Wieder emal en herrliche Artikel i de NZZ am Sunntig, vor allem d'Sitehieb gäge s'Pack findi jewils herrlich (nöd s'erscht mal i de NZZ am Sunntig)!
Zürich, Stadt der Phantome
Weitere Kapitel in der unendlichen Stadion-Geschichte. Von Christoph Fisch
Frage: Hätte jemand überhaupt gemerkt, dass GC - Aarau ausgefallen ist wegen der Sperrung des Letzigrundstadions? Roger Berbig jedenfalls nicht - der frischgebackene Ex-Präsident wurde ja schon Mitte Woche vom GC-Intriganten-Stadl ausgeladen; und Fritz Hächler wohl auch nicht, denn der frisch ausgemistete Ex-Sportchef von Aarau weilt seit ein paar Tagen wieder bei seinen vierbeinigen Ochsen. Den anderen paar Dutzend, die sich an einem Samstagabend im Letzigrund zu verlieren pflegen, hätte man ja die lauwarme Bratwurst per Kurier nach Hause liefern können. Und so alles schön unter dem Deckel halten können.
Aber nein: Die Stadt Zürich zog es vor, ein weiteres Kapitel in der endlosen Leidensgeschichte um ihre Sportstadien zu schreiben. Ein Riss in einem der 31 Stahlträger schaffte es an die grosse Medienglocke - und löste damit aus, was der FCZ in 3 Champions-League-Spielen und GC in 300 Meisterschaftsspielen nicht zustande brachten: das totale Ausrasten. Stadion gesperrt, die Fussballer der beiden Stadtklubs bleiben bis auf weiteres ausgesperrt!
Natürlich, Sicherheit geht vor. Was ist schon der «Rückruf» von einem Stadion (bzw. Stahlträger) gegen acht Millionen Toyotas oder eine halbe Million Hondas. Auch wir wollen nicht, dass irgendeine Petarde eines Fussball-Pyromanen dem Stahlträger endgültig den Garaus macht und am Ende gar Zürichs schönstes Bijou einstürzt wie in einer Uran-angereicherten Phantasie Ahmadinejads.
Doch auch so gleicht die Situation um die Sportstadien in der grössten Schweizer Stadt einem Trümmerhaufen. In dem findet man alles - hochtrabende Projekte, Pläne, Prognosen, aber in den letzten Jahren resultierten nur Pleiten, Pannen, Peinlichkeiten. Aber keine mehr als halbwegs brauchbaren Stadien. Der Letzigrund war eine Zangengeburt für die Euro 2008. Italien und Frankreich traten eingezwängt in taktische Konzepte zum Gruppenspiel an, hauchten der Kompromisslösung keinen lateinischen Fussballgeist ein - 0:0, gähn! Seither stöhnt der FCZ über die Nachteile eines multifunktionalen Stadions und stimmt GC ebenso regelmässig das Lied der Heimatlosigkeit an. Stellt sich nicht ein Wunder wie die Champions-League-Qualifikation des FCZ ein, bleibt das Oval meist zu drei Vierteln leer. Architektonisch ist der Letzigrund zwar kein 08/15-Stadion, aber sportlich eine 10,0-Arena - der Sprint am Leichtathletik-Meeting Weltklasse Zürich ist der einzige Event, der die Zürcher in Scharen hinter dem Ofen hervorlockt. Für knappe zehn Sekunden.
Ein ähnliches Trauerspiel ereignete sich mit dem Hallenstadion. Für teures Geld renoviert, ist der «Hausherr» ZSC seither todunglücklich. Tatsächlich vergass man beim Umbau, dass Eishockeyspieler gestandene Männer sind und entsprechend mehr Platz in der Garderobe brauchen als Kindergärtner für ihre Finken und Znünitäschli. Und wenn der Gegner mal Magnitogorsk und die Affiche Champions Hockey League heisst, müssen die Lions nach Rapperswil ausweichen - ins Lido, wo sie als Europacup-Sieger immerhin ein Bad in der Menge nahmen. Da behandelt selbst eine Wüstenstadt wie Phoenix seine - in der NHL zum Heulen schlecht spielenden - Coyotes besser, obwohl in Arizona Eis in erster Linie zum Kühlen von Drinks und nicht fürs Schlittschuhlaufen aufbereitet wird. Gegen das Projekt einer Eishalle in Zürich Altstetten haben bereits die Schrebergärtner die Mistgabeln geschultert.
Mit den Stadien verhält es sich in Zürich wie mit den Velowegen. Politiker (fast) jeglicher Couleur propagieren sie seit Jahren, sprechen Projektkredite, lassen sich im Sattel ablichten. Nur: Als Velofahrer gerät man eher in eine schikanöse Polizeikontrolle, als dass man die Stadt auf einem durchgehenden Veloweg, ja nicht mal Velospur, passiert. Velowege erweisen sich also ebenso als Phantom wie das seit Jahren versprochene Zürcher Fussballstadion. Beim Schmerz, den diese Mankos hervorrufen können, handelt es sich dagegen nicht um einen Phantomschmerz.
Seit Freitag herrscht wieder das Prinzip Hoffnung. Die Stadt hat der CS das Hardturm-Areal abgekauft. Frage: Stand da nicht schon einmal so etwas wie ein reines Fussballstadion? Davon zeugt immerhin das Buch «Der Hardturm». Der «neue Hardturm» dagegen ist vorerst nur eins - ein Phantom.