das ändert sich glücklicherweise bald.
War es klar, dass es der ZSC sein wird, nachdem Sie sich entschieden hatten, nach Europa zurückzukehren?
Wir sind über die Jahre immer in Kontakt geblieben. Und als ich den Entscheid gefällt hatte, ging es relativ schnell. Für mich war es einfach, zum ZSC Ja zu sagen.
Mit welchen Ambitionen kommen Sie nach Zürich?
Persönlich will ich eine wichtigere Rolle haben als in Columbus. Und als Team ist das Ziel klar: Jemand muss den EV Zug stoppen. Das wollen wir sein. Wir haben eine sehr gute Mannschaft, ein Top-Team in dieser Liga.
Im Sommer 2021 verpflichtete der ZSC mit Yannick Weber einen anderen Schweizer Verteidiger, der nach vielen Jahren in der NHL nach Hause zurückkehrte. Weber brauchte einige Zeit, um mit dem grösseren europäischen Eisfeld zurechtzukommen, und konnte die enormen Erwartungen nicht immer erfüllen. Haben Sie Respekt davor?
Ich mache mir da überhaupt keinen Druck. Ich finde das mit den Erwartungen sowieso schwierig: Eishockey ist ein Teamsport. Einer allein kann recht wenig ausrichten. Es wird bestimmt etwas Zeit brauchen, bis ich mich an die Begebenheiten und die Liga gewöhnt habe. Aber ich freue mich auf die Herausforderung.
Mit dem Wechsel in die Schweiz dürften Sie für die kommenden Weltmeisterschaften gesetzt sein. Helsinki im Mai war Ihr fünftes WM-Turnier. Wie sehr schmerzt die Viertelfinal-Niederlage gegen die USA noch?
Wir müssen jetzt einfach einmal diese Viertelfinal-Hürde überspringen. Es war ein gutes Turnier, aber es bringt dir wenig, wenn du jedes Gruppenspiel gewinnst und dann trotzdem wieder den Halbfinal verpasst. Es war eine bittere Niederlage, aber ich schaue nicht gross zurück. Mein Fokus liegt auf dem ZSC.