- Offizieller Beitrag
"Die Entlassung schmerzt – aber sie ist keine persönliche Niederlage»
Nur wenige Tage nach der Freistellung beim ZSC erklärt Marco Bayer, warum er seinen Führungsstil nicht ändern will – und was er aus dem Ende bei den Lions gelernt hat.

Publiziert: 01.05.2026, 19:16

Vergangenheit: Marco Bayer an der Bande der ZSC Lions.
Foto: Nico Ilic (Freshfocus)
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Herr Bayer, Sie sind an der Heim-WM Redner am Trainersymposium, angekündigt als «Marco Bayer, ZSC-Meistertrainer». Ändern Sie nun Ihren Vortrag ab?
Nein. Aber ich ergänze ihn mit einem spannenden Kapitel um Erwartungsdruck, Saisonziele und Teamführung nach dem Erfolg. Auch, um gerade den Schweizer Coachs zu zeigen, was alles passieren kann und dass so eine Erfahrung dazugehört. Es ist ein knallhartes Business.
Sie hätten es sich rückblickend einfacher machen können und 2024 sagen: «Ich bleibe beim Farmteam GCK.» Sie hätten immer noch einen Job.
Dieser Gedanke kam mir seit dem Entscheid, den ZSC zu übernehmen, nie. Ich hatte vor 16 Jahren zu Beginn meiner Trainerkarriere die Vision, irgendwann Head Coach in der höchsten Liga zu werden und den Pokal zu stemmen. Der ZSC gab mir diese Chance, er war überzeugt von der Idee, einen Coach aus der eigenen Organisation hochzuziehen. Und ich habe bewiesen, dass ich das kann.
Heute, wenige Tage danach: Wie denken Sie über die Entlassung?
Ich respektiere die Analyse der ZSC Lions und ihren Entscheid. Wir haben zwar die gemeinsam gesteckten Saisonziele erreicht: Top 4 nach der Qualifikation und den Halbfinal im Playoff. Aber es ist auch klar, dass ich und die Organisation intuitiv höhere Ziele anstrebten. Wir wollten weiterkommen. Die Entlassung schmerzt. Aber ich empfinde sie nicht als persönliche Niederlage. Ich gab alles für Mannschaft und Club und habe im grossen Bild viel erreicht. Wenn die Leute später durch die Büroräume des ZSC gehen, lesen sie von mir als Champions-League-Winner und Meistertrainer. Das wird mein Bild über die Zeit bei dieser grossen Organisation prägen.
Nach der Saison ist vor der Saison. Waren Sie in Gedanken schon bei der Planung von 2026/27?
Natürlich rechnete ich nicht mit der Entlassung. Aber ich kenne die hohe Erwartungshaltung bei den ZSC Lions. Ich habe mich voll auf das Tagesgeschäft fokussiert, aber als Coach weisst du, dass solche Entscheide jederzeit möglich sind.
Teilte Sportchef Sven Leuenberger Ihnen die Entlassung mit?
Ja, gemeinsam mit CEO Peter Zahner.
Sie und Leuenberger haben eine langjährige gemeinsame Vergangenheit bis zurück zu Ihrer Zeit als SCB-Juniorentrainer. Wie war es, ausgerechnet von ihm gefeuert zu werden?
Wir pflegen eine gute und respektvolle Beziehung. Natürlich tut das im ersten Moment weh. Man muss aber Freundschaften und professionelle Zusammenarbeit trennen. Das haben wir aus meiner Sicht gut gemacht. Es geht ja nicht um mich oder Sven persönlich. Es ging immer um die Mannschaft.
Diese Freundschaft wurde nicht beschädigt?
Natürlich nicht. Ich habe überhaupt keine schlechten Gefühle diesbezüglich.

Gemeinsamer Jubel: Marco Bayer, Sportchef Sven Leuenberger und Assistenztrainer Rob Cookson (von links) feiern den Finalsieg in der Champions Hockey League 2025 gegen Färjestad.
Foto: Patrick Straub (Freshfocus)
Wo sehen Sie den Grund für die Trennung?
Mir wurde der Grund genannt, der auch in der öffentlichen Mitteilung stand. Details dazu müsste der ZSC beantworten.
Ein neuer Trainer soll neue Impulse setzen.
Davon gehe ich aus. Ich wünsche meinem Nachfolger gutes Gelingen.
Auch Sie überlegen sich sicher: Was habe ich gut gemacht? Was schlecht?
Natürlich. Ich stelle aber zunächst eine Gegenfrage: Was wäre mir lieber? Zwei Finals verlieren und den Job noch zu haben? Oder das Team zu zwei Titeln zu führen, um dann leider in der Folgesaison die Arbeit nicht mehr weiterführen zu können? Diese Titel zeigen mir, dass ich auf dem richtigen Weg bin für künftige Aufgaben. Das nehme ich mental mit für die nächste Herausforderung.
Waren Sie zu nett? Oder wie beschreiben Sie Ihren Führungsstil?
Als kooperativ. Das ist meine Art. Auch wenn ich am Ende entscheide: Ich versuche, die Eigenverantwortung der Spieler zu fördern. Das ist der moderne Weg. Die Spieler haben dies in der Meistersaison geschätzt und sehr positiv aufgenommen.
Funktioniert das auch beim ZSC, wo mehr «Alphatiere» als üblich sind?
Ich schaute dies vom ersten Tag als meine grosse Challenge an. Ich ging proaktiv auf alle «Top-Shots» zu und erklärte ihnen in Einzelgesprächen meine Philosophie. Ich bezog sie in viele Entscheide mit ein und konnte sie damit stärken.
Diesen Ansatz praktizieren vor allem schwedische Coachs. Doch wenn es nicht läuft, wird ihnen genau das vorgeworfen.
Das ist für mich ein Learning aus der zweiten Saison. Vielleicht hätte ich meinen Stil etwas anpassen müssen. Erfolg kann satt machen und das Wesen verändern, genügsam machen. Das ist menschlich. Ich habe diese mentale Haltung mit den Leadern immer wieder thematisiert: «Meister zu werden, ist schwer, den Titel zu verteidigen umso mehr.»
Es geht also um mehr Konsequenz, mehr Beharrlichkeit?
Konsequent war ich immer in meinen Entscheidungen. Aber ja: Beharrlichkeit und Ausdauer mit höchster Motivation war gefordert. Wobei ich betonen möchte: Im Playoff hatte ich nie das Gefühl, dass es bei uns am fehlenden Hunger lag.
Zitat«Am Ende war mein Auftrag beim ZSC der sportliche Erfolg. Titel holen. Nichts anderes.»
Können Sie ein härterer Coach werden?
Ich bin, wie ich bin. Authentizität ist ein Schlüsselkriterium als Trainer. Mich bestärkt, dass auch die Topspieler mit meiner Art umgehen und Titel gewinnen können. Es geht mir um Anpassungen und einzelne Situationen, die ich in Zukunft anders handeln möchte. Ich will aber meinem Charakter treu bleiben. Ich kann und will nicht andere kopieren.
Wie schwierig ist es, erfolgreiche Teams am Laufen zu halten?
Es gibt genug Beispiele, die zeigen, dass oft schon ein einziges erfolgreiches Jahr reicht, damit die Mannschaft danach in den Niederungen der Tabelle verschwindet. Das ist bei uns nicht passiert. Wir sollten auch unsere sehr gute Viertelfinalserie gegen Lugano nicht vergessen. Gegen Davos wurden wir mit dem 1:4 schlecht belohnt, wenn man die Zahlen anschaut und sieht, wie eng alles war. Aber klar: Es war nicht genug, um Davos zu bezwingen.
Welche Rolle spielte der Ausfall Sven Andrighettos?
Er hat einen riesigen Einfluss auf unsere Mannschaft. Und einen ebenso grossen auf seinen Linienkollegen Denis Malgin. Aber weil andere Teams auch von gewichtigen Ausfällen betroffen waren, möchte ich das nicht als Hauptgrund für das Scheitern anführen.
In harten Playoff-Serien wie gegen Davossieht man oft, dass «Künstler» ins Hadern kommen, wenn es ihnen nicht läuft: Malgin beim ZSC, Zadina beim HCD zum Beispiel. Wie gingen Sie damit um?
Mit Gesprächen. Ich bestärkte Denis darin, wie gut er ist und zu was er fähig ist. Druck vom Trainer bringt da nichts. Erst recht nicht, wenn man weiss, dass er im Playoff angeschlagen spielte.
Spieler wie Captain Patrick Geering stärkten Sie in Interviews mehrfach. Wie empfanden Sie es intern?
Ich spürte, dass die Spieler hinter mir standen. Nach der Entlassung haben wir uns nicht mehr gesehen, ich habe mich darum via Teamchat verabschiedet. Ich habe darauf viele sehr berührende Nachrichten erhalten, die mir nicht nur viel Kraft geben, sondern mich auch in meiner Arbeit bestätigen.
Haben Sie den besonderen Spagat bei den Lions nicht gut genug hinbekommen? Der ZSC-Trainer muss erfolgreich sein und möglichst viele junge GCK-Spieler einbauen.
Der Spagat zwischen individueller Förderung und Resultatdenken ist gross und nicht immer einfach zu bewältigen. Aber am Ende war mein Auftrag beim ZSC der sportliche Erfolg. Titel holen. Nichts anderes.
Dennoch werden alle ZSC-Trainer auch daran gemessen, wie viele GCK-Spieler eingebaut wurden.
Ja. Und es waren einige in den letzten beiden Jahren: Nicolas Baechler, Jan Schwendeler und Kimo Gruber haben grosse Schritte vorwärtsgemacht. Zum Einsatz kamen auch Segafredo, Olsson, Ustinkov und Meier. Es ist eine Challenge. Diese Fragen stehen im ZSC immer im Raum: Siegen als Auftrag und trotzdem als laufender Prozess die Mannschaft verjüngen. Doch am Ende werde ich als ZSC-Trainer an Siegen und Titeln gemessen.

Der zweite Titel mit dem ZSC: Marco Bayer mit dem Meisterpokal am 24. April 2025 in Lausanne.
Foto: Claudio Thoma (Freshfocus)
Letztere Spieler hatten aber nur sehr wenig Eiszeit. Schwendeler hingegen war zwar nahe an einem fixen Top-6-Platz. Dennoch reduzierte sich gegen Ende Saison auch seine Eiszeit deutlich. So wie bei Gruber.
Da geht es nur noch ums Gewinnen, um Sein oder Nichtsein. Und um kleine, aber entscheidende Massnahmen. Als Coach hast du auch ein Bauchgefühl, nach dem du dich richtest. Ich finde zudem, dass Gruber in seiner ersten vollen NL-Saison viel Eiszeit und Verantwortung erhielt. Schwendeler kam im Playoff weniger zum Einsatz, ja. Vertrauen in junge Spieler ist wichtig, aber man will sie auch nicht «verheizen»! Aber das ist Teil des Business in Zürich. Hier ist es einfach schwieriger, fix ins Team zu kommen.
Sie werfen sich nicht vor, dass da mehr möglich gewesen wäre?
Wären wir dann besser gewesen? Das ist eine hypothetische Frage, die ich nicht beantworten kann. Ich war in den jeweiligen Situationen überzeugt, richtig gehandelt zu haben.
Spielte da eine Rolle, dass Rang 7 und damit das Verpassen der direkten Playoff-Qualifikation lange nahe war?
Wenn du um diesen Rang herum kämpfst, geht es auch um diese Frage: Welche Spieler können uns am ehesten helfen, aus dieser Situation herauszukommen? Anfang Saison hatten wir leider viele gewichtige Ausfälle. Mehr als in den beiden Jahren zuvor. Das spielt eine Rolle bei den Resultaten und kann genauso wenig wegdiskutiert werden wie der «Meisterblues». Letzteren habe ich auch ein wenig unterschätzt. Für meine persönliche Analyse ist darum auch diese Frage wichtig: Wie werde ich in ähnlichen Situationen vorgehen? Ich bin sicher, die Erfahrungen werden mir dabei helfen.
Viele Fans ärgerte auch die bloss ausgeglichene Heimbilanz. Zuvor hatte der ZSC in Altstetten eine beeindruckende Heimstärke entwickelt.
Wir haben zu Hause zu oft nicht konstant genug gespielt. Wir hätten unseren Fans am liebsten in jedem Heimspiel Spektakel geboten. Das verdienen sie. Wir hatten einige Heimspiele, nach denen wir uns fragten: Wie war es möglich, das zu verlieren? Auch an den Spielern nagt so etwas.
Es gab schon in der Regular Season eine Negativserie, in der Sie zugaben: Noch eine Niederlage, und ich wäre wohl weg gewesen. Wie gingen Sie mit dieser Phase um?
Es ist keine einfache Aufgabe, aus einer Negativspirale umzudrehen. Aber ich war immer überzeugt, dass wir da rauskommen. Alle wussten, dass wir es eigentlich konnten, ich habe immer wieder an die positiven Dinge appelliert: «Ihr seid gute Spieler! Habt Freude und zeigt, was ihr könnt!» Ich wollte ihnen Spielfreude und Selbstvertrauen zurückgeben. Wir schafften den Turnaround, es folgte eine Siegesserie. Das gab mir die Bestätigung, dass mein Stil erfolgreich war. Gerade mit der heutigen Spielergeneration.
Mit welchem Gefühl verlassen Sie den ZSC?
Ich darf stolz sein auf meine jeweils eineinhalb Jahre bei GCK und ZSC. Sie waren spannend, eigentlich erfolgreich und haben meinen Trainerrucksack erweitert. Ich durfte mit meiner Art Topstars führen. Und man sah, dass sie zu Titeln reichte.
Wie geht es weiter? Sie hatten einen Vertrag bis 2027 und stehen darum noch nicht unter Druck. Überbrücken Sie das Jahr nun als TV-Experte?
Nein, das werde ich nicht tun. Ich bin ambitioniert. Ich möchte wieder an einer Bande stehen. Coachen, Spiele und Titel gewinnen, das ist mein Antrieb. Ich habe 16 Jahre investiert, um bei einem NL-Club Head Coach sein zu können. Der Traum ist noch nicht zu Ende. Als Nächstes möchte ich aber für mich über die Zeit beim ZSC reflektieren, sie analysieren und einordnen. Ich freue mich bereits, wieder hoch motiviert mit einer Mannschaft gemeinsame Ziele zu setzen.
