Krawalle (nicht nur in Zürich)

  • Und wie oben erwähnt die Kosten für die Polizei noch nicht eingerechnet. Nix da mit tollen Business Case.

    Die Kosten der Polizei wären aber auch da, wenn der FCZ und GC ein eigenes Stadion hätten. In öffentlichen Raum ist nun mal die Polizei für die SIcherheit verantwortlich.

  • Ich glaube trotzdem, dass die Clubs die Kultur der Kurven irgendwie beeinflussen müssen, sonst wird‘s immer weiter drehen, weil die meisten Leute einfach die Schnauze voll haben.

    ja, ja schon. aber wie?

    gäbe es die lösung, die clubs würden sie schon lang anwenden...

    NieUsenandGah

  • die justiz ist eben auch nicht wirklich hilfreich, um die probleme zu lösen. wenn, wie heute geschehen, einer der fackelwerfer mit einem bedingten davonkommt, hat dass auch nicht wirklich eine präventive wirkung.

    FCZ-Hooligan (21): 2000 Grad heisse Fackel gegen GC-Fans geworfen - 20 Minuten

    Nun ja, es ist (wie ich meine aus gutem Grund) nun mal so, dass Strafen bis 24 Monate bedingt ausgesprochen werden, wenn man keine Vorstrafen hat. Der würde seinen Job verlieren und wohl nicht so einfach wieder einen neuen finden etc. etc.

    Zumal wir sonst mehr neue Gefängnisse bauen müssten als wir Fussballstadien haben... ;)

    Für den Betroffenen hat es aber sicher eine abschreckende Wirkung. So ein Verfahren ist nicht nur lustig. Viele im Umfeld erfahren es, evtl. den Arbeitgeber informieren. Dann noch die Gerichtskosten und wohl auch noch die Kosten der amtlichen Verteidigung. Eine öffentliche Gerichtsverhandlung ist nun auch nichts worauf man sich freut, als Beschuldigter. Zudem hat er 2 Jahre Bewährungsfrist.

    Was die abschreckende Wirkung gegenüber Dritten angeht, so zeigen die meisten Erhebunen, dass - gerade bei derartigen Delikten - die Abschreckung aus der Aufklärungsquote resultiert, oder ebene nicht. Wenn die Erfahrung zeigt, dass man sowieso nicht erwischt wird, machst Du den blödsinn auch wenn dir theoretisch 17 Monate unbedingt drohen.

  • ja, ja schon. aber wie?

    gäbe es die lösung, die clubs würden sie schon lang anwenden...

    Es gibt nicht die Lösung, eine Kultur eine Kurve verändert man (wenn man es dann möchte) über Jahre und mit ganz, ganz vielen kleinen Schritten.

    Ich finde der Artikel vom Tagi, der heute gepostet wurde, bringts ganz gut auf den Punkt, wie die Diskussion seit Jahren läuft: Die Fans und Clubs wollen Dialog, Prävention, Clubs vielleicht im Einzelfall noch Einzelverfolgung. Und die Politik sagt, das mache man seit Jahren und wenn man nicht mehr Massnahmen will, müssen sich die Clubs bewegen. Und schlussendlich passiert eh wieder nichts.

  • Streitgespräch zur Fangewalt «Überall gibt es Regeln, nur im Fussball fahren wir ein totales Sondersetting»

    Soll die Polizei härter gegen Fussballfans vorgehen? Eine Polizeidirektorin sagt: Ja. Der Fanexperte meint: «Ich weiss nicht, was damit erreicht werden soll.»

    Benjamin WirthTilman Pauls

    Tilman Pauls, Benjamin Wirth

    Publiziert heute um 06:00 Uhr


    Eymann und Gander sind in vielem nicht einer Meinung – auch nicht nach dem rund einstündigen Gespräch.

    Eymann und Gander sind in vielem nicht einer Meinung – auch nicht nach dem rund einstündigen Gespräch.

    Foto: Lucia Hunziker

    Stephanie Eymann, die Swiss Football League (SFL) hat sich am Donnerstag aus der Mitarbeit am Kaskadenmodell zurückgezogen. Wie war Ihre Reaktion?

    Eymann: Ich war leider nicht besonders überrascht. Auf der Zielgeraden hat sich abgezeichnet, dass es nicht zu einer Einigung kommen wird. Wir haben gemerkt, dass der Druck von gewissen Clubs auf die SFL immer grösser wurde. Bei diesen durchaus grossen Kräften war ein Ausstieg abzusehen.

    Was ist Ihre Meinung dazu?

    Eymann: Ich bedaure den Entscheid, klar. Wir haben ein Jahr lang intensiv und unter engem Einbezug der SFL am Kaskadenmodell gearbeitet. Wir haben Inputs der Liga aufgenommen und umgesetzt. Auf der anderen Seite bin ich aber froh, dass aufseiten der Behörden weiterhin eine grosse Einigkeit besteht. Diese Allianz bröckelt nicht.

    Foto: Lucia Hunziker

    Stephanie Eymann (44), Mutter einer erwachsenen Tochter, gehört seit dieser Legislatur dem Basler Regierungsrat an. Die Politikerin der Liberal-Demokratischen Partei (LDP), gelernte Juristin, arbeitete zuvor lange im Kanton Baselland. Zuerst als Staatsanwältin, danach leitete sie die Baselbieter Verkehrspolizei. (bwi)

    Herr Gander, wie haben Sie reagiert?

    Gander: Ich habe ja nun das Privileg, das Ganze aus der Distanz als Fan zu verfolgen. Und für mich liegt in dieser Uneinigkeit eine wiederkehrende Tragik: Es ist ein Ritual, das sich alle paar Jahre nach gleichen Mustern abspielt.

    Was meinen Sie?

    Gander: Wir haben das ganze Rössli-Spiel schon mitgemacht. Das Thema kommt und geht in Wellenbewegungen: Es gibt einen Vorfall. Dann wird versucht, eine Lösung zu finden. Von Behördenseite werden Massnahmen-Ideen-Ketten ausgearbeitet. Es gibt Gegenreaktionen der Fans. Von den Behörden wird in der Folge teilweise eingelenkt, Konzepte werden angepasst. Und am Ende geht man auseinander und hat immer noch keine nachhaltige Lösung.

    Wird es jemals eine nachhaltige Lösung geben?

    Gander: Die Rollen sind verteilt: Die Sicherheitsbehörden haben den Auftrag, Gewalt zu verhindern. Sie können nicht sagen: «Ein bisschen Gewalt ist schon okay.» Die Fussball-Liga und die Fans hingegen haben eine andere und tiefere Perspektive auf die Fanthematik. Ich habe noch nie erlebt, dass mit Blick auf die Massnahmen langfristig Einigkeit zwischen den Parteien herrscht. Auch jetzt stehen wir nach dem Ausstieg der SFL aus dem Kaskadenmodell wieder bei Punkt null.

    Eymann: Das stimmt so nicht! Bei Punkt null wären wir, wenn die Allianz der Behörden auseinandergebrochen wäre. Aber wir gehen den Weg weiterhin gemeinsam.

    Gander: Eine Einigkeit der Behörden hat es in der Vergangenheit auch gegeben. Beim ersten Konkordat wurde das ebenfalls zelebriert. Aber sobald es zu Reaktionen der Fans kommt – auf eine kreative Art, hoffe ich –, kümmern sich alle um die Situation vor der eigenen Haustür. Dann bröckelt die Allianz ganz schnell.

    Zu einer Reaktion der Fans wird es ziemlich sicher kommen. Was stört Sie konkret am Kaskadenmodell, Herr Gander?

    Gander: Ich habe das Gefühl, dass das Kaskadenmodell aus einem öffentlich-politischen Druck heraus entstanden ist und nicht aus einer fachlichen Fundiertheit. Die Zielsetzung ist mir jedenfalls nicht klar. Ich weiss nicht, was damit eigentlich erreicht werden soll.

    Eymann: Das Ziel ist, Gewalt im Rahmen von Fussballspielen zu verhindern.

    Gander: Aber wie?

    Eymann: Der Auslöser dafür war leider ein Vorfall im Umfeld des FC Basel, zu dem es im April 2023 nach dem Spiel gegen die Young Boys gekommen ist. Das war ein schwerer Fall von organisierter Gewalt, Menschen sind fast zu Tode gekommen.

    Foto: Lucia Hunziker

    Zwischen 2005 und 2015 arbeitete Thomas Gander (SP) als Co-Leiter für die Fanarbeit Basel und war in seiner Position unter anderem beteiligt an den Aufarbeitungen des 13. Mai 2006, als Basler Chaoten im St.-Jakob-Park den Rasen stürmten und FCZ-Spieler attackierten. Zudem war der heute 47-Jährige zwischen 2009 und 2015 Geschäftsführer der Fanarbeit Schweiz. Im Anschluss wechselte er 2015 zur Swiss Football League und arbeitete dort vier Jahre lang als Verantwortlicher für Corporate Social Responsability und Prävention. Nach zwölf Jahren verlässt Gander per Ende dieses April das Basler Stadtparlament. Aufgrund seiner politischen Arbeit kennt er Stephanie Eymann gut. (tip)

    Sie haben im folgenden Spiel die Fansektoren geschlossen. Eine Sanktion, die seitdem in vielen Stadien nachgemacht wurde. Fühlen Sie sich mitverantwortlich – oder sogar mitschuldig – an der aktuellen Situation? Die vorgegriffene Nutzung des Modells war auch ein Grund, warum die SFL ausgestiegen ist.

    Eymann: Das ist die komplett falsche Fragestellung. Ich glaube nicht, dass ich mitschuldig bin, wenn Menschen angegriffen und halb zu Tode geprügelt werden. Es ist umgekehrt: Es war notwendig, eine Reaktion zu zeigen, die übrigens zusammen mit dem FCB und der SFL getroffen wurde. Der «Basler Weg» und der Dialog werden ja gerne zelebriert (der sogenannte «Basler Weg» steht für den in Basel jahrelang gepflegten Versuch, Fangewalt mit Dialog zu begegnen und zu verhindern). Aber wenn Menschen fast zu Tode kommen, muss eine Reaktion folgen.

    Gander: Ich finde auch, dass nach so einem Vorfall eine Reaktion folgen muss. Ich habe immer gesagt, dass ich das Ideal vom gewaltfreien Fussball zwar erstrebenswert finde. Aber mir ist klar, dass das wohl immer eine Wunschvorstellung bleiben wird. Ich darf das so sagen, eine Sicherheitsbehörde darf das wahrscheinlich nicht.

    Eymann: Doch, das darf ich durchaus auch so sagen. Aber das Ziel muss es sein, Gewalt wo immer möglich zu verhindern und Lösungen zu finden.

    Gander: Was mich aber stört, ist, wenn der Dialog ins Lächerliche gezogen wird …

    Eymann: (unterbricht) Ich mache den Dialog nicht lächerlich.

    Gander: Ich meine damit nicht dich persönlich. Aber ich merke, dass es häufig heisst: «Genug geredet, jetzt muss durchgegriffen werden.» Aber dieser Dialog ist nicht einfach ein bisschen Gerede, sondern ein tägliches Daran-Arbeiten. Er basiert auf dem Konsens, solche Vorfälle künftig zu verhindern. Die Fans werden mit in die Verantwortung genommen. Aber die Basis für diesen Dialog gefährdet man nun mutwillig durch die Einführung des Kaskadenmodells, und ich frage: Warum setzt man das aufs Spiel?

    Warum, Frau Eymann?

    Eymann: Unser Ziel besteht nicht darin, dass das Kaskadenmodell zur Anwendung kommt. Wie in allen Bereichen der Sicherheit gilt: Prävention ist der edle Teil – aber allein funktioniert sie nicht. Deshalb braucht es eben auch Massnahmen.

    Das Kaskadenmodell hat also einen präventiven Effekt, Herr Gander?

    Gander: Ich habe den Eindruck, dass man nachträglich einen Vorfall sanktioniert, und darum ist es in meinen Augen eine Bestrafung.

    Eymann: Es ist ein Einwirken auf künftiges Verhalten im Sinne einer präventiven Abschreckung. Aber ja, ganz trennscharf ist es nicht. Man kann und muss das diskutieren. In Zürich geht man zurzeit ja den gerichtlichen Weg (der FCZ hat nach einer Sektorensperrung die Verfügung des Zürcher Sicherheitsdepartements angefochten; Red.). Das wird in einer entsprechenden Situation wohl auch in Basel kommen.

    Gander: Ich habe das Gefühl, dass der Fussball in diesem Fall als Experimentierfeld herhalten muss. Man setzt etwas in Kraft, von dem man nicht mal weiss, ob es juristisch funktioniert. Das geht doch rechtsstaatlich nicht!

    Eymann: Da muss ich dir widersprechen: Der Fussball ist kein Experimentierfeld.

    Gander: Im ersten Entwurf des Kaskadenmodells war vorgesehen, dass der Staat in gewissen Fällen eine Forfait-Niederlage gegen einen Fussballclub aussprechen kann. Wer kommt denn auf so eine Idee? Du bist doch eine liberale Vertreterin. Irgendwo muss es doch Grenzen geben, wie weit der Staat eingreifen kann.

    Was sagen Sie dazu, Frau Eymann?

    Eymann: Ich habe ein Departement, das wenig damit zu tun hat, ob man einen liberalen Kompass hat oder nicht. Es ist nicht so, dass ich alles verschärfe – im Gegenteil. Aber wir können doch nicht einfach zuschauen und nichts machen vor lauter Angst, dass jemand nicht einverstanden ist. Für Untätigkeit bin ich definitiv die Falsche. Bezüglich der Fangewalt braucht es die Möglichkeit, zu reagieren. Darum haben wir ein austariertes System erarbeitet. Aber Thomas und ich haben einen Dissens, der bislang noch nicht ausgesprochen wurde.

    Welchen?

    Eymann: Dass die Gewalt nicht von Einzeltätern ausgeht, sondern aus der Kurve kommt. Und da brauchen wir doch eine Handhabe, um zu sagen: Das tolerieren wir nicht! Das Kaskadenmodell zielt genau darauf ab. Zuerst gibt es ein Setting, in dem geredet und eine Lagebeurteilung gemacht wird. Erst die weiteren Stufen gehen über Kurvensperrungen bis hin zu Geisterspielen.

    Angeregte Diskussion: Eymann und Gander streiten sich ums Kaskadenmodell.

    Angeregte Diskussion: Eymann und Gander streiten sich ums Kaskadenmodell.

    Foto: Lucia Hunziker

    Diese Stufen wurden zuletzt aber regelmässig übersprungen, und es wurden auch unbeteiligte Zuschauende durch die Kollektivmassnahmen bestraft. Dies für Vorfälle, die meist ausserhalb der Stadien lagen.

    Eymann: Es kommt medial natürlich weniger ans Licht, aber wir hatten viel mehr Besprechungen als Massnahmen. Auch der FC Basel war in einem anderen Fall noch mal ein Thema …

    Auf dem Weg zum Auswärtsspiel in Zürich wurde im Extrazug die Notbremse gezogen. Darauf spielen Sie an, oder?

    Eymann: Genau. In dem Fall habe ich klar gesagt: Es gibt keine Massnahme. Es war auf der Anreise, und es war nicht das Setting, in dem wir zu einer Massnahme greifen müssen. Darum verstehe ich nicht, dass man sagt: Die Behörden eskalieren die Situation. Es sollte im Bewusstsein mal eine Umkehr stattfinden und die Frage gestellt werden: Wo kommt die Gewalt eigentlich her?

    Gander: Ich bin der Letzte, der sagt, dass es keine Sicherheitskräfte oder Polizei an einem Spiel braucht. Das ist Teil der Balance, die zuletzt geherrscht hat. Aber auf diese Balance geht man jetzt mit dem Vorschlaghammer los.

    Erklären Sie.

    Gander: Ich denke, das Kaskadenmodell ist ein Mittel, um politisch Druck auf die Vereine auszuüben. Nach dem Motto: «Unternehmt endlich mal etwas!». Doch der Rechtsstaat ist schliesslich auch noch da. Wir haben Mittel, um Sanktionen auszusprechen, auch ohne dieses Modell. Kommt noch dazu, dass ein Stadion einer der bestgeschützten und bestüberwachten Orte im Ausgangsverhalten junger Menschen ist. Wenn man Gewalt bekämpfen will, soll man den Rechtsstaat anwenden und jene bestrafen, die konkret Gewalt anwenden.

    Eymann: Was denkst du, was wir nach einem Vorfall wie im April vor einem Jahr machen? Die Strafverfolgung wird lanciert, um die Einzeltäter zu finden. Aber es ist ein Fakt, dass vonseiten der Fans systematisch vorgegangen wird, um genau das zu verhindern. Die Fans kleiden sich gleich, vermummen sich …

    Gander: (unterbricht) Da verlieren wir uns in einer Huhn-und-Ei-Debatte. Der uniforme Auftritt ist ein Stück weit die Folge der Debatte rund um die Euro 2008. Damals wurden die Fans kriminalisiert. Das hat dann eine Gegenreaktion ausgelöst und zum heutigen, uniformen Auftritt geführt.

    Eymann: Trotzdem wird alles immer unter dem Deckel gehalten. Die Täter vom letzten April sind doch innerhalb der Kurve bekannt, da müssen wir uns nichts vormachen.

    Gander: Aber was ist der fachliche Ansatz, wenn man sagt: Wir sperren die ganze Kurve? Was bewirkt die Androhung von Strafen?

    Eymann: Ein Wohlverhalten in der Zukunft.

    Gander: Die Erfahrung zeigt aber, dass Gewaltdynamiken verhindert werden können, wenn die gemässigten Kräfte der Kurve reagieren. Mit Kollektivstrafen verlieren genau diese gemässigten Kräfte ihre Argumentationsbasis.

    Ist es wirklich so, dass gemässigte Kräfte Zwischenfälle verhindern können? Es wirkt nicht so, als gäbe es eine Selbstregulierung in der Kurve.

    Gander: Ich habe zig Beispiele erlebt, in denen das der Fall war. Die sind natürlich nicht so prominent und sichtbar. Aber in einer Kurve mit 3000 Menschen kann die Regulierung auch in die andere Richtung funktionieren. Dann solidarisieren sich grundsätzlich friedliche Menschen mit radikalen Kräften.

    Sie beziehen sich auf Studien, die das belegen.

    Gander: Das Ziel des Basler Wegs ist, dass genau diese Spirale nicht in Gang gesetzt wird. Dass man nicht an diesen Kipppunkt kommt, an dem die Regulierung nicht mehr wirken kann. Und weil es im Moment wieder stark danach aussieht, wiederhole ich meine Frage noch mal: Was ist die Zielsetzung des Kaskadenmodells? Ich sehe eine reine Machtdemonstration der Behörden.

    Eymann: Die Zielsetzung ist die Verminderung und Verhinderung von Gewalt. Man kann doch nicht sagen: Gewalt wird es immer geben, also müssen wir es gar nicht erst versuchen. Dann kann man auch sagen: Es braucht keine Polizei. In keinem anderen Bereich funktioniert das so. Überall in der Gesellschaft gibt es Regeln, Massnahmen und Strafen, wenn man die Regeln missachtet. Nur im Fussball fahren wir ein totales Sondersetting.

    Sie sprechen von einem rechtsfreien Raum?

    Eymann: Wenn man sagt: Es geht nur über Selbstregulierung, und die Einführung von behördlichen Massnahmen ist eine Provokation oder Teil der Eskalation, dann geht es definitiv in diese Richtung, ja. Und das geht nicht.

    Gander: Rechtsfreier Raum? Da muss ich schmunzeln. Man hat Millionen Franken in ausgeklügelte Systeme im und vor dem Stadion investiert. Überall hängen Kameras. Man kann sagen, dass man diese Fankultur nicht will. Wenn man aber sagt, dass man diese Kultur will, dann muss man sich dieser Herausforderung annehmen.

    Eymann: Dann frage ich mich aber: Inwiefern wollen wir das wirklich? Ich finde es auch toll, wenn die Fans Stimmung machen. Aber zu welchem Preis? Nehmen wir das alles in Kauf für die Regeln, die uns die Kurve diktiert?

    Kennen sich aus der Basler Politik: Die LDP-Regierungsrätin und der SP-Grossrat.

    Kennen sich aus der Basler Politik: Die LDP-Regierungsrätin und der SP-Grossrat.

    Foto: Lucia Hunziker

    Die Einführung des Kaskadenmodells geschieht in einer – statistisch gesehen – ruhigen Phase. Die Anzahl der Vorfälle ist so niedrig wie nie in den letzten Jahren.

    Eymann: Anzahlmässig sind wir in einer ruhigeren Phase. Was die Qualität der Zwischenfälle angeht, ist das Bild jedoch ein anderes. Wir reden nicht von ein, zwei Pyrofackeln. Wir hatten schwerwiegende Fälle. Wir haben nicht Hü und Hott gemacht, sondern lange an dem Projekt gearbeitet und versucht, Fans und Fanarbeit zu involvieren. Die sind aber einfach ausgestiegen.

    Gemäss unseren Informationen ist zumindest die Fanarbeit erst zu einem späteren Zeitpunkt kontaktiert worden, als es nur noch um die Konkretisierungen des erarbeiteten Modells ging.

    Eymann: Aber auch dann kann man sich differenziert äussern und einen Beitrag leisten. Das ist etwas, das mir auch von der Liga fehlt. Ich höre immer nur: Das geht nicht, dies geht nicht, und jenes geht nicht. Aber eine Lösung wird nie geliefert.

    Gander: Du präsentierst aber auch keine Lösungen! Die Behörden haben einzig die Massnahmen. Aber das hat bisher immer nur zu einer Beunruhigung der Situation geführt.

    Eymann: Wir sind vielleicht nicht bei der perfekten Lösung angekommen, sondern auf dem Weg dahin. Aber von den Fans oder der Liga höre ich nur: Alles, was über den Dialog hinausgeht, ist für uns nicht machbar. Man verlässt nie den präventiven, dialogischen Bereich. Für mich braucht es ab einem gewissen Punkt mehr als Dialog.

    Gander: Ich bin kein Verfechter vom alleinigen Präventionsansatz, das muss ich noch mal betonen. Aber es gibt bereits ganz viele Werkzeuge. Es gibt zivilrechtliche Stadionverbote, die ausgesprochen werden, strafrechtliche Sanktionen. Dafür ist der Rechtsstaat da.

    • Offizieller Beitrag

    Anzahlmässig sind wir in einer ruhigeren Phase. Was die Qualität der Zwischenfälle angeht, ist das Bild jedoch ein anderes.
    Wir reden nicht von ein, zwei Pyrofackeln. Wir hatten schwerwiegende Fälle.

    Da liegt eben doch auch der Hund begraben. Denn wie wir wissen, ist die Anzahl "Vorfälle" gesunken. Snowcat kommentiert ja
    gebetsmühlenartig dass es in und um's Stadion so sicher ist wie noch nie. Und das stimmt ja auch zu 100%. Nur eben, wie in der
    Gesellschaft überall: Früher hat man sich geprügelt, dann sind die Messer gekommen, jetzt alle möglichen Waffen. Und die
    Hemmschwelle jemanden richtig zu verletzen (sogar tödlich) ist ganz sicher auch gesunken. Klar: Ist so in der ganzen Gesellschaft.
    Aber genau DARUM können sie in der Politik dann gegenüber der Masse (aka der Wähler) punkten, dass sie ein Kaskadenmodell
    einführen, tja.

  • Snowcat kommentiert ja gebetsmühlenartig dass es in und um's Stadion so sicher ist wie noch nie. Und das stimmt ja auch zu 100%.

    und das macht er ja nicht, weil er sich das so wünscht, sondern weil es ein belegbarer fact ist! :wink:

    ein vernünftiger mensch, der herr gander! mit folgenden 3 seiner antworten ist auch schon (fast) alles gesagt, was es zum thema zu sagen gibt:

    Gander: Ich habe das Gefühl, dass das Kaskadenmodell aus einem öffentlich-politischen Druck heraus entstanden ist und nicht aus einer fachlichen Fundiertheit. Die Zielsetzung ist mir jedenfalls nicht klar. Ich weiss nicht, was damit eigentlich erreicht werden soll.

    Gander: Ich habe das Gefühl, dass der Fussball in diesem Fall als Experimentierfeld herhalten muss. Man setzt etwas in Kraft, von dem man nicht mal weiss, ob es juristisch funktioniert. Das geht doch rechtsstaatlich nicht!

    Gander: Ich denke, das Kaskadenmodell ist ein Mittel, um politisch Druck auf die Vereine auszuüben. Nach dem Motto: «Unternehmt endlich mal etwas!». Doch der Rechtsstaat ist schliesslich auch noch da. Wir haben Mittel, um Sanktionen auszusprechen, auch ohne dieses Modell. Kommt noch dazu, dass ein Stadion einer der bestgeschützten und bestüberwachten Orte im Ausgangsverhalten junger Menschen ist. Wenn man Gewalt bekämpfen will, soll man den Rechtsstaat anwenden und jene bestrafen, die konkret Gewalt anwenden.

    NieUsenandGah

  • «Woher kommt die Lust, am Bahnhof die Polizei anzugreifen?»

    Nach der Eskalation zwischen Clubs und Polizei wegen des Kaskadenmodells stellt sich die Frage: wie weiter? Soziologe Maurice Illi ordnet die Sackgasse im Schweizer Fusssball ein.

    Marcel Rohner

    Marcel Rohner

    Publiziert: 25.03.2024, 20:20


    Im Brennpunkt: Über die Fussballfans (hier die Kurve der Grasshoppers beim Zünden von Pyromaterial) wird gerade schweizweit gesprochen.

    Im Brennpunkt: Über die Fussballfans (hier die Kurve der Grasshoppers beim Zünden von Pyromaterial) wird gerade schweizweit gesprochen.

    Foto: Christian Merz (Keystone)

    Maurice Illi, was erleben wir gerade im Schweizer Fussball?

    Es gab ausserhalb der Stadien Ausschreitungen, die man in Zusammenhang mit Fussball stellt. Nun sucht man einmal mehr nach Lösungen, wie man darauf reagieren könnte. Die Justizbehörden haben das Kaskadenmodell angedacht, das stufenweise Bestrafungen vorsieht, und Fans, Clubs und Liga einbezogen. Es zeigte sich aber bald, dass das nicht die Lösung ist. Die Behörden möchten das Modell jetzt aber durchziehen, die anderen nicht. Das hat eine gewisse Brisanz.

    Der Berner Sicherheitsdirektor Reto Nause sagt, die Clubs argumentierten fadenscheinig. Liga-CEO Claudius Schäfer hingegen findet das Modell «einseitig und unverhältnismässig». Warum so viel zerbrochenes Geschirr?

    Liga und Clubs waren von Anfang an kritisch eingestellt, die Fans natürlich auch. Die Motivation, an einem Lösungsansatz zu arbeiten, mit dem man sich letztlich selbst aus dem Stadion sperrt, konnte nicht gross sein. Darum zogen sich die Fans zurück. Das ist das eine Problem. Das andere: Das Kaskadenmodell wurde angewandt, bevor alle damit einverstanden waren.

    Sie sprechen von Sektorsperrungen in Schweizer Stadien 2023 und Anfang 2024.

    Genau. Die wurden als präventive Massnahmen verkauft, indirekt aber waren das Strafen für Dinge, die ausserhalb der Stadien passierten. Das warf Fragen auf. Die Konsequenz ist, dass Liga und Clubs sagen: Hinter diesem Paket können wir nicht stehen. Und vor allem nicht hinter der Vorgehensweise.

    Was bedeutet die Situation für die Fans?

    Vor der EM 2008 und spätestens mit dem Hooligan-Konkordat 2010 mussten die Fans akzeptieren, dass die Repressionsschraube angezogen wird. Das wurde sie seither aber nie mit aller Konsequenz. Die Fans, und damit meine ich die vernünftigen Kurvengänger, sagen nun zu Recht: Wenn ihr das Werkzeug, das ihr euch mit diesem Konkordat geschaffen habt, nutzen würdet, hätten wir mehr Einzeltäterverfolgung. Das Hooligan-Konkordat erlaubt es, «unbelehrbare Gewalttäter vorsorglich in Polizeigewahrsam zu nehmen».

    Ist das so einfach?

    Nein, aber vielleicht scheute man bis jetzt auch den Aufwand. Seit mehr gedroht und überwacht wird, reagierten die Fans: Die Uniformierung mit gleichen Turnschuhen, Jeans und Jacken wurde in den letzten 10 Jahren fast perfektioniert. Und die Behörden sagen nun: Wir erwischen die Richtigen ja eh nicht, also sperren wir alle aus, wenn es zu Ausschreitungen kommt. Und Tausende von vernünftigen Fans fragen sich, warum sie nicht ins Stadion dürfen, weil 40 bis 50 Typen in Fankleidern vor einer Woche am Bahnhof Gewalt gegen die Polizei ausübten.

    Zeichen des Protests: Anfang Februar platzierten sich die Schweizer Kurven an anderen Orten in den Stadien.

    Zeichen des Protests: Anfang Februar platzierten sich die Schweizer Kurven an anderen Orten in den Stadien.

    Foto: Michael Buholzer (Keystone)

    Wie sähe die richtige Umsetzung des Konkordats aus?

    Die Gewalttäter sollten genauso verfolgt werden, wie wenn sie nicht als Fussballfans auftreten würden. Beim Fussball tritt die Polizei erst massiv auf, danach aber lässt man die Täter ziehen. Der Extrazug fährt ja zurück nach St. Gallen, Basel oder Bern. Das Problem fährt weg. Wenn nun mehr Leute bestraft werden, als es effektiv Täter gab, begreift das kein Fan. Die Polizei sollte prüfen, ob man das Aufgebot um die Stadien zurückfahren könnte, um mehr in die Einzeltäterverfolgung zu investieren.

    Ist das Kaskadenmodell der Weg des geringsten Widerstands?

    Man packt das Problem damit sicher nicht am Ursprung an. Mir fehlt die Antwort auf die Frage: Warum kommt es zu Ausschreitungen? Mit dem Modell wird nur geschaut, welche Clubfarben die Täter trugen, wie heftig die Ausschreitungen waren und ob diese dann Kaskade 1, 2 oder 3 zur Folge haben. Einfach, aber nicht zielführend. Wie wenn in einem Kindergarten diese Regeln gelten würden: Spielzeug wegnehmen heisst: Entschuldigung sagen. Spielzeug über den Kopf hauen heisst: Geschenk für das Opfer basteln. Drei bis vier Kinder werfen Spielzeuge im Raum herum heisst: Kindergarten morgen für alle geschlossen.

    Maurice Illi.

    Maurice Illi.

    Foto: Franca Pedrazetti

    Maurice Illi ist Soziologe und befasst sich seit seinem Studium mit Hooliganismus. Er war Fanarbeiter bei der Europameisterschaft 2004 und der Weltmeisterschaft 2006. 12 Jahre arbeitete er als Sicherheitsmanager der Stadt Luzern und war Mitglied des Vereins Fanarbeit. Aktuell lässt er sich zum Primarlehrer ausbilden und ist freischaffend als Sicherheitsberater tätig.

    Wer ist schuld an diesem Desaster?

    Schuldig sind 16- bis 30-jährige Männer, die den Fussball nutzen, um ihre Vorstellung von Stärke und Macht zu zeigen. Für nachhaltige Lösungen sollte man die Diskussion bei dieser Gruppe ansetzen. Soziologisch und psychologisch lautet die Frage: Warum verhalten sich diese Personen so? Woher kommt die Lust, am Bahnhof Altstetten die Polizei anzugreifen? Antworten darauf wären zielführender als Aussagen wie: «Der Fussball zieht diese Leute eben an.» Ich glaube, ohne Fussball wären diese Leute einfach an einem anderen Ort.

    Und doch ist der Fussball die einfachste Plattform, um das auszuleben.

    Ja. Der Fussball organisiert den Gewalttätern ihr Hobby. Dank dem Spielplan der Liga wissen sie, an welchem Tag welche Gegner kommen oder wohin sie reisen. Sie wissen, welche Aktionen – Extrazug anhalten, Gegner zwei Stunden vor dem Match abpassen, Polizeisperre durchbrechen – ihnen einen Adrenalinkick geben. Wir reden hier von der Ausübung illegaler Freizeitbeschäftigungen inmitten unserer immer zivilisierteren Gesellschaft.

    Stichwort Freizeit: Fussballstadien sind die grössten Jugendhäuser.

    Ja. Wo gehen wir am Wochenende hin? Ins Jugendhaus! Nur ist es nicht mehr die besprayte Baracke im Dorf, sondern das Stadion. Und dieses Jugendhaus fasst eben nicht 100 Leute, sondern 20’000, wovon 5000 in der Kurve stehen. Das kann eine unkontrollierbare Masse werden, wenn sich eine Eigendynamik entwickelt; auch wenn es nur 50 bis 60 Personen sind.

    Einigkeit in der Fanszene: Auch in Lausanne protestierten die Anhänger.

    Einigkeit in der Fanszene: Auch in Lausanne protestierten die Anhänger.

    Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

    Welche Verantwortung haben die Clubs für ihr Jugendhaus?

    Eine grosse! Der Fussball lockt viele Menschen an, das ist erfreulich. Für diese Masse fehlen aber die Strukturen. Wenn jeden Samstag 100 Leute ins Jugendhaus gehen, braucht es drei oder vier Jugendarbeiter. Wir haben in der Kurve nun aber 5000. Ich sage nicht, der FCZ müsse jetzt 50 Jugendarbeiter anstellen. Aber er soll vor allem den jungen Fans vorleben, wie man sich vor und im grössten Jugendhaus des Kantons verhält.

    In einem Interview mit dieser Redaktion sagte FCZ-Präsident Ancillo Canepa, die Hauptverantwortlichen, über die nie jemand spreche, seien die Eltern. Wie sehen Sie das?

    Da bin ich gleicher Meinung. Sollen 12- oder 13-Jährige tatsächlich schon allein in die Südkurve? Aber wenn sie ohne Eltern kommen, welche Haltung habe ich dann als Club: nicht mein Problem? Oder: Wie binde ich diese jungen Fans positiv an den Club? Autogrammstunden mit einem Spieler vor dem Match für Erstbesucher und Worte vom Präsidenten – deswegen spielt der Spieler nachher nicht schlechter. Die Teenies müssen lernen: Ich mache etwas für meinen Verein, nicht gegen den Gegner oder die Polizei.

    Warum wird das nicht gemacht?

    Herr Canepa ist kein Jugendarbeiter, und das muss er nicht sein. Aber er sollte gewillt sein, Unterstützung zu holen. Die gewaltbereite Szene generiert ihren Nachwuchs aus seinem Jugendhaus, also sollte die Nachwuchsarbeit in der Kurve zugunsten des Fussballs geändert werden.

    Das geht auch ins immer wieder genannte Thema Prävention. Hilft das?

    Prävention ist gut, hat aber ein grosses Problem: Sie ist zu langsam. Prävention generiert nicht von heute auf morgen eine Lösung. Und sie wird erst dann eingesetzt, wenn das Geschirr zerschlagen ist. Ein Beispiel: Gemeinde XY hat ein Problem mit trinkenden Jugendlichen auf dem Dorfplatz. Lärm und Littering stören. Wie wird reagiert? Mehr Reinigung, klar. Und Securitas, auch einfach. Was aber passiert: Die Jugendlichen sind immer noch da, nur 300 Meter weiter weg auf dem Schulhausplatz. Und die Gemeinde hat nun auch noch weitere Anwohnende verärgert.

    Das Problem wird verlagert.

    Ja. Was die Jugendlichen genau zu ihrem Verhalten auf dem Dorfplatz bewegt und was ihre Bedürfnisse sind, weiss man aber weiterhin nicht. An diesem Punkt kommt dann erst die Idee der Prävention. Diese braucht aber Zeit, vier bis fünf Jahre. Darum: Das eine tun, das andere nicht lassen. Das Hooligan-Konkordat richtig umsetzen und in die Fussballkurven-Jugendhäuser investieren. In den grösseren Kurven der Schweiz tummeln sich rund 50 bis 60 wirkliche Gewalttäter mit teils sehr geringem Interesse am Fussball selbst. Das ist weniger als ein Prozent der Kurve. Wenn man es schafft, dass es in zehn Jahren nur noch ein Drittel davon ist, wäre das ein Erfolg.

    Eklat im Letzigrund: Im Oktober 2021 warfen FCZ-Anhänger Pyros in die GC-Kurve.

    Eklat im Letzigrund: Im Oktober 2021 warfen FCZ-Anhänger Pyros in die GC-Kurve.

    Foto: Claudio Thoma (Freshfocus)

    Warum regulieren sich die Kurven nicht selber?

    Das kann funktionieren, wenn man die vernünftigen Fans nicht sich selbst überlässt. Nehmen wir den Vorfall vom Oktober 2021, als vermummte FCZ-Fans Pyros in den GC-Sektor warfen. Dort einen festzuhalten und ihm die Maske vom Kopf zu ziehen … Da setzt der gesunde Menschenverstand ein. Wenn die Fans spüren, dass alles Mögliche rund um den Fussball unternommen wird, sind sie gesprächsbereiter und mutiger hinsichtlich Selbstregulierung. Wenn ich aber weiss, was für ein Potenzial es in einer Kurve gibt, dann stelle ich mich als Ü-30-Stehplatz-Fan nicht vor 20 Typen, um zu sagen: Könnt ihr dies oder das lassen? Das ist ein naiver Gedanke.

    Dafür ist die Kurve wohl auch zu komplex.

    Sie besteht aus Grüppchen von jeweils 8 bis 40 Leuten, die sich zu diesem Riesending zusammenschliessen. Viele kennen sich gar nicht. Wenn sie wollen, können sie als Fanchor zu einer gewaltigen, homogenen Masse werden. Aber in sich selbst ist das Ganze sehr heterogen. Und trotzdem solidarisiert sich der Kurvenfan im Zweifelsfall mit den Seinen und nicht mit der Politik. Vor allem wenn diese Sektorsperrungen plant, obwohl bloss ein paar wenige Mist gebaut haben.

    Kennen die Behörden diese Klientel zu wenig?

    Ja. Darum müsste es Leute geben, die in der Szene arbeiten – sozioprofessionelle Fanarbeiter zum Beispiel. Leute, die die Kurve spüren und die Fans auch zwischen den Matchs treffen. Sie können Schwingungen aufnehmen und einschätzen, ob etwas im Busch ist. Das schafft kein Polizei-Spotter. Mit Fanarbeit kann man die positiven Ressourcen einer Kurve nutzen. So sind Fans auch bereit mitzuarbeiten. Wenn sie immer erst unter Generalverdacht einbezogen werden, wenn etwas passiert ist, kommt man nicht weiter.

    In der Vorbereitung auf dieses Gespräch sprachen Sie das Projekt «Ragazzi Lucerna» an. Eine Lösung?

    Das Ragazzi-Projekt involviert Teenies unter 16, die im Stadion auftauchen. Die Kids treffen sich in der Freizeit mit dem Fanarbeiter wie in einem Jugendhaus und gestalten eigene Choreos und Fanartikel. In der Kurve sind sie in der Nähe des Fanarbeiters und fahren mit Einverständnis ihrer Eltern auch zu den Auswärtsspielen. Die Ragazzi haben einen Stand vor dem Stadion mit ihren Artikeln. Die Identifikation mit dem Club ist riesig. Man nimmt sie von Beginn an ernst. Jugendliche im Stadion sind eine positive Ressource, wenn man ihnen zeigt, wie Fansein geht.

    Wir reden von 50 bis 60 Übeltätern pro Kurve, teilweise auch mehr. Was für Leute sind das?

    Schwierig zu sagen. Ich lernte Hooligans und Ultras aus allen Berufen und Gesellschaftsschichten kennen. Wenn man die Kurve gut kennt, lässt sich sagen, wer nicht zu den Übeltätern gehört. Mit geschlossenen Sektoren oder ganz ohne Publikum nimmt man sich die Chance, die Fans kennen zu lernen. Fanarbeiter sind Seismografen der Kurve.

    Was kommt auf den Schweizer Fussball zu?

    Es ist sicher nicht zum Nachteil der Liga und der Clubs, dass sie das Kaskadenmodell nicht unterstützen wollen. Wenn jetzt etwas passiert und eine Kurve gesperrt wird, stehen Vereine und Liga gut da. Das Feindbild der Fans werden die Behörden sein. Darum wäre jetzt der ideale Zeitpunkt für die Clubs, auf die Fans zuzugehen: Wir wollen euren Support. Was braucht ihr dazu? Was erwarten wir im Gegenzug von euch? Zuwarten, bis die Emotionen wieder hochkochen, wäre schlecht.

    Genau jetzt gehen die Emotionen aber hoch.

    Ja, stimmt. Gut, haben sich alle Beteiligten Hausaufgaben gegeben. Die Behörden, dass sie das Modell durchziehen müssen, sonst werden sie unglaubwürdig. Und die Liga und die Clubs, die sich klar gegen Gewalt ausgesprochen haben: Nun sollten Taten folgen.

  • Guter Artikel, nicht ideologisch gefärbt oder durch die Fanbrille gesehen.

    Wird uns noch lange beschäftigen ...

    wirklich hervorragend was maurice illi zur problematik sagt. vor allem hat er auch präventive lösungsansätze. aber wie er selber richtig bemerkt: bis diese wirken dauert es 4-5 jahre. auch seine tipps an canepa sind 1a! aber eben auch hier: bis diese wirklich früchte tragen, dauert es jahre.

    schön auch, dass er das kaskadenmodell als nutzloses konstrukt sieht. nicht mal wegen der fehlenden rechtsstaatlichkeit, sondern wegen dem modell an sich. ich finde es durchaus bezeichnend, dass er die sinnlosigkeit dieses modells mit einem kindergartenvergleich beschreibt.

    aber dieses modell finden sowieso nur noch ein paar fdp stammtischplauderis - und natürlich kommentarschreiber, welche in diesem jahrtausend noch in keinem fussballstadion waren - gut. die besonnenen - rechtsstaatlich orientierten kräfte - werden am schluss dafür sorgen, dass dieses modell zu dem verkommt was es verdient: zu einem reinen papiertiger!

    aber ja, das thema wird uns noch lange beschäftigen. und zwar solange, bis die clubs mit grosser fankurve illis ideen - zumindest einzelne davon - umsetzen. und noch wichtiger: solange, bis die polizei intensiv mit der einzeltäterverfolgung beginnt und auch sonstige möglichkeiten aus dem hooligankonkordat (endlich) umsetzt.

    aber das kann sie erst, wenn sie über mehr personelle und finanzielle ressourcen verfügt. also noch lange nicht…

    NieUsenandGah

    Einmal editiert, zuletzt von snowcat (29. März 2024 um 08:48)

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